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Siemens-Kommentar : Noch keine Entwarnung

  • -Aktualisiert am

Siemens streicht Stellen in der Kraftwerkssparte. Es kommt nicht so hart wie befürchtet. Aber die aktuelle Einigung reicht nicht unbedingt aus.

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          Zeit zum Durchatmen. Seit Monaten gibt es erbitterte Auseinandersetzungen rund um die Stellenstreichungen in der Kraftwerkssparte von Siemens. Jetzt stehen erst mal Eckpunkte, die Konkretisierung kommt in den nächsten Monaten – doch ein vorläufiges Fazit ist schon möglich.

          Die gute Nachricht ist, dass das Turbinenwerk im sächsischen Görlitz bestehen bleibt. Es wird sogar mit einer Leitfunktion und als Kompetenzzentrum für Industriedampfturbinen aufgewertet. Die ausgetragenen Konflikte um Görlitz – das wie kein anderer Standort Sinnbild des drohenden Stellenabbaus ist – haben sich somit für die Beschäftigten dort ausgezahlt. Görlitz war von Politikern instrumentalisiert worden – und profitiert jetzt: Die ohnehin angeschlagene Region kann wieder Hoffnung schöpfen.

          Der Standort Offenbach steht vor dem Aus

          Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es  die sieben anderen deutschen Standorte der Konzerndivision „Power & Gas“ hart treffen wird. Offenbach steht vor dem Aus, auch wenn die Mitarbeiter dort auf anderen Siemens-Arbeitsplätzen in der Rhein-Main-Region untergebracht werden sollen. Auf alle übrigen Werke mit Mülheim als größtem Einzelstandort kommen harte Einschnitte zu. Betriebsbedingte Kündigungen werden immer noch nicht ausgeschlossen. Ob es dazu kommt, hängt von der Kompromissbereitschaft der Verhandlungsparteien ab, die über radikale Kostenschnitte zu verhandeln haben. Weil viel weniger gas- und kohlebetriebene Kraftwerke in Europa gebaut werden, dürften die üblichen freiwilligen Maßnahmen nicht ausreichen – sei es das freiwillige Ausscheiden mit Abfindungen, seinen es Frühpensionierungen, Umsetzungen oder Qualifizierungsmaßnahmen. Nicht umsonst hat Siemens-Personalvorständin Janina Kugel schon einmal vorsorglich über Qualifizierungsmaßnahmen außerhalb des Unternehmens gesprochen. Das sind  Beschäftigungsgesellschaften, in die Mitarbeiter untergebracht werden; das gilt nicht als betriebsbedingte Kündigung.

          SIEMENS

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          Unabhängig davon sollten sich alle Beteiligten – und das ist seine sehr betrübliche Botschaft – darauf einstellen, dass selbst nach den weiteren Einigungen keine Ruhe einkehren wird. Es mag schwer zu verstehen sein, dass drastische Maßnahmen notwendig sind. Schließlich gibt es noch eine Menge Arbeit im Kraftwerksbau. Doch die wird in den nächsten Jahren dramatisch schwinden, erst für den Bau, in der Folge auch für die noch wichtigeren, ertragreichen Dienstleistungen wie die Wartung von Anlagen. Auf Jahre hinaus stellt sich die Branche darauf ein, dass die Aufträge für den Bau großer Kraftwerke mit jährlich rund 100 Stück ein Bruchteil vergangener Dimensionen sein wird. Die Produktionskapazitäten der großen Anbieter Siemens, General Electric, Mitsubishi und Ansaldo sind vier mal so groß.

          Die Krise im konventionellen Geschäft wird dank der vorrückenden erneuerbaren Energien dauerhaft sein. Im Vergleich dazu sind die nun im Siemens-Konzern diskutierten Einschnitte verhältnismäßig klein; auch wenn ein Viertel der 12.000 Arbeitsplätze im Inland betroffen sind. Doch der Abbau erfolgt über drei bis vier Jahren. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass die Siemensianer von einer sich  verschärfenden Marktentwicklung in Zukunft überrollt werden kann. Die in den nächsten Monaten mühsam getroffenen Vereinbarungen über den Interessenausgleich könnten damit nicht die letzten sein. Darauf sollten sich alle Seiten mental einstellen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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