https://www.faz.net/-gqe-15mps

Notfallplan in Arbeit : Lufthansa-Piloten streiken ab Montag

  • Aktualisiert am

Start auf dem Flughafen Frankfurt Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Die Piloten der Lufthansa haben sich für einen Streik ausgesprochen. Ab Montag wollen sie den Flugverkehr des Konzerns lahm legen. Laut der Pilotenvereinigung Cockpit stimmten in einer Urabstimmung über 90 Prozent dafür. Die Fluggesellschaft rüstet sich mit einem Notfallplan.

          Die Piloten der Lufthansa haben sich für einen Streik ausgesprochen. Laut der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) stimmten in einer Urabstimmung über 90 Prozent dafür. Die Gewerkschaft hatte die rund 4500 Lufthansa-Piloten zu einer Urabstimmung aufgerufen. Für einen unbefristeten Streik mussten 70 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder grünes Licht geben. Seit Wochen hatte sich laut VC eine breite Zustimmung für den Streik abgezeichnet. Die Piloten fordern mehr Mitbestimmung und eine Arbeitsplatzgarantie unter dem bestehenden Konzerntarifvertrag. Die Lufthansa ist dazu nicht bereit.

          Die Fluggesellschaft rüstet sich mit einem Notfallplan. Die Vereinigung Cockpit kündigt nun zunächst Streiks vom 22. bis 25. Februar an. Von den zunächst befristeten Streiks sind nicht nur die Passagiere von Deutschlands größter Fluglinie, sondern auch die Tochtergesellschaften „Lufthansa Cargo“ und „German Wings“ betroffen.

          Piloten fürchten Auslagerung von Stellen

          Kern der Auseinandersetzung ist der Wunsch der Gewerkschaft, die Auslagerung von Stellen in billigere Tochtergesellschaften zu stoppen, was der Konzern aber nicht ausschließen will. Für eine derartige Zusage wären die Piloten auch zu einer Nullrunde beim Gehalt bereit.

          Beim Auszählen der Stimmen in Frankfurt

          Der Streit zwischen dem Management und VC entzündete sich im vergangenen Dezember, als die Unterhändler ihre seit Mai 2009 geführten Verhandlungen für gescheitert erklärten. Von der Lufthansa fordert die Piloten-Gewerkschaft, dass sie den Bestand ihrer Arbeitsplätze in Deutschland garantiert, obwohl gleichzeitig ein ehrgeiziges Sparprogramm in Milliardenhöhe umgesetzt wird.

          Die Absage des Arbeitgebers ist eindeutig: „Wenn wir nicht wettbewerbsfähig sind, können wir auch keine Arbeitsplatzsicherheit per Tarifvertrag garantieren“, ließ Lufthansa-Manager Roland Busch Anfang Februar die Mitarbeiter wissen. Danach müsse seine Gesellschaft weiter Kosten im Langstreckengeschäft sowie auf einigen Routen in Europa senken, um endlich profitabel zu werden und sicher zu stellen, „dass uns die Billigkonkurrenz nicht die Butter vom Brot nimmt“, warnte er in der Hauszeitung „Lufthanseat“.

          Im Branchenvergleich fürstlich entlohnt

          Angesichts der Dramatik fürchten jetzt die Piloten der Lufthansa, die im Branchenvergleich fürstlich entlohnt und mit üppigen Pensionen bedacht werden, um Privilegien und Besitzstände. Beispielsweise stört die Standesorganisation der Flugzeugführer, dass nach dem jüngsten Kauf der europäischen Konkurrenten Brussels Airlines, AUA sowie der Gründung der Tochtergesellschaft „Lufthansa Italia“ neue, erfolgsorientierte Vergütungssysteme Eingang in den Konzern finden, die das gewohnte Gehaltsgefüge gefährden oder gar in Frage stellen.

          Das Anfangsgehalt eines Lufthansa-Piloten liegt derzeit laut Branchenschätzungen zwischen 60.000 und 70.000 Euro brutto im Jahr. Das Kapitänsgehalt eines Piloten mit über zehnjähriger Berufserfahrungen bewegt sich grob zwischen 150.000 Euro und 220.000 Euro. Spitzenverdiener erreichen Gehälter von bis zu 300.000 Euro.

          Die Ausbildung zum Piloten wird von der Lufthansa vorfinanziert; nach dem Start im Liniendienst müssen die Piloten aber 60.000 Euro Eigenanteil an den Kosten zurückzahlen (siehe auch Pilotenausbildung: Nur die Besten heben ab).

          Erster großer Pilotenstreik seit 2001

          Zu den „Besitzständen von einst“, die bislang noch eine Tarifvereinbarung von 1992 garantiert, gehört auch die sogenannte 70-Sitzer-Regel. Danach sind alle Flugzeuge mit einer Größe von mehr als 70 Sitzplätzen dem Einsatz von Lufthansa-Piloten exklusiv vorbehalten. Sie dürfen nicht vom Personal der kostengünstigeren Regionalgesellschaften Cityline oder Eurowings geflogen werden. Lufthansa-Manager Busch gehen solche Ansprüche der Pilotenschaft allerdings entschieden zu weit: „Die Annahme, unternehmerische Entscheidungen wie die über die Bedienung von Flugstrecken könnten von der Zustimmung einer Gewerkschaft abhängig gemacht werden, ist ein Irrweg“, sagte er im Vorgriff der VC-Entscheidung.

          Es ist der erste große Pilotenstreik seit 2001. Bei den damaligen Arbeitskämpfen standen Gehaltsaufschläge von 35 Prozent zur Debatte. Damals half Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher als Vermittler in zähen Verhandlungen eine Lösung zu finden. Der streikbedingte Geschäftsausfall schlug bei der Lufthansa damals mit rund 25 Millionen Euro am Tag zu Buche. Seitdem gab es lediglich Ausstände bei der günstigeren Tochter CityLine, die aber keine Interkontinentalverbindungen anbietet. Im Sommer 2008 hat zudem das Boden- und Kabinenpersonal der Lufthansa gestreikt.

          Die Vereinigung Cockpit: eine selbstbewusste Mini-Gewerkschaft

          Die 1969 als Berufsverband gegründete Vereinigung Cockpit (VC) hat ihre gewerkschaftliche Kraft erst vor zehn Jahren entdeckt. Damals schockte die kleine Pilotengewerkschaft die Lufthansa mit einer Forderung nach 30 Prozent mehr Geld, die sie 2001 in einem harten Streik auch weitgehend durchsetzte.

          Bis dahin hatte die Vereinigung zusammen mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) eine Tarifgemeinschaft gebildet und eine im internationalen Vergleich eher niedrige Pilotenbezahlung zugelassen. Den Weg der DAG in die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi machten die Piloten nicht mit und wurden lieber eigenständig.

          Inzwischen sieht sich die in Frankfurt sitzende Vereinigung zumindest bei der Lufthansa auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern. Die VC vertritt nach eigenen Angaben rund 8200 Besatzungsmitglieder von Verkehrsflugzeugen und Verkehrshubschraubern. Der größte Teil arbeitet bei der Lufthansa , aber auch in allen anderen deutschen Luftfahrtgesellschaften hat die VC nach eigenen Angaben Mitglieder. Neben der Tarifpolitik sieht die VC die soziale Absicherung ihrer Mitglieder und die Sicherheit des Luftverkehrs als wichtige Aufgaben.

          Weitere Themen

          Kampf gegen den Dampf Video-Seite öffnen

          San Francisco : Kampf gegen den Dampf

          Nicht nur das Rauchen, auch die Herstellung von E-Zigaretten wird in San Francisco verboten. Eine schwierige Situation für die Ortsansässigen wie Juul Labs, einer der größten Hersteller von E-Zigaretten.

          Weitere 24 Satelliten für das Weltall Video-Seite öffnen

          Falcon Heavy gestartet : Weitere 24 Satelliten für das Weltall

          Tesla-Chef Elon Musk will in den kommenden Jahren ein enges Geflecht an Satelliten aufbauen, um ein weltumspannendes Internet zu erschaffen. Die 24 Satelliten, die die Rakete Falcon Heavy an Board hat, sind für die Nasa, das amerikanische Verteidigungsministerium und Universitäten.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.
          Unter Druck: Hessens Innenminister Beuth (CDU)

          Die Akte Stephan E. : Sachbeschädigung, Körperverletzung, versuchter Totschlag

          Nach dem Geständnis im Fall Lübcke werden neue Details über Stephan E. bekannt: Zu dem mutmaßlichen Mörder gibt es 37 Einträge im polizeilichen Informationssystem. Der zuständige hessische Minister Beuth rechtfertigt sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.