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„News of the World“ : Abhöraffäre bringt News Corp. in Zugzwang

Murdoch im Visier: Der Protest richtet sich gegen den Boss Bild: dpa

Heute erscheint die letzte Ausgabe der „News of the World“. Das Aus für das Skandalblatt setzt Medienunternehmer Rupert Murdoch schwer zu: In Großbritannien steht seine Vormachtstellung und die geplante Übernahme des Senders BSykB auf dem Spiel.

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          Der amerikanische Medienkonzern News Corp. gerät auch nach der für den morgigen Sonntag angekündigten Schließung seines skandalumwitterten britischen Boulevardblattes „News of the World“ weiter unter politischem Druck. Londons Premierminister David Cameron nährte am Freitag bei einer Pressekonferenz Zweifel an der schon sicher geglaubten Genehmigung der von News Corp. geplanten vollständigen Übernahme des britischen Bezahlsenders BSkyB. Er ging zudem auch auf Distanz zu Rebekah Brooks, der früheren Chefredakteurin der Zeitung und einer der zentralen Figuren in dem Abhörskandal, mit der er bislang auch private Kontakte gepflegt hatte.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Skandal weitete sich am Freitag mit der Festnahme von Andy Coulson aus, der nach Rebekah Brooks Chefredakteur des Blattes war. Coulson wurde danach Kommunikationschef und ein enger Berater von Cameron, trat aber im Januar von diesem Amt zurück. Für Rupert Murdoch, den Vorstandsvorsitzenden und Großaktionär der News Corp., entwickelt sich die Affäre immer mehr zu einem Image-Debakel, auch wenn die „News of the World“ nur ein sehr kleiner Teil seines global weit verzweigten Medienimperiums ist.

          News Corp. hatte am Donnerstag überraschend angekündigt, die mit zuletzt 2,7 Millionen verkauften Expemplaren auflagenstarke Wochenzeitung „News of the World“ einzustellen. Die letzte Ausgabe des vor 168 Jahren gegründeten Wochentitels soll an diesem Sonntag erscheinen. Eine schon seit 5 Jahren schwelende Abhöraffäre war in dieser Woche eskaliert: Schon seit einiger Zeit wurde dem Blatt vorgeworfen, Mobiltelefone vor allem von Prominenten und Politikern angezapft zu haben.

          Autokonzerne drohten mit Anzeigenboykott

          In dieser Woche bekam die Affäre aber eine ganz neue Dimension mit Anschuldigungen, wonach Journalisten der Zeitung sich Zugang zu Nachrichten auf Handys eines entführten und ermordeten Mädchens und von Angehörigen getöteter Soldaten verschafft haben. Die Vorwürfe sorgten für einen Aufschrei in der britischen Öffentlichkeit und in der Politik. Viele Politiker machten Rupert Murdoch für die Methoden des Blattes verantwortlich und nahmen den Skandal zum Anlass für eine Grundsatzdiskussion über seine Macht in der britischen Medienlandschaft.

          News Corp. verfügt über vier überregionale britische Zeitungen, neben der „News of the World“ gehören zum Konzern noch das täglich erscheinende Boulevardblatt „The Sun“ sowie die ebenfalls zunehmend boulevardesk aufgemachten Traditionsblätter „The Times“ und „Sunday Times“. Neben Murdoch wurde vor allem Rebekah Brooks zur Zielscheibe von Kritik. Sie war zur Zeit des Entführungsfalles Chefredakteurin und ist heute Vorstandsvorsitzende der von London aus gesteuerten Holdinggesellschaft News International – einer Tochtergesellschaft der amerikanischen News Corp., zu der unter anderem die britischen Zeitungen gehören. Sie gilt auch als enge Vertraute von Rupert Murdoch, der die heute 43 Jahre alte Managerin seit ihrem Eintritt in den britischen Zeitungsverlag förderte.

          Die Schließung der Zeitung wurde von Ruperts Sohn James Murdoch angekündigt, der im Konzern unter anderem für die Geschäfte in außeramerikanischen Regionen zuständig ist. James Murdoch sagte, Fehlverhalten habe das Ansehen der Zeitung „besudelt“. In den Tagen zuvor hatten bereits namhafte Werbekunden aus der Industrie verlauten lassen, das Blatt mit einem dauerhaften Anzeigenboykott zu belegen. Darunter waren die internationalen Autohersteller Ford und General Motors ebenso zu finden wie der japanische Mitsubishi-Konzern und die britische Bausparkasse Halifax.

          Auflage von knapp 2,7 Millionen

          Die „News of the World“ gehört zu den traditionsreichsten britischen Blättern, sie kam im Jahr 1843 zum ersten Mal heraus. Zu Murdochs Konzern gehört sie seit 1969. Die Zeitung hatte zuletzt eine Auflage von knapp 2,7 Millionen, sie beschäftigt rund 200 Mitarbeiter in der Verlagszentrale am Stadtrand von London. Rupert Murdoch liegt das Zeitungsgeschäft besonders am Herzen, auch wenn es im Gesamtkonzern der News Corp. nicht die größte Rolle spielt.

          Die News Corp. verfügt über mehr als 170 Zeitungen, daneben gehören zum Unternehmen Fernsehaktivitäten wie die Sendergruppe Fox sowie ein Anteil am börsennotierten Bezahl-Fernsehsender BSkyB, das Filmstudio Twentieth Century Fox und ein Buchverlag. Im Geschäftsjahr 2009/2010 (30. Juni) trug die Zeitungssparte 6,1 Milliarden Dollar zum Konzernumsatz von 32,8 Milliarden Dollar bei, also weniger als 20 Prozent.

          Gefährlich ist die Affäre um das britische Boulevardblatt für News Corp. nicht nur wegen des Imageschadens. Das Unternehmen braucht noch die Zustimmung der britischen Regierung für die vollständige Akquisition von BSkyB. News Corp. verfügt bislang über einen Anteil von knapp 40 Prozent und will auch den Rest kaufen. Die Genehmigung galt bislang als ausgemachte Sache und wurde in Kürze erwartet, steht aber nach dem jüngsten Skandal wieder in Frage.

          Cameron wollte am Freitag zwar keine persönliche Meinung zu der Übernahme abgeben, sagte aber, er rechne damit, dass die Prüfung durch die zuständigen Behörden „noch einige Zeit“ in Anspruch nehmen werde. Cameron legte außerdem personelle Konsequenzen in der Chefetage von News International nahe. Danach hätte er selbst ein Rücktrittsangebot von Brooks, das es angeblich gegeben haben soll, angenommen.

          Das Management des Verlages stellte sich stattdessen hinter die umstrittene Verlagschefin. Zudem können sich die 200 Mitarbeiter von „News“ innerhalb der Verlagsgruppe neu bewerben. Zur Diskussion steht, dass die Boulevard-Zeitung „Sun“ eine Sonntagsausgabe lanciert, um viele „News“-Leser aufzufangen.

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