https://www.faz.net/-gqe-157ee

Nuklearallianz : Siemens baut auf russische Kerntechnik

Bild: F.A.Z.

Seit Ende Januar zeichnet sich ab, dass Siemens bei der Atomtechnik künftig mit dem russischen Nuklearkonzern Atomenergoprom zusammenarbeiten will. Nun geht alles schneller als erwartet. Am Abend wurde eine Absichtserklärung zum Aufbau eines Gemeinschaftsunternehmens unterzeichnet.

          3 Min.

          Schneller als erwartet haben sich Siemens und der russische Nuklearkonzern Rosatom auf Grundzüge einer Zusammenarbeit in der Kernenergietechnik geeinigt. Am Dienstagabend unterzeichneten sie eine Absichtserklärung zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens für das zivile Kernkraftgeschäft. Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher und Sergej Kirijenko, Generaldirektor der staatlichen Rosatom, unterschrieben den Vertrag in Berlin. Siemens hatte erst Ende Januar angekündigt, man werde sich aus der Finanzbeteiligung an und Kooperation mit dem französischen Kerntechnologiekonzern Areva zurückziehen.

          Rüdiger Köhn
          (kön.), Wirtschaft
          Andreas Mihm
          (ami.), Wirtschaft

          Auf lange Sicht wollen Siemens und Rosatom im Bau von Kernkraftwerken kooperieren und weltweit als einer der wenigen Komplettanbieter von Kernkraftwerken auftreten, aufsetzend auf der russischen Druckwasserreaktor-Technologie. Bis Ende April sollen Einzelheiten über Struktur und Mitspracherechte geklärt werden. Über den Vertrag wird dann auch der Siemens-Aufsichtsrat befinden. Die russische Seite hatte schon den Bau eines neuen Kernkraftwerkes im ostpreußischen Königsberg (Kaliningrad) als ersten Schritt für die Zusammenarbeit vorgeschlagen.

          Siemens will von der Renaissance der Kernkraft profitieren

          Erst Ende Januar hatte der deutsche Industrie- und Elektrokonzern angekündigt, die seit 2001 bestehende Kooperation mit der französischen Areva aufzukündigen und sich einen neuen Partner zu suchen (siehe Siemens steigt aus Gemeinschaftsunternehmen mit Areva aus ). Siemens hatte seine gesamten Nuklearaktivitäten in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Areva eingebracht, an dem die Deutschen seitdem 34 Prozent gehalten haben. Zwar entsprach dies einer Sperrminorität und gewährte somit ein gewisses Mitspracherecht. Doch blieb Siemens weitgehend von Entscheidungen ausgeschlossen.

          Siemens könnte mit dem Bau von Generatoren an der Renaissance der Kernkraft teilhaben
          Siemens könnte mit dem Bau von Generatoren an der Renaissance der Kernkraft teilhaben : Bild: dpa

          Das soll sich mit dem russischen Staatsunternehmen Rosatom ändern: Siemens will in einer Zusammenarbeit mit den Russen, die von Ministerpräsident Wladimir Putin stark befördert und von der deutschen Regierung zumindest mitgetragen wird, mehr operativen Einfluss ausüben. Das dürfte sich in der Konstruktion des neuen Gemeinschaftsunternehmens niederschlagen. Siemens weiß, dass man in dem von russischer Seite als „strategisch“ eingeschätzten Industriezweig keine Kapitalmehrheit bekommen wird.

          Siemens will nun stärker von der weltweiten Renaissance der Kernkraftwerke profitieren. In der Branche, die in den vergangenen Jahren einem starken Konzentrations- und Fusionsprozess ausgesetzt war, ist die Rede davon, dass bis zum Jahr 2020 rund 400 neue Kernkraftwerke mit einem Marktvolumen von rund 1000 Milliarden Euro gebaut werden könnten. Das entspräche rechnerisch etwa einer Verdoppelung des heutigen Bestands. Selbst wenn nur die Hälfte davon realisiert würde, was Fachleuten realistisch erscheint, könnte die übersichtliche Branche mit vier weltweit präsenten Herstellern oder Konsortien davon erheblich profitieren.

          Siemens hat keine Kompetenz mehr im „heißen Geschäft“ - aber bei Turbinen

          Eine Kooperation mit den Russen scheint die einzige Option, die Siemens hat. Da die Deutschen keine Kompetenz mehr im „heißen Geschäft“ etwa mit dem Reaktor und den Brennelementen haben, können sie mit den nicht minder wichtigen Komponenten wie Turbinen, Generatoren oder Betriebsleittechnik partizipieren. Atomenergoprom, die Muttergesellschaft von Rosatom, bietet die gesamte Kette im Nuklearbereich von der Urangewinnung über Reaktoren, Brennelemente, Aufbereitung und Lagerung an. Siemens wird auch nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die russischen Kraftwerke auch westeuropäischen Sicherheitsnormen entsprächen.

          Neben der französischen Areva und Rosatom - die beide die gesamte Kette vom Uranabbau über den Kraftwerksbau bis zur Aufbereitung im Programm haben - sind Toshiba/Westinghouse und General Electric/Hitachi die einzigen derzeit weltweit präsenten Konkurrenten im Kraftwerksbau. Sie wären aus deutscher Sicht für eine Zusammenarbeit eher nicht in Frage gekommen, weil sie neben dem „heißen Geschäft“ selber konventionelle Komponenten im Angebot haben.

          Andererseits kommt es immer wieder zu Kooperationen. So haben Areva/Siemens Reaktoren russischer Bauart modernisiert. Gebaut werde, was und von wem die Kunden es verlangten, heißt es bei großen Energieversorgern. Da auch Kernkraftwerke aus unterschiedlichsten Komponenten - ziviler wie nuklearer Art - gebaut würden, gebe es immer Kombinationsmöglichkeiten auf Herstellerseite.

          Deshalb soll die bis zur Jahresmitte geplante Aufkündigung der Finanzbeziehung von Siemens und Areva auch nicht das Ende ihrer Lieferbeziehungen bedeuten. Siemens hatte Ende Januar das Recht wahrgenommen, seinen Anteil von 34 Prozent Areva anzudienen. Dabei könnte die Transaktion dieses Paketes mit einem Wert von rund 2 Milliarden Euro normalerweise erst im Jahr 2012 erfolgen. Doch arbeiten beide Seiten an einer schnelleren Lösung. Neben dem Preis ist ein anderer wesentlicher Verhandlungspunkt auch die Konkurrenzausschlussklausel. Sie würde es Siemens normalerweise acht Jahre verbieten, in dem Nukleargeschäft tätig zu werden.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Die Zukunft der Globalisierung

          Gedenken an Herbert Giersch : Die Zukunft der Globalisierung

          Die Corona-Pandemie beendet die Globalisierung nicht. Doch sie wird sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Eindrücke vom Symposium anlässlich des 100. Geburtstags von Herbert Giersch.

          Topmeldungen

          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.

          Cyberattacke auf Pipeline : Erpressung in Arbeitsteilung

          Der Hacker-Angriff auf eine amerikanische Pipeline zeigt: Cyberkriminelle professionalisieren ihre Geschäftsmodelle. Sie investieren in Software und Öffentlichkeitsarbeit.
          Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

          Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

          Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.