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Niedrigzinsphase : Lebensversicherer suchen Wege aus dem Zinstief

Pumpspeicherkraftwerk Goldisthal in Thüringen. Bild: dpa

Die Branche tritt Kritikern des Geschäftsmodells entgegen. Neue Anlagemöglichkeiten sorgten für eine gute Rendite. Einen Rückgang des Neugeschäfts muss die Assekuranz jedoch einräumen.

          3 Min.

          Seit Tagen diskutiert die Öffentlichkeit über den Zustand der deutschen Lebensversicherung. Doch glaubt man dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, sind die Sorgen um das beliebteste Vorsorgeprodukt der Deutschen unbegründet. „Die Lebensversicherung ist langfristig sicher“, sagte Norbert Heinen, Mitglied im GDV-Hauptausschuss Leben, anlässlich der Jahrespressekonferenz am Mittwoch in Berlin. Die Versicherer erwirtschafteten in diesem Jahr rund 4 Prozent Rendite auf ihre Kapitalanlagen. Damit lägen sie noch mit komfortablem Abstand über den 3,2 Prozent, die sie ihren Kunden durchschnittlich bis zum Ende der Vertragslaufzeit jährlich garantieren. Im kommenden Jahr sei eine Verzinsung in ähnlicher Höhe zu erwarten.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Zwar lasse sich nicht vermeiden, dass durch die fallenden Anlagezinsen die Überschussbeteiligungen, also die vom Geschäftserfolg abhängigen zusätzlichen Ausschüttungen an die Kunden, sinken werden, räumte der scheidende Verbandspräsident Rolf-Peter Hoenen ein. Doch die Unternehmen täten einiges, um attraktive Renditen für ihre Kunden zu erzielen. Die Investitionen in etwas höher verzinslichere Unternehmensanleihen etwa seien in den vergangenen Jahren von 6 auf inzwischen 9 Prozent ausgebaut worden. Auch das stärkere Engagement in Wind- und Solaranlagen sichere höhere Renditen. Die durchschnittliche Laufzeit der Kapitalanlagen sei erstmals über zehn Jahre gestiegen und nähere sich damit der Laufzeit der Verpflichtungen von rund 15 Jahren an.

          Verunsicherung bei Kunden

          Dennoch stelle die Niedrigzinsphase eine enorme Herausforderung dar. Dass aus der Politik die lang erhobene Forderung erhört wurde, die Bewertungsreserven festverzinslicher Anlagen der Versicherer nicht mehr zur Hälfte an Kunden ausschütten zu müssen, deren Vertrag ausläuft, begrüßte Hoenen als überfälligen Schritt. Er entlastet die Branche in diesem Jahr um mehr als 2 Milliarden Euro. „Das ist die folgerichtige Korrektur eines Denkfehlers von 2008, der jetzt behoben ist“, sagte Hoenen. Die bisherige Regelung habe die Unternehmen gezwungen, Reserven krisenverschärfend durch Verkäufe von Anleihen zu realisieren, wenn ihre höheren Renditen am dringendsten gebraucht würden, um das Anlageergebnis zu stabilisieren. „Es ist fahrlässig, Mittel, die man noch nicht hat, vorzeitig auszugeben“, sagte Heinen.

          Im Jahr 2012 scheint die Verunsicherung um die Vorsorgeprodukte auch bei den Kunden angekommen zu sein. Die Beiträge aus dem Neugeschäft dürften nach der Verbandsprognose um 5 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro gefallen sein. Die Zahl neuer Verträge sinke auf 6 Millionen. Sieht man sich die Gesamteinnahmen an, wirken die Zahlen dagegen positiver: Die Prämieneinnahmen gegen laufenden Beitrag stiegen um 2,4 Prozent. Dass der Umsatz der Lebensversicherung dennoch leicht auf 86,2 Milliarden Euro schrumpfen dürfte, liegt daran, dass der Boom des häufig kurzfristigeren Geschäfts gegen Einmalbeitrag weiter abgeebbt ist.

          Nach 27 Milliarden Euro vor zwei Jahren rechnet der Verband in diesem Segment nun noch mit Einnahmen von 21,8 Milliarden Euro. Dass der Absatz von Riester-Verträgen in diesem Jahr um ein Drittel auf 620000 Verträge zurückgehen dürfte, lastet Hoenen der Kritik von Verbraucherschützern an, die geförderte Vorsorgeprodukte monatelang als schlechtes Geschäft für die Versicherten gebrandmarkt hatten. „Mit zum Teil haarsträubenden Behauptungen sind sowohl das Produkt als auch die Riester-Reform systematisch diskreditiert worden“, bemängelte er.

          Bild: F.A.Z.

          Ambivalent sehen die Zahlen in der Schaden-Unfallversicherung aus. Zwar prognostiziert der GDV ein Rekordprämienniveau von 58,7 Milliarden Euro - 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein so hohes Wachstum gab es seit der Deregulierung des Marktes im Jahr 1994 nicht mehr. Doch dem stünden auch Rekordausgaben für Schäden von 45,5 Milliarden Euro gegenüber, ohne dass es ein herausstechendes Naturereignis gegeben hätte. Die Schadensparte ist mit 98 Cent Aufwendungen für Schäden und Kosten auf jeden Euro Beitragseinnahme wie im Vorjahr knapp profitabel. Das größte Segment, die Autoversicherung, ist trotz höherer Beitragseinnahmen noch nicht so weit. Sie wendet 103 Cent für Schäden und Kosten auf.

          Dem Verdacht, im kommenden Jahr die Beiträge für Krankenversicherungskunden stark anzuheben, trat Reinhold Schulte entgegen. Der Präsident des PKV-Verbands sagte: „Im Bestand wird es ganz moderate Beitragsanpassungen geben.“ Anders sei es bei Neuverträgen, die sich durch die neuen Unisex-Tarife für Männer deutlich verteuern dürften. In diesem Jahr werde sich das Geschäftsvolumen um 3,4 Prozent auf 35,8 Milliarden Euro erhöhen. Erstmals seit langem aber werde es zum Jahresende weniger Privatversicherte geben als zuvor. Die Zahl dürfte um 15.000 sinken.

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