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Ehemaliger Ghosn-Vertrauter : Nissan beschleunigt Saikawas Rücktritt

Hiroto Saikawa ist seinen Job als Nissan-Chef schon wieder los. Bild: Reuters

Nissan trennt sich schneller als erwartet vom Chef Hiroto Saikawa. Der scheidende Boss wirft seinem geschassten Vorgänger Carlos Ghosn einen emotionalen Abschiedsgruß hinterher.

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          „Ich möchte, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie das Unternehmen in diese Lage gebracht haben.“ Zu nächtlicher Stunde, schon nach 22 Uhr Ortszeit, als Antwort auf die letzte Reporterfrage, zeigt Hiroto Saikawa Gefühl. Was er heute über Carlos Ghosn und Greg Kelly denke, wollte der Journalist wissen. Die ehemaligen Nissan-Manager Ghosn und Kelly sind in Japan der finanziellen Unregelmäßigkeiten und Bereicherung zu Lasten Nissans angeklagt. „Ich möchte, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie den Kunden, den Mitarbeitern und anderen Sorgen bereitet haben“, sagt Saikawa auf eine sehr direkte, wenig japanische Art und Weise.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Alleine sitzt der scheidende Nissan-Chef an einem langen Tisch in diesem bedrückend nüchternen Konferenzraum, in dem Nissan wie fast immer auf jeden Schmuck verzichtet hat. Ein wenig Glanz gibt es dort nur bei den Finanzpressekonferenzen mit einem weißen Pult und Stehpodest. Für Glanz aber ist an diesem Tag nicht die Zeit. Gerade hat Nissan bekannt gegeben, dass der 65 Jahre alte Saikawa als CEO zum 16. September zurücktreten wird. Als Interimsnachfolger folgt erst mal der für das operative Geschäft zuständige, 63 Jahre alte Yasuhiro Yamauchi. Bis Ende Oktober will der Nominierungsausschuss dann den dauerhaften Nachfolger gefunden haben.

          Umstrittene Bonuszahlung

          Für Saikawa kam das wohl ein wenig früh, wie er andeutet. Seit im November der Skandal um den früher allmächtigen Chef der Renault-Nissan-Allianz aufbrach, hatte Saikawa immer signalisiert, nicht an seinem Amt zu kleben und den Weg frei zu machen, wenn das Unternehmen wieder auf eine solide Basis gestellt sei. Noch im Juni bei der Hauptversammlung habe er viele Meilensteine gesehen, die er mit Nissan habe erreichen wollen.

          Doch der Verwaltungsrat entschied am Montag anders. Saikawa habe in jüngster Zeit seinen Willen zum Rücktritt erklärt, heißt es in der Erklärung des Gremiums. Man sei dann zum Schluss gekommen, dass ein sofortiger Rücktritt das Beste wäre, sagte der externe Vorsitzende des Verwaltungsrates, Yasushi Kimura. Eine rechte Erklärung für den Zeitpunkt blieb Kimura schuldig. Einen direkten Zusammenhang zu der überhöhten Bonuszahlung von 47 Millionen Yen (rund 400.000 Euro), die Saikawa 2013 erhielt, zieht er nicht.

          Doch es ist offensichtlich, dass die erhöhte Zahlung, für die der Auszahlungstermin eines am Aktienkurs hängenden Bonus extra verschoben wurde, den Abgang Saikawas beschleunigt hat. Der Vorgang sei von Saikawa nicht willentlich angeordnet und deshalb nicht illegal, sagt Kimura, verstoße aber gegen hausinterne Regeln. Der angeklagte Manager Greg Kelly habe das Auszahlungsdatum verschoben.

          Warum aber Nissan und der Verwaltungsrat sich bei dieser Wertung nur auf die Aussage Saikawas verlassen und den Beschuldigten Kelly nicht gehört haben, kann Kimura nicht beantworten. Es bleibt der Verdacht, dass Nissan im Fall Saikawa andere Bewertungsmaßstäbe anlegt als bei Ghosn und Kelly.

          Rasanter Wandel zum Ghosn-Kritiker

          Der Verdacht besteht auch, weil die Rolle Saikawas in dem Skandal um Ghosn nicht geklärt ist. Er könnte in die Gehaltszusagen, die Ghosn sich für die Zeit nach seinem Abschied von Nissan gemacht haben soll, involviert gewesen sein. Eines der Dokumente mit den angeblichen zukünftigen Zahlungen an Ghosn trägt nach einer externen Untersuchung im Auftrag Nissans die Unterschrift von Saikawa.

          Für den scheidenden Nissan-Chef waren die letzten Monate ein rasanter Wandel vom Manager, der in enger Zusammenarbeit mit Ghosn Karriere machte, zum scharfen Kritiker Ghosns und am Montag nun zum CEO auf Abruf. Direkt im November nach der Festnahme Ghosns hatte Saikawa vor Journalisten Ghosn der zu großen Machtfülle bezichtigt und eine tiefe persönliche Enttäuschung über dessen Fehlverhalten gezeigt. Er stellte sich an die Speerspitze derjenigen, die Nissan auf eine neue solide Basis stellen wollten.

          Mit dem nun schnellen Abschied bleibt Saikawa, der 42 Jahre lang bei Nissan arbeitete und der dem Unternehmen mehr als verbunden ist, der Trost, dass er einen entscheidenden Meilenstein erreicht hat. Im Juni beschloss die Hauptversammlung die neue Managementstruktur mit drei Ausschüssen. Diese sind mit vielen externen Mitgliedern besetzt und sollen sich um die Nominierung neuer Spitzenmanager, um die Vergütung und um das Audit kümmern. Saikawa wollte mit dieser Struktur sicherstellen, dass finanzielle Verfehlungen und Auswüchse, wie sie Ghosn vorgeworfen werfen, künftig nicht mehr passieren.

          Lange Liste potentieller Nachfolger

          Wer wird Saikawa nachfolgen? Man habe aus einer Liste von mehr als 100 möglichen Personen schon etwa zehn Kandidaten ausgesucht, erklärte am Montag Masakazu Toyoda, der externe Vorsitzende des Nominierungsausschuss. Dabei gebe es externe und interne Kandidaten, auch Frauen seien auf der Liste.

          In Medienberichten werden genannt als mögliche interne Nachfolger Makoto Uchida, der derzeit Nissans China-Geschäft leitet, und Jun Seki, der Nissans wirtschaftliche Leistung zum Besseren wenden soll. Toyoda sagte, der neue Nissan-Chef müsse Persönlichkeit haben und überzeugen können. Er müsse nicht nur über das japanische, sondern auch über das internationale Autogeschäft gut Bescheid wissen und die Allianz mit Renault gut kennen.

          Saikawa hatte in den vergangenen Monaten die Eigenständigkeit Nissans in der zwei Jahrzehnte alten Allianz mit dem französischen Autobauer Renault betont, die für beide Seiten vorteilhafte Allianz als solche aber nie infrage gestellt. Mit der Führung Renaults gab es eine Art Burgfrieden, wobei Saikawa eine von Frankreich gewünschte Fusion der beiden Unternehmen strikt ablehnte. Der Unwille des Japaners trug auch dazu bei, dass im Juni eine Fusion Renaults mit Fiat-Chrysler scheiterte. Als eine seiner letzten Botschaft gab er dem neuen Management am Montag mit auf den Weg, dass die Unverwechselbarkeit Nissan erhalten bleiben möge.

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