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Nokias Niedergang : Das finnische Wunder ist zu Ende

Anfangs galt Nokia als coolste Handymarke der Welt. Das ist vorbei Bild: REUTERS

Vor zehn Jahren war Nokia der Stolz Finnlands. Das Unternehmen hatte die coolste Handymarke der Welt geschaffen - ganz ohne die coolen Jungs aus dem Silicon Valley. Das ist vorbei. Jetzt will sich der neue Chef Microsoft anschließen. Finnland ist entsetzt.

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          Wenn zwei alte Schlachtschiffe aufeinander treffen, um es gemeinsam noch einmal mit dem Rest der Welt aufzunehmen, dann dürfte das so aussehen wie jenes Treffen am vergangenen Freitag im Konferenzsaal des Intercontinental Park Lane in London. Kurz nach 10 Uhr Ortszeit verkündete Stephen Elop, Chef von Nokia, die neue Strategie des finnischen Handy-Riesen – und hatte einen Überraschungsgast im Schlepptau: Steve Ballmer, Chef des amerikanischen Software-Giganten Microsoft.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der Partner war Programm. Denn Elop verkündete nicht weniger als eine Revolution für sein Unternehmen – oder die Kapitulation, je nach Sichtweise: Nokia tut sich mit Microsoft zusammen, um gemeinsam in die Schlacht gegen Apple und Google zu ziehen, in den „Krieg der Ökosysteme“, wie Elop es nennt.

          Es geht um Smartphones: Mobiltelefone, die wie ein Computer mit integriertem Telefon funktionieren und die klassischen Handys ablösen. In diesem Markt verbindet Nokia und Microsoft vor allem eins: konsequente Erfolglosigkeit. Der Profit konzentriert sich an anderer Stelle, in Kalifornien. Bei Apple mit seinem iPhone und Google mit seinem Android-Handy-Betriebssystem.

          Bild: F.A.Z.

          Kriegsvokabular und Churchill-Zitate

          Überall auf der Welt werden mobile Funknetze ausgebaut. Künftig surfen Menschen kaum noch am heimischen Computer, sondern stattdessen im Bus, im Park, im Café auf dem Handy. Smartphones sind die Zukunft des Mobilfunkgeschäfts. Die könnte mangels wettbewerbsfähiger Produkte ohne Nokia stattfinden.

          So groß ist die Not, dass Vorstandschef Elop am Freitag zu Kriegsvokabular griff und sogar Winston Churchill bemühte: „Der Pessimist sieht die Schwierigkeiten in jeder Möglichkeit. Der Optimist sieht die Möglichkeiten in jeder Schwierigkeit.“ Die Investoren überzeugte das nicht. Der Nokia-Aktienkurs rauschte in den Keller.

          „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie aufgeregt wir über diese neue Partnerschaft sind“, säuselte Microsoft-Chef Ballmer und klebte wie festgewachsen auf seinem beigen Barhocker. Dabei kann Ballmer durchaus anders: Bei Präsentationen stampft er schon mal wie ein Elefant auf Ecstasy über die Bühne. In Interviews schwingt er gern die Fäuste. Das Trauerspiel vom Freitag hingegen lässt nur einen Schluss zu: Für Microsoft ist die Nokia-Allianz ein Deal von vielen.

          Nokia wird zum Juniorpartner

          Für Nokia aber geht es um alles. Doch welche Möglichkeiten der Nokia-Chef in der Partnerschaft sieht, bleibt sein Geheimnis. Denn Elop – kleiner und weniger bullig als Ballmer – ist mit heftig gestikulierenden Kinderhänden nicht nur optisch der Juniorpartner von Microsoft, sondern auch tatsächlich. Nokia wird seine eigene Smartphone-Software aufgeben und durch die Software von Windows Phone ersetzen.

          Der Handy-Bauer muss sich eingestehen: Alleine kann er die Kunden nicht mehr begeistern. Ob es zu zweit besser klappt, ist fraglich. Zwei dicke, unbewegliche Schlachtschiffe werfen gemeinsam die rostenden Maschinen an, um schneller und innovativer zu werden? Das klingt wie ein schlechter Witz.

          „Was wird jetzt aus Finnland?“

          5,3 Millionen Menschen können darüber nicht lachen: die Finnen. Eine von ihnen stellt nach Elops Präsentation die alles entscheidende Frage „Was wird jetzt aus Finnland?“ Der Saal lacht, doch das war todernst gemeint. Nokia hat nicht nur ein finnisches Herz und eine finnische Sauna im Hauptquartier in Espoo nahe Helsinki. Das Unternehmen bestimmt die Wirtschaft des Landes, wie es das kaum anderswo in der Welt gibt.

          Wer wissen will, was Nokia für Finnland bedeutet, muss mit einem Mann sprechen, der einen komplizierten Namen trägt: Jyrki Ali-Yrkkö. Er arbeitet bei Etla, dem Forschungsinstitut der finnischen Wirtschaft, und beschäftigt sich seit Jahren mit der landesbeherrschenden Firma. „Nokia ist natürlich das mit Abstand größte Unternehmen Finnlands“, sagt er stolz. Zur Jahrtausendwende trug Nokia vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Finnlands bei, heute immerhin noch 1,6 Prozent. Fast 20.000 Finnen arbeiten bei Nokia. 2008 stammten weit über ein Drittel aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung in ganz Finnland von Nokia. Und noch vor fünf Jahren meldete die Firma fast jedes zweite Patent im Land an. Auch die Staatsfinanzen hängen am Tropf des Mobilfunkkonzerns: Zeitweise zahlte Nokia beinahe ein Viertel der Unternehmenssteuern des gesamten Landes.

          Wenn Nokia also hustet, kriegt Finnland Lungenentzündung. Wer in diesen Tagen mit Finnen über den kränkelnden Riesen spricht, erntet depressives Schweigen oder offene Trübsal. Nokia-Chef Elop hat angekündigt, weltweit Leute zu entlassen. Vor allem in Forschung und Entwicklung – und die sitzt zu großen Teilen in Finnland. „Wir sprechen von der größten Umstrukturierung, die Finnland jemals bei den neuen Technologien gesehen hat“, sagt Wirtschaftsminister Mauri Pekkarinen.

          Jeder Finne kennt einen, der bei Nokia arbeitet

          Doch Nokia ist nicht nur Arbeitgeber – jeder Finne kennt einen, der bei Nokia arbeitet –, sondern auch ein Nationalheiligtum. Wer mit Forscher Ali-Yrkkö telefoniert, hört im Hintergrund einen Ton, den hierzulande nur noch die Älteren erinnern: das charakteristische Tütüt-Tütüt des Nokia-Handys, wenn eine Kurznachricht eingeht. Und während man in Deutschland höchstens von iPhone-Nutzern Mails empfängt, unter denen sie stolz verkünden: „von meinem iPhone gesendet“, steht bei den Finnen dort eher: „Lähetetty Nokia-puhelimestani“ – „von meinem Nokia gesendet“

          Im täglichen Leben begegnet der Nokia-Schriftzug den Finnen auf Schritt und Tritt. Von Gummistiefeln über Handtuchhalter, Fernseher, Reifen und Kabel hat das Unternehmen einst fast alles hergestellt. Erst der Zusammenbruch der benachbarten Sowjetunion trieb den biederen Mischkonzern in die Krise – die bisher tiefste in der 140 Jahre alten Firmengeschichte. Als Mobilfunkunternehmen tauchte Nokia aus der Krise wieder auf und wurde stärker als je zuvor.

          Damals leitete der legendäre Jorma Ollila die Firma, ein Finne, auch das restliche Top-Management war rein finnisch. Das ist vorbei. Der neue Chef ist Kanadier. Und jetzt hat er auch noch – passend zur neuen Microsoft-Allianz – sein „Leadership Team“ bedeutend vergrößert. Unter den Neuen ist kein einziger Finne, insgesamt stammen nur noch die Hälfte der Entscheider aus Nokias Heimat.

          Die Zeit des finnischen Managementmodells, zu Nokias Glanzzeiten weltweit bewundert und sogar an Business Schools der amerikanischen Ostküste gelehrt, ist Geschichte. Europa kann kein High-Tech, glauben Investoren, das hätten die vergangenen Jahre gezeigt.

          Nokia wurde das Opfer seines eigenen Erfolgs

          Wie konnte es nur so weit kommen? Razvan Olosu überlegt, wägt seine Worte sorgfältig. Zwölf Jahre war er bei Nokia, davon sieben Jahre als Leiter des Deutschland-Geschäfts. Er ist überzeugt: Nokia wurde das Opfer seines eigenen Erfolgs. Der Laden war schlicht zu groß und unbeweglich. Olosu zeichnet das Bild einer riesigen Behörde, voller Handy-Beamter auf Lebenszeit. In Amerika werde nicht lange gefackelt, wenn nicht geliefert werde, sagt Olosu. Nicht so bei Nokia. „Wenn man mal was verbockt hat, musste man wirklich keine Angst um seinen Job haben.“

          Die Nokianer verbockten einiges: 2004 verschliefen sie den Trend zum Klapphandy, später den Touchscreen, der Apple zum heute zweitgrößten amerikanischen Unternehmen gemacht hat, gemessen am Börsenwert.

          Die starren Strukturen des Molochs Nokia, die ängstliche Denkweise von Top- und mittlerem Management bildeten die Keimzelle für den Niedergang. Es habe viele innovative Mitarbeiter mit tollen Ideen gegeben, sagt Olosu. „Aber umgesetzt wurden die Ideen nie, oder erst nach Jahren.“ Ruhm und Ehre erntete nicht der geniale Entwickler, sondern wer die Produktionskette bis zum letzten Cent ausquetschte.

          Die Besitzstandswahrer setzten sich durch

          Bis heute fertigt der Konzern zu so niedrigen Kosten wie kaum ein anderes Technologieunternehmen. Nokia-Legende Ollila hatte als erster Handy-Hersteller verstanden, wie viel Geld in Produktion und Logistik zu holen ist. Nokia baute einfache und bezahlbare Handys für jeden und überall, das war die Grundlage für den Erfolg. Als Olli-Pekka Kallasvuo Mitte 2006 die Nachfolge von Ollila antrat, klammerte er sich panisch an das Erfolgsrezept des Vorgängers.

          In der Führungsetage brach ein Streit aus: Sollte Nokia nicht mehr investieren in die Entwicklung von coolen Smartphones und in die Software eines geschlossenen „Ökosystems“ mit vielen spaßigen Handyprogrammen? Anstatt weiterhin in den Bau noch günstigerer Handys? Das aber hätte bedeutet, kurzfristig Umsatz abzugeben, eine Gefahr für den Aktienkurs. Die Besitzstandswahrer setzten sich durch. Die Folge zeigte sich beim Hoffnungsträger N97, dessen Programme nicht liefen und das erst 2009 auf den Markt kam, ein Jahr verspätet. „Die immer gleichen Teile in hoher Stückzahl, das war wie eine Religion“, sagt Olosu. „Nokia war darin gefangen.“

          Elop lässt nichts, wie es war

          Während Apple mit dem iPhone 2007 ein einziges Modell auf den Markt warf, musste das Nokia-Betriebssystem in Dutzenden verschiedener Handytypen funktionieren. Als in Finnland die Arbeit an einem Touchscreen-Gerät begann, rechnete man mit sechs Monaten, bis alles passte. Es wurden vier Jahre. Es allen recht machen zu wollen, das sei eben die Art des alten Kontinents, sagt Ex-Nokianer Olosu: „Wir Europäer verstehen den Darwinismus nicht.“

          Nun lässt der Kanadier Elop nichts, wie es war. Und ist drauf und dran, aus dem stolzen Nokia eine Unterabteilung seines früheren Arbeitgebers Microsoft zu machen. Finnland wankt von einem Kulturschock zum nächsten. Schon vor einer Woche hatte der neue Chef erklärt, was er von ihrem Heiligtum hält: Nokia, so Elop, gleiche einer „brennenden Ölplattform.“ Von der müsse man jetzt springen, ins eiskalte Wasser. Damit immerhin kennen die Finnen sich aus. Eis-Schwimmen ist Nationalsport.

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