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New Yorker „High Line“ : Von der Industrieruine zum Wirtschaftsmotor

Wo einst die Bahnen fuhren, erfreut sich New York nun dem neuen Grün Bild: dapd

Die zum Park umfunktionierten Gleise der New Yorker „High Line“ sind eine Attraktion und bescheren einem Viertel in Manhattan einen Immobilienboom. Gerade öffnete der zweite Abschnitt. Auch die Prominenz lässt sich blicken.

          3 Min.

          Drei Waggonladungen mit gefrorenen Truthähnen – dies wäre beinahe das unglamouröse Ende der „High Line“ gewesen. Die Truthähne waren im Jahr 1980 die letzte Fracht auf der Hochbahntrasse in New York, bevor der Betrieb eingestellt wurde. Seither verkamen die Gleise zu einer Industrieruine, und es drohte der Abriss. Stattdessen aber ist aus dem Schandfleck in den vergangenen Jahren eine der größten Attraktionen der Stadt geworden.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das Gleisgelände wurde zu einem Park gemacht, der Millionen von Menschen im Jahr anzieht. Das hat der etwas abgelegenen Gegend um „High Line“ am westlichen Rand von Manhattan einen unerwarteten Aufschwung gebracht: In der Nachbarschaft der Gleise entstehen Hotels und Restaurants, auf einmal ist es schick, hier zu wohnen, und die Immobilienpreise steigen.

          Vor wenigen Tagen öffnete der zweite von drei geplanten Teilen des Parks. Der Park ist nun doppelt so lang wie vorher, insgesamt rund 1,6 Kilometer. Er erstreckt sich jetzt von der Gansevoort Street bis hoch zur West 30th Street, zehn Straßenzüge mehr als bisher. Die Immobilienbranche hat sich schon in Position gebracht: Neben dem neuen Abschnitt der „High Line“ wird rege an neuen Luxus-Wohntürmen gebaut.

          Die New Yorker „High Line” ist inzwischen eine der größten Attraktionen der Stadt
          Die New Yorker „High Line” ist inzwischen eine der größten Attraktionen der Stadt : Bild: AFP

          Die ersten beiden Abschnitte kosteten 153 Millionen Dollar

          Bürgermeister Michael Bloomberg zog bei der Eröffnung des zweiten Teils stolz Bilanz: Der Park hat nach seinen Worten 2 Milliarden Dollar an privaten Investitionen angezogen und dabei 12.000 Arbeitsplätze geschaffen. 29 größere Immobilienprojekte sind im Bau oder schon fertiggestellt, sie bringen dem Stadtviertel mehr als 2500 neue Wohnungen, 1000 Hotelzimmer und umfangreiche Flächen für Büros und Kunstgalerien.

          Das rechtfertigt nach seiner Meinung den Aufwand: Die ersten beiden Abschnitte haben zusammen 153 Millionen Dollar gekostet. Davon hat die Stadt New York 112 Millionen Dollar bezahlt, mehr als 20 Millionen Dollar kamen von der Regierung in Washington, der Rest wurde vor allem von privaten Geldgebern beigesteuert.

          Die mehr als neun Meter hohe „High Line“ ging im Jahr 1934 für den Güterverkehr in Betrieb. Sie sollte die Straßen von Manhattan sicherer machen. Vorher waren die Züge auf der Straßenebene neben anderen Verkehrsmitteln unterwegs, und es kam zu vielen Unfällen. Die Züge auf der „High Line“ belieferten die vielen Fabriken und Lagerhallen, die es damals noch im westlichen Teil von Manhattan gab.

          Bürgermeister Guiliani wollte die Hochbahn abreißen

          Aber im Laufe der Jahre verschwanden immer mehr Industriebetriebe aus Manhattan, und Eisenbahnen wurden allgemein beim Gütertransport mehr und mehr von Lastwagen abgelöst. In den sechziger Jahren wurde der südliche Teil der „High Line“ abgerissen, und 1980 fuhren die Züge auch auf dem verbliebenen Segment zum letzten Mal. Die Trasse verödete und wurde wucherndem Unkraut überlassen. In den neunziger Jahren wollte der damalige Bürgermeister Rudolph Guiliani die Hochbahn abreißen lassen.

          Dann aber taten sich Bewohner des Viertels zusammen, um einen Abriss zu verhindern. Sie kamen auf die ungewöhnliche Idee, die Bahn nicht nur zu erhalten, sondern aus ihr einen öffentlichen Park zu machen. Prominente New Yorker wie die Modedesignerin Diane von Furstenberg setzten sich für das Vorhaben ein, und nach einiger Zeit sagte auch Giulianis Nachfolger Bloomberg Unterstützung und Geld der Stadtverwaltung zu.

          In der Bar tummeln sich Prominente wie Lady Gaga

          Vor fast genau zwei Jahren wurde der erste Abschnitt des „High Line“-Parks eröffnet und war aus dem Stand ein Publikumsmagnet. Das Areal ist eine eigenwillige Kombination: Er hat die typischen Elemente eines Parks wie Grünflächen oder Bänke, daneben sind aber auch noch die alten Schienen zu sehen. Seit dem Startschuss haben nach Angaben der Stadt vier Millionen Menschen das Gelände besucht, davon etwa je zur Hälfte Einheimische und Touristen.

          Bevor es den Park gab, war die Gegend um die „High Line“ ein wenig beachtetes Viertel am Rande des trendigen „Meatpacking District“, dem einstigen Schlachtereibezirk, der heute voll ist mit Clubs und Bars. Jetzt ist die „High Line“ selbst eine Trendadresse: In der Bar des „Standard Hotel“, das direkt über die Hochbahn gebaut wurde, tummeln sich Prominente wie Lady Gaga.

          Stararchitekten treiben die Preise in die Höhe

          Um die „High Line“ herum herrscht nun Goldgräberstimmung. Das lässt sich vor allem bei den Immobilien beobachten: Die Preise für Eigentumswohnungen in angrenzenden Häusern haben sich zum Teil verdoppelt. Quadratmeterpreise von 20.000 Dollar und mehr sind beim Kauf von Appartements keine Seltenheit mehr, eine 50-Quadratmeter-Wohnung kann also eine Million Dollar kosten.

          Bauherren haben Stararchitekten wie Jean Nouvel oder Neil Denari angeheuert, was die Preise weiter in die Höhe treibt. Auch die Mieten werden immer üppiger: In dem neuen Hochhaus Ten23, das gerade gebaut wird, soll die billigste Ein-Zimmer-Wohnung 3000 Dollar im Monat kosten. Dafür bekommt man rund 45 Quadratmeter.

          Lage an der äußersten Westseite als Nachteil

          Immobilien und Restaurants werden auch immer häufiger nach der „High Line“ benannt, in der Hoffnung, dass etwas vom Erfolg des Parks abfärbt. Das ehemalige Kultlokal „Empire Diner“ heißt jetzt „Highliner“, ein neues Luxushochhaus an der dreiundzwanzigsten Straße hat den Namen „HL23“.

          Die explodierenden Immobilienpreise in der Nähe des Parks sind insofern etwas erstaunlich, weil die Lage an der äußersten Westseite von Manhattan einen gewichtigen Nachteil mit sich bringt. Zu den nächsten U-Bahn-Stationen sind es mehrere lange Häuserblocks – ein Umstand, der anderswo in New York die Wohnungspreise und Mieten drücken würde. Aber wer sich eine Wohnung in einem der schicken neuen Wohntürme kauft, wird womöglich ohnehin Taxis statt öffentlicher Transportmittel benutzen.

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