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Nokias Niedergang : Das finnische Wunder ist zu Ende

Wer wissen will, was Nokia für Finnland bedeutet, muss mit einem Mann sprechen, der einen komplizierten Namen trägt: Jyrki Ali-Yrkkö. Er arbeitet bei Etla, dem Forschungsinstitut der finnischen Wirtschaft, und beschäftigt sich seit Jahren mit der landesbeherrschenden Firma. „Nokia ist natürlich das mit Abstand größte Unternehmen Finnlands“, sagt er stolz. Zur Jahrtausendwende trug Nokia vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Finnlands bei, heute immerhin noch 1,6 Prozent. Fast 20.000 Finnen arbeiten bei Nokia. 2008 stammten weit über ein Drittel aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung in ganz Finnland von Nokia. Und noch vor fünf Jahren meldete die Firma fast jedes zweite Patent im Land an. Auch die Staatsfinanzen hängen am Tropf des Mobilfunkkonzerns: Zeitweise zahlte Nokia beinahe ein Viertel der Unternehmenssteuern des gesamten Landes.

Wenn Nokia also hustet, kriegt Finnland Lungenentzündung. Wer in diesen Tagen mit Finnen über den kränkelnden Riesen spricht, erntet depressives Schweigen oder offene Trübsal. Nokia-Chef Elop hat angekündigt, weltweit Leute zu entlassen. Vor allem in Forschung und Entwicklung – und die sitzt zu großen Teilen in Finnland. „Wir sprechen von der größten Umstrukturierung, die Finnland jemals bei den neuen Technologien gesehen hat“, sagt Wirtschaftsminister Mauri Pekkarinen.

Jeder Finne kennt einen, der bei Nokia arbeitet

Doch Nokia ist nicht nur Arbeitgeber – jeder Finne kennt einen, der bei Nokia arbeitet –, sondern auch ein Nationalheiligtum. Wer mit Forscher Ali-Yrkkö telefoniert, hört im Hintergrund einen Ton, den hierzulande nur noch die Älteren erinnern: das charakteristische Tütüt-Tütüt des Nokia-Handys, wenn eine Kurznachricht eingeht. Und während man in Deutschland höchstens von iPhone-Nutzern Mails empfängt, unter denen sie stolz verkünden: „von meinem iPhone gesendet“, steht bei den Finnen dort eher: „Lähetetty Nokia-puhelimestani“ – „von meinem Nokia gesendet“

Im täglichen Leben begegnet der Nokia-Schriftzug den Finnen auf Schritt und Tritt. Von Gummistiefeln über Handtuchhalter, Fernseher, Reifen und Kabel hat das Unternehmen einst fast alles hergestellt. Erst der Zusammenbruch der benachbarten Sowjetunion trieb den biederen Mischkonzern in die Krise – die bisher tiefste in der 140 Jahre alten Firmengeschichte. Als Mobilfunkunternehmen tauchte Nokia aus der Krise wieder auf und wurde stärker als je zuvor.

Damals leitete der legendäre Jorma Ollila die Firma, ein Finne, auch das restliche Top-Management war rein finnisch. Das ist vorbei. Der neue Chef ist Kanadier. Und jetzt hat er auch noch – passend zur neuen Microsoft-Allianz – sein „Leadership Team“ bedeutend vergrößert. Unter den Neuen ist kein einziger Finne, insgesamt stammen nur noch die Hälfte der Entscheider aus Nokias Heimat.

Die Zeit des finnischen Managementmodells, zu Nokias Glanzzeiten weltweit bewundert und sogar an Business Schools der amerikanischen Ostküste gelehrt, ist Geschichte. Europa kann kein High-Tech, glauben Investoren, das hätten die vergangenen Jahre gezeigt.

Nokia wurde das Opfer seines eigenen Erfolgs

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