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Gerüchte um Fusionen : Neues Spiel in der Chemie

  • -Aktualisiert am

Die BASF ist ein gutes Argument für breit aufgestellte Unternehmen. Bild: Reuters

In der amerikanischen Chemiewirtschaft ist viel los: Die größten Konzerne Dupont und Dow Chemical planen ihre Fusion. Quer durch die Branche sind die Firmenkassen gefüllt, die Investoren stehen unter Druck. Wem aber nutzen Fusionen?

          „Es geht nicht darum, größer zu werden, es geht darum, fokussierter zu werden.“ Für Chemieunternehmen sei es heute sehr schwierig, sehr breit aufgestellt zu sein, sagt Marijn Dekkers. Der Niederländer ist als Präsident des Chemieverbands VCI nicht nur oberster Lobbyist der Branche, als Bayer-Chef ist er auch einer ihrer Stars. Dekkers selbst hat es vorgemacht und sein Unternehmen aufgeteilt und fokussiert. Die Investoren waren aus dem Häuschen.

          Nicht größer werden, sondern fokussierter – das ist offenbar auch das Ziel einer Elefantenhochzeit, die es in dieser Größenordnung noch nicht gab. Dupont und Dow Chemical, die beiden größten amerikanischen Chemiekonzerne, Traditionsunternehmen mit mehr als hundert Jahren auf dem Buckel, planen angeblich ihre Fusion. Mit einem Börsenwert von zusammengenommenen 120 Milliarden Dollar wäre es der mit Abstand größte Zusammenschluss in der Branche. Mit 90 Milliarden Dollar Umsatz stieße das Duo den größten Chemiekonzern der Welt, die Ludwigshafener BASF, vom Thron, zumindest kurzfristig. Denn wenn es stimmt, was aus Amerika durchsickert, dann soll der neue Chemiegigant bald wieder aufgeteilt werden: in ein Unternehmen für Massenchemikalien, eines für Spezialchemikalien und eines für Pflanzenschutz.

          Ist das gut? Kommt darauf an, für wen. Die Aktionäre haben sich nach der Ankündigung schon gefreut, und dagegen ist nichts zu sagen. Schließlich bestimmen die Eigentümer die Geschicke der Firma. Beide Unternehmen werden schon länger von Investoren zur Aufspaltung gedrängt. Die langjährige Dupont-Chefin Ellen Kullmann, eine der wenigen Frauen in der Branche, war deshalb im Oktober entnervt zurückgetreten. Der neue Vorstand wird nun tun, was seine Aktionäre wünschen. So weit also hat alles seine Ordnung.

          Nicht fokussiert, sondern in einer Nische groß

          Stellt sich die Frage, warum dieser Wunsch überhaupt aufgekommen ist. Druck von Aktionären kann sich der Vorstand in der Regel nur dann nicht entziehen, wenn es nicht gut läuft. Und so ist es: Obwohl die amerikanische Chemieindustrie dank des billigen Schiefergases günstig produzieren kann, stimmen die Ergebnisse nicht. Das billige Gas hat zu einem nie dagewesenen Investitionsboom geführt. Mehr Fabriken aber drücken die Preise, zudem lahmt das Pflanzenschutzgeschäft. Getreide ist wegen mehrerer Rekordernten günstig, die Bauern sparen.

          An diesem Punkt offenbart sich die eigentliche Logik des Zusammenschlusses. „Fokussierter“ heißt nämlich nicht, kleiner zu werden. Die neuen Unternehmen sollen vielmehr groß werden – groß in einer Nische. Je größer der Marktanteil, desto größer die Preismacht. Für die Kunden sind die Puzzlespiele der Chemiegiganten deshalb keine gute Nachricht. Der Kampf um die Preismacht nimmt auch deswegen an Schärfe zu, weil die Preise für viele Chemikalien fallen. Die Industrieländer wachsen nur langsam. Allen voran kommt Europa nicht in Schwung, Südamerika steckt in einer Krise, auch China geht die Puste aus. Weil für organisches Wachstum der Rückenwind fehlt, suchen die Unternehmen ihr Glück in Fusionen und Übernahmen.

          Befördert wird das Chemiemonopoly vom billigen Geld. Die Firmenkassen sind gefüllt, die Investoren stehen unter Druck. Ob Pensionsfonds oder Private-Equity-Gesellschaften, alle suchen händeringend nach Anlagemöglichkeiten. Der Markt für Fusionen und Übernahmen läuft heiß, nicht nur in der Chemie.

          Je schlanker, desto anfälliger für Stürme

          Was in Amerika passiert, hat die europäische Chemiewirtschaft lange hinter sich. Die ehemalige „deutsche Großchemie“ Hoechst, Bayer und BASF hat derart viele Kinder in die Welt gesetzt, dass der Überblick schwerfällt. Clariant, Ciba, Celanese, Syngenta, Cognis, Lanxess, Evonik, Covestro – kaum eine Branche wurde so oft am Reißbrett auseinandergenommen und wieder zusammengebaut wie die Chemie.

          Die Erfahrung zeigt aber auch: Je schlanker, desto anfälliger für Stürme sind die neuen Unternehmen. Der Aktienkurs von Wacker Chemie beispielsweise kam erheblich unter Druck, „nur“ weil der Preis für Silizium in den Keller rauschte. Gleiches passierte bei Lanxess, die dem Preisverfall für ihr wichtigstes Produkt – synthetischen Kautschuk – nichts entgegenzusetzen hatten. Schlanke Unternehmen sind auch leichter zu schlucken. Denn nach dem Verkauf ist vor dem Kauf: Arabische Staatsunternehmen werden kommen, um die Wertschöpfungskette für ihre neue Chemiewirtschaft zu verlängern. So entstehen wieder Konglomerate, deren Zentralen werden freilich nicht mehr in Europa sein.

          Einzig BASF hat sich als Weltmarktführer dem Spiel bisher entzogen. Aber der Druck wird wachsen mit jedem neuen Nischenanbieter. Selbst die hochgelobten Verbundvorteile – erhebliche Ersparnisse durch eine verbundene Produktion – gelten heute nicht mehr als Hindernis für eine Zerschlagung. Man könne ja den Produktionsverbund belassen, die Geschäfte aber gesellschaftsrechtlich trennen, heißt es. Dabei hat sich die Strategie der BASF bewährt: Langfristig stimmen Gewinnwachstum und Aktienentwicklung. Es gibt also durchaus Argumente für breit aufgestellte Chemieunternehmen. Die will nur gerade niemand hören.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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