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1 Jahr NSA-Skandal : Ein Erdbeben namens „Prism“

Haus der 1000 Augen: NSA-Zentrale in Fort Meade Bild: dpa

Vor einem Jahr begann der NSA-Skandal. Er brachte die Internetbranche in Amerika in Erklärungsnot, sie geht seither auf Distanz zur Regierung. Aber eine unangenehme Wahrheit bleibt.

          3 Min.

          An diesem Freitag vor genau einem Jahr bekam das Wort „Prism“ für die Welt eine ganz neue Bedeutung. Wie die „Washington Post“ damals enthüllte, ist dies der Name eines Spähprogramms, mit dem der amerikanische Geheimdienst NSA gewaltige Mengen von Daten aus dem Internet einsammelt, von E-Mails über Fotos bis zu Daten aus sozialen Netzwerken. Es war ein Erdbeben nicht nur für die NSA, sondern auch für einige der prominentesten amerikanischen Technologiekonzerne, die in dem Bericht als Lieferanten dieser Daten identifiziert wurden.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Auf gleichzeitig veröffentlichten NSA-Folien wurden die acht Unternehmen aufgelistet, die nach und nach Teil des „Prism“-Programms geworden sein sollen, angefangen mit Microsoft im Jahr 2007, gefolgt von Yahoo, Google, Facebook und einigen anderen, bis hin zu Apple 2012. Daten würden direkt von den Rechenzentren dieser Unternehmen abgegriffen, hieß es auf einer der Folien.

          Die „Prism“-Enthüllung war eine der ersten in einer Serie von Berichten, die auf Informationen des früheren Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zurückgingen. In den vergangenen zwölf Monaten sind immer neue Methoden bekanntgeworden, mit denen sich die NSA und Geheimdienste anderer Länder persönliche Daten beschaffen, und oft spielten amerikanische Technologiekonzerne eine große Rolle. Die Konzerne sehen sich seither zum Krisenmanagement gezwungen: Sie haben Verdächtigungen zurückgewiesen, willige Komplizen von Geheimdiensten zu sein, und sie sind mehr und mehr auf Konfrontationskurs mit der amerikanischen Regierung gegangen.

          Kein Entkommen

          Aber sie haben es bis heute nicht geschafft, die argwöhnische Öffentlichkeit zu beruhigen, zumal sie einer unangenehmen Wahrheit nicht entkommen kommen: Das Geschäftsmodell von Unternehmen wie Google und Facebook hat einiges gemeinsam mit den Interessen der NSA. Ihnen allen geht es darum, aus dem Ausschlachten persönlicher Daten Nutzen zu ziehen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Während die NSA auf Erkenntnisse hofft, die dem nationalen Wohl dienen, wollen die Unternehmen ihre Werbeumsätze maximieren. Je mehr sie über einen Nutzer wissen, umso relevantere Werbung können sie ihm zeigen. Der NSA-Skandal traf vor allem Google und Facebook an einer verwundbaren Stelle, denn diese beiden Unternehmen sind schon oft wegen ihrer Datenschutzpraktiken in die Kritik geraten.

          Die amerikanische Regierung und die Technologiebranche blicken auf eine lange Tradition partnerschaftlicher Zusammenarbeit zurück. So hat die Regierung einst mit Militärausgaben die Initialzündung für den Aufstieg des kalifornischen Silicon Valley zur Technologiehochburg gegeben, und bis heute gibt es Berührungspunkte zuhauf. Aber als die NSA-Affäre losbrach, gaben sich die Unternehmen zunächst ahnungslos. In auffällig ähnlichen Stellungnahmen ließen einige verlauten, sie würden dem Geheimdienst keinen „direkten Zugang“ zu ihren Computersystemen geben, auch wenn Snowden genau das Gegenteil behauptete. Manche sagten, sie hätten vorher noch nie etwas von „Prism“ gehört. Sie wiesen weiter darauf hin, dass sie Daten nur auf richterliche Anordnung herausgeben. Im Laufe der Monate wurden weitere Spähmethoden bekannt, und bei einigen schienen die Schnüffeleien tatsächlich ohne das Wissen der Unternehmen zu geschehen. So soll die NSA etwa im Rahmen des Programms „Muscular“ den Datenverkehr zwischen den Rechenzentren von Google und Yahoo abgefangen haben.

          Distanz zur Regierung

          Je mehr Enthüllungen kamen, umso mehr gingen die Unternehmen auf Distanz zur Regierung. Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte, die Regierung habe es „vermasselt“, Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt verglich die Spähprogramme der NSA mit Hacker-Attacken aus China. John Chambers, der Vorstandschef des Netzwerkausrüsters Cisco, entrüstete sich in einem Brief an den amerikanischen Präsidenten Obama: „Wir können so nicht arbeiten.“ Zuvor hatte es einen Bericht gegeben, wonach die NSA Geräte von Cisco beim Versand abgefangen hat, um in ihnen Spionagesoftware zu installieren. Jenseits der Kritik haben Unternehmen auch versucht, den Geheimdiensten ihre Arbeit zu erschweren, etwa mit Verschlüsselungstechnik.

          Obama hat versucht, die Technologieindustrie zu beschwichtigen. So traf er sich mehrmals im Weißen Haus mit prominenten Branchenvertretern, darunter Zuckerberg und Schmidt. Die Unternehmen konnten sich auch ein Stück weit mit ihrer Forderung durchsetzen, in größerem Detail über Anfragen von Geheimdiensten sprechen zu dürfen. Dennoch gehen ihnen die bislang angestoßenen Reformen der Geheimdienste nicht weit genug. Erst am Donnerstag schaltete eine Gruppe von Technologiekonzernen ganzseitige Anzeigen mit einem offenen Brief an Mitglieder des Senats und erklärte darin die aktuelle und gegenüber einem ursprünglichen Entwurf stark verwässerte Version einer NSA-Reform für unzureichend.

          Der Schaden ist jedenfalls angerichtet: Mehrere amerikanische Unternehmen haben beklagt, der NSA-Skandal habe ihr Geschäft belastet. Forrester Research schätzte, der Branche könnten in den nächsten Jahren Umsätze von bis zu 180 Milliarden Dollar entgehen. Und auch die Befürchtung von Internetkonzernen, die Enthüllungen könnten das Vertrauen von Verbrauchern beschädigen, ist offenbar nicht unbegründet. Nach einer in dieser Woche veröffentlichten Umfrage des deutschen Technologieverbandes Bitkom misstrauen mehr als zwei Drittel der Internetnutzer Unternehmen, wenn es um den Umgang mit persönlichen Daten geht. Vor drei Jahren war es noch weniger als die Hälfte.

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