https://www.faz.net/-gqe-6m5q5

„Nimm 2“-Bonbon : Der Prozess

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Das Bonbon „Nimm 2“ brachte dem Unternehmen August Storck KG schon viele hundert Millionen Mark und Euro. 50 Jahre erregte es dabei wenig Anstoß - bis die Verbraucherschützer kamen. Dies zeigt das Protokoll eines möglichen Gerichtstermins.

          5 Min.

          Jemand musste das Bonbon „Nimm 2“ verleumdet haben, denn ohne dass es glaubte, etwas Böses getan zu haben, wurde es eines Morgens in den Gerichtssaal gebracht. Bonbon, Verteidiger und Ankläger nahmen ihre Plätze ein, das Gericht eröffnete die Verhandlung im Namen des Verbrauchers. Der Angeklagte, das Bonbon „Nimm 2“, wurde 1961 entwickelt und kam 1962 im Stammwerk des Unternehmens Storck in Halle/Westfalen zur Welt.

          Es wird seitdem in den Geschmacksrichtungen Orange und Zitrone hergestellt. In den fröhlichen Sechzigerjahren wurde es noch mit dem Reklameslogan beworben, es sei so „gesund wie Sonnenschein“. „Nimm 2“ besteht, wie für Bonbons üblich, zu gut zwei Dritteln aus Zucker. Es enthält aber auch wertvollere Inhaltsstoffe: Zwei Bonbons am Tag decken rund die Hälfte der empfohlenen Tagesdosis an Vitamin C, E, B2, B12 und Pantothensäure ab. Das Bonbon brachte dem Unternehmen August Storck KG schon viele hundert Millionen Mark und Euro. Die Anklage übernimmt die Organisation Foodwatch, gegründet 2002, eine vom Staat unabhängige und von den Spenden seiner rund 20 000 Fördermitglieder finanzierte Kampagnenorganisation. Foodwatch ist nach eigenen Angaben dafür da, um „verbraucherfeindliche Praktiken der Lebensmittelindustrie“ zu entlarven und „für das Recht der Verbraucher auf qualitativ gute, gesundheitlich unbedenkliche und ehrliche Lebensmittel“ zu kämpfen. Die Verteidigung übernimmt das Unternehmen August Storck KG selbst.

          Die Anklage gegen das Bonbon lautet auf Betrug des Verbrauchers. Der Angeklagte nenne sich ein Orangen- und Zitronenbonbon „mit wertvollen Vitaminen“. Die zugesetzten Vitamine seien aber nicht wertvoll, da in Deutschland keine Unterversorgung bestehe. Die Werbung verharmlose zudem die Gefahren des Zuckers. Dies geschehe etwa durch den Werbeslogan „Vitamine und Naschen“.

          Chefankläger: Thilo Bode (Foodwatch) mit Beweismittel
          Chefankläger: Thilo Bode (Foodwatch) mit Beweismittel :

          Die Verhandlung

          Anklage: Warum haben Sie die Vitamine C, Niacin, E, Pantothensäure, B2, B6, B1, Folsäure und B12 zugesetzt? Nach welchem Prinzip haben Sie die unterschiedlichen Mengen der zugesetzten Vitamine ausgewählt? Welches ernährungsphysiologische Konzept steht hinter der Vitaminanreicherung?

          Verteidigung: Die Grundüberlegung für die Anreicherung der Bonbons mit Vitaminen war 1962 und ist auch heute, dass Süßwaren zwar eine Quelle für Energieaufnahme sind, diese Lebensmittelgruppe aber im Verhältnis ihres Beitrags zur Bedarfsdeckung bei Energie kaum zur Bedarfsdeckung bei essentiellen Nährstoffen führt. (...) Ohnehin dürfte ein einzelnes Lebensmittel nicht den Anspruch erheben können, ein ernährungsphysiologisches Konzept zu erfüllen.

          Anklage: Warum handelt es sich bei den in „Nimm 2“ enthaltenen Vitaminen um „wertvolle“ Vitamine?

          Verteidigung: Die Klassifizierung als wertvoll beziehen wir auf die generelle Bedeutung von Vitaminen im Rahmen der menschlichen Ernährung. Vitamine sind ein unverzichtbarer, wesentlicher und damit auch ein wertvoller Baustein der menschlichen Ernährung.

          Anklage: Warum halten Sie eine Ergänzung des Vitaminhaushalts für nötig? Wo sehen Sie bei Kindern und Erwachsenen in Deutschland eine Unterversorgung mit Vitaminen?

          Verteidigung: Der Verzehr von zwei Bonbons „Nimm 2“ deckt etwa 50 Prozent des durchschnittlichen Tagesbedarfs der angegebenen Vitamine. Diese Größenordnung bewerten wir als substantielle und damit wirksame Ergänzung. Die Behauptung, die Ergänzung des Vitaminhaushalts sei nötig, verwenden wir nicht. Auch die Aussage, es bestehe eine Unterversorgung mit Vitaminen, finden Sie in unserer Kommunikation nicht.

          Anklage: Storck weder, dass eine Ergänzung des Vitaminhaushaltes notwendig sei, noch dass eine Unterversorgung bestehe. Bedeutet das, dass die „Nimm 2“ zugesetzten Vitamine kein Grund sind, „Nimm 2“ anderen, ähnlichen Süßigkeiten vorzuziehen?

          Verteidigung: Unsere „Nimm 2“-Bonbons sind ein Angebot an die Verbraucher. Sie unterscheiden sich von anderen Bonbons unter anderem auch durch die Vitaminisierung. (...) Verbraucher, die diesem Unterschied im Rahmen ihrer individuellen Disposition keine Bedeutung beimessen, werden dagegen keinen Grund haben, sich allein wegen der Vitaminisierung für „Nimm 2“ zu entscheiden. Es gibt aber sicher noch viele andere Gründe, „Nimm 2“-Bonbons zu schätzen und genießen.

          Anklage: Seit wann werben Sie nicht mehr mit dem Slogan „Gesunde Vitamine naschen“, und warum haben Sie diese Werbung eingestellt?

          Weitere Themen

          Panik am Holzmarkt

          FAZ Plus Artikel: Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

          Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.

          Topmeldungen

          Im rheinland-pfälzischen Wissen wird Fichtenholz zum Transport nach China in Überseecontainer verladen.

          Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

          Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.
          Besucher vor dem Logo der Winterspiele.

          Olympia-Boykott in China? : Spiel mit dem Feuer

          Boykott der Winterspiele 2022 in Peking oder nicht? Die einen nutzen den Krawall, andere wollen die Beziehung zu Wirtschaftsmacht China nicht gefährden. Was hinter alldem steckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.