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Nokias Niedergang : Das finnische Wunder ist zu Ende

Wie konnte es nur so weit kommen? Razvan Olosu überlegt, wägt seine Worte sorgfältig. Zwölf Jahre war er bei Nokia, davon sieben Jahre als Leiter des Deutschland-Geschäfts. Er ist überzeugt: Nokia wurde das Opfer seines eigenen Erfolgs. Der Laden war schlicht zu groß und unbeweglich. Olosu zeichnet das Bild einer riesigen Behörde, voller Handy-Beamter auf Lebenszeit. In Amerika werde nicht lange gefackelt, wenn nicht geliefert werde, sagt Olosu. Nicht so bei Nokia. „Wenn man mal was verbockt hat, musste man wirklich keine Angst um seinen Job haben.“

Die Nokianer verbockten einiges: 2004 verschliefen sie den Trend zum Klapphandy, später den Touchscreen, der Apple zum heute zweitgrößten amerikanischen Unternehmen gemacht hat, gemessen am Börsenwert.

Die starren Strukturen des Molochs Nokia, die ängstliche Denkweise von Top- und mittlerem Management bildeten die Keimzelle für den Niedergang. Es habe viele innovative Mitarbeiter mit tollen Ideen gegeben, sagt Olosu. „Aber umgesetzt wurden die Ideen nie, oder erst nach Jahren.“ Ruhm und Ehre erntete nicht der geniale Entwickler, sondern wer die Produktionskette bis zum letzten Cent ausquetschte.

Die Besitzstandswahrer setzten sich durch

Bis heute fertigt der Konzern zu so niedrigen Kosten wie kaum ein anderes Technologieunternehmen. Nokia-Legende Ollila hatte als erster Handy-Hersteller verstanden, wie viel Geld in Produktion und Logistik zu holen ist. Nokia baute einfache und bezahlbare Handys für jeden und überall, das war die Grundlage für den Erfolg. Als Olli-Pekka Kallasvuo Mitte 2006 die Nachfolge von Ollila antrat, klammerte er sich panisch an das Erfolgsrezept des Vorgängers.

In der Führungsetage brach ein Streit aus: Sollte Nokia nicht mehr investieren in die Entwicklung von coolen Smartphones und in die Software eines geschlossenen „Ökosystems“ mit vielen spaßigen Handyprogrammen? Anstatt weiterhin in den Bau noch günstigerer Handys? Das aber hätte bedeutet, kurzfristig Umsatz abzugeben, eine Gefahr für den Aktienkurs. Die Besitzstandswahrer setzten sich durch. Die Folge zeigte sich beim Hoffnungsträger N97, dessen Programme nicht liefen und das erst 2009 auf den Markt kam, ein Jahr verspätet. „Die immer gleichen Teile in hoher Stückzahl, das war wie eine Religion“, sagt Olosu. „Nokia war darin gefangen.“

Elop lässt nichts, wie es war

Während Apple mit dem iPhone 2007 ein einziges Modell auf den Markt warf, musste das Nokia-Betriebssystem in Dutzenden verschiedener Handytypen funktionieren. Als in Finnland die Arbeit an einem Touchscreen-Gerät begann, rechnete man mit sechs Monaten, bis alles passte. Es wurden vier Jahre. Es allen recht machen zu wollen, das sei eben die Art des alten Kontinents, sagt Ex-Nokianer Olosu: „Wir Europäer verstehen den Darwinismus nicht.“

Nun lässt der Kanadier Elop nichts, wie es war. Und ist drauf und dran, aus dem stolzen Nokia eine Unterabteilung seines früheren Arbeitgebers Microsoft zu machen. Finnland wankt von einem Kulturschock zum nächsten. Schon vor einer Woche hatte der neue Chef erklärt, was er von ihrem Heiligtum hält: Nokia, so Elop, gleiche einer „brennenden Ölplattform.“ Von der müsse man jetzt springen, ins eiskalte Wasser. Damit immerhin kennen die Finnen sich aus. Eis-Schwimmen ist Nationalsport.

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