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Drohender Niedergang : Wer braucht die Deutsche Bank?

  • -Aktualisiert am

Außen Regen, innen Sturm: die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt. Bild: Reuters

Nach einer Woche der Panik wird das Undenkbare diskutiert: Kippt die Deutsche Bank? Über den Niedergang einer deutschen Institution.

          4 Min.

          Die an Horror reiche jüngere Geschichte der Deutschen Bank erreicht in diesen Tagen neue Gruselrekorde. So prekär ist die Lage, dass selbst das bislang Undenkbare diskutiert wird: Kippt die Deutsche Bank? Muss der Staat, und damit der Steuerzahler, schon wieder einspringen? Und, zum Teufel, wozu braucht die Welt überhaupt eine Bank, die vor allem durch Zockereien auffällt und für die kriminelle Vergangenheit mit Milliarden büßt?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Notfallpläne werden durchbuchstabiert. Spekulanten starten Attacken auf das einstmals stolze Haus, Hedgefonds kündigen die Zusammenarbeit auf. Mehr Panik war selten in den Doppeltürmen. Der Börsenwert ist dermaßen geschrumpft, dass die Deutsche Bank es nicht mal mehr in die Rangliste der 100 größten Banken der Welt schafft. Es ist nicht lange her, da fabulierten die Vorstände davon, wie sie die Weltspitze erklimmen wollen.

          Eingerahmt wird diese turbulente Woche von zwei Feiern. Gestern Abend, am Samstag, feierte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner seinen 60.Geburtstag, dazu hatte er zur Sause ins „Interalpenhotel“ nach Seefeld in Tirol gerufen, die geladenen früheren Bank-Chefs Josef Ackermann und Anshu Jain haben gleich abgesagt. Überhaupt war die Laune der Achleitner-Clique schon besser.

          Hat Cryan vorsorglich Merkel um Hilfe gebeten?

          Als der Ausverkauf an der Börse Anfang der Woche losging, weilte der aktuelle Vorstandschef John Cryan zur Opernpremiere in New York: Richard Wagner gab es an der Met („Tristan und Isolde“), danach ein Dinner mit Kunden. Auch da hat man schon fröhlichere Runden erlebt als in diesen Tagen, an denen die Welt über einen Kollaps der Deutschen Bank diskutiert und fragt, ob Cryan vorsorglich schon bei Kanzlerin Angela Merkel um Hilfe gebeten hat. Das hat er nicht. So zumindest schwören Regierung wie Bank. Nichts anderes können sie sagen.Alles andere wäre fatal.

          Die Situation ist ernst genug, die Aktie permanent in Gefahr, neue historische Tiefpunkte zu reißen. Viele Leute haben sehr viel Geld verloren mit der Deutschen Bank. Die Abschläge für Anleihen werden von Tag zu Tag größer – es locken sagenhafte Renditen für Hasardeure. Einzige Bedingung: Der Anleger muss glauben, dass die Deutsche Bank überlebt.

          Diese gedankliche Leistung vollbringt nicht jeder, da mögen sie in den Doppeltürmen noch so betonen, dass sie 215 Milliarden Euro flüssige Mittel gebunkert haben; mehr als zehnmal so viel wie die kollabierte Investmentbank Lehman Brothers seinerzeit. Allein die Tatsache, dass die Kassenbestände verglichen werden, verdeutlicht den Ernst der Lage. Die ersten vermögenden Kunden, die mit ihrem Sparguthaben jenseits der garantierten 100000-Euro-Grenze liegen, berichten glaubhaft, ihr Geld andernorts in Sicherheit zu bringen.

          Das Problem ist das Eigenkapital

          Ausgelöst hat den jüngsten Absturz die amerikanische Justiz, welche die Deutsche Bank für windige Hypothekengeschäfte abstraft – als Vergeltung für die Finanzkrise, die dadurch angeblich ausgelöst wurde. Auch wenn dieser Zusammenhang in der Fachwelt strittig ist, 14 Milliarden Dollar soll die Bank dafür zahlen. Zu viel, sagt John Cryan. Diese Summe schließt er für einen Vergleich aus, was heißt, dass er zur Not einen Gang vor die amerikanischen Gerichte wagen muss – ein erhebliches Risiko, wie ihn Investoren warnen.

          Klar ist: Die bislang getroffene Vorsorge für die Strafen in Amerika wird kaum reichen. Alles aber, was über die dafür gebildeten Rückstellungen (knapp drei Milliarden Euro) hinausgeht, schlägt direkt durch auf die Bilanz: Es droht ein Milliardenverlust, der im Zweifel das Eigenkapital angreift. Das ist nie gut. Schon gar nicht für einen Konzern mit dem Ruf als „gefährlichste“, da am stärksten vernetzte, Bank der Welt.

          Mit Billionen an Derivaten dreht die Deutsche Bank das große Rad, traditionell unterlegt mit möglichst wenig Eigenkapital. Nur so konnte Josef Ackermanns Traum von 25 Prozent Rendite blühen. Davon redet schon lange keiner mehr: auch hat sich die Bank unter dem Druck der Regulierer seit der Finanzkrise etwas gestärkt, sie ist aber noch immer viel zu schwach, wenn es nach Ökonomen wie dem Max-Planck-Forscher Martin Hellwig geht.

          Noch immer liegt die Eigenkapitalquote, gemessen an der Bilanzsumme, bei etwa vier Prozent. Anders formuliert: 96 Prozent des Geschäfts läuft auf Schulden. Hellwig findet das skandalös: „Von außen hat man den Eindruck, dass in den letzten 20 Jahren die Investmentbanker die Bank beherrscht und ausgesaugt haben.“

          Bis zum Jahr 2019 müssen Banken höhere Kapitalquoten erreichen. Wer dies nicht schafft, den nehmen die Bankenaufseher an die Kandare. Als erste Notmaßnahme wird die Dividende für Eigentümer gestrichen, die Boni für die Banker trifft es sowieso. Die Banker sind nicht mehr Herr ihres Schicksals.

          Diese Bedrohung schwebt über der Deutschen Bank. Um ihr zu entgehen, ist es wichtig, sich rasch der Altlasten zu entledigen. Als am Freitagabend anonyme Stimmen über die Nachrichtenagenturen tickern, wonach die Strafe in Amerika verdaubar ausfalle, zuckt der Aktienkurs sogleich nach oben. Der Konzern hat die Zahlen ausdrücklich nicht bestätigt, was bedeutet: Vorsicht vor voreiligen Entwarnungen!

          Gesichert ist, dass Vorstandschef John Cryan gegenwärtig persönlich verhandelt mit den Amerikanern, die Spitze der Bank sich in den nächsten Tagen nach Washington aufmacht, zu offiziellen wie informellen Gesprächen am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds. Die Zeit drängt, die Börse verlangt Klarheit, und Cryan hat versprochen, die Dinge bis zum Jahresende zu regeln. Selbst wenn dies gelingt, lustig wird es für ihn auch danach nicht. Die Bereinigung der Vorfälle in Russland, wo die Bank in einen Geldwäsche-Skandal verwickelt war, wird vermutlich noch mal Milliarden verschlingen. Und niemand sieht, wo das Geld für all die Strafen herkommen soll.

          Attraktives will Cryan nicht hergeben

          Der Markt rechnet fest damit, dass eine weitere Kapitalerhöhung nötig wird. Nur: Welcher eh schon gebeutelte Investor spendiert der Deutschen Bank noch mal Geld, nur damit die ihre Sünden sühnen kann? Kein Wunder, dass Cryan diese Option ausschließt, zumindest für den Moment. Der andere Weg, sich finanziell zu stärken, bestünde darin, Teile der Bank zu verkaufen.

          Die ins Schaufenster gestellte Postbank aber will niemand haben. Alles, was attraktiv wäre, etwa die Vermögensverwaltung (inklusive der Fondsgesellschaft DWS) will Cryan nicht hergeben. Eine vertrackte Situation. Zumal das traditionelle Geschäft – Geld billig borgen und mit Aufschlag verleihen – auf absehbare Zeit nichts bringt, nachdem die Europäische Zentralbank den Zins abgeschafft hat.

          Darunter leidet auch die Konkurrenz, etwa die Commerzbank, wo der Vorstand gerade jede fünfte Stelle streicht. Die Deutsche Bank reagiert darauf, indem sie drastisch ans Filialnetz geht. Die Stimmung intern ist entsprechend. „So mies war es noch nie“, klagt ein Deutsch-Banker. Sein Chef John Cryan ist gut darin, die Schwachstellen offenzulegen: die Fehler der Vergangenheit, die lausige IT, die hohen Kosten. Was er versäumt hat, ist, dem Publikum eine Ahnung zu geben von dem, was danach kommt – falls er es überhaupt weiß.

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