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Neuerungen bei Lufthansa : Klassenkampf in der Luftfahrt

Vorbildfunktion: Die Lufthansa eifert auch Qatar Airways nach Bild: REUTERS

Vielflieger haben bei der Lufthansa künftig mehr Platz und bekommen ihr Essen auf Porzellantellern serviert. Doch die Service-Offensive aus Deutschland lässt die erfolgreichen Wettbewerber vom Arabischen Golf kalt.

          An den Details für die neue Passagierklasse feilten die Manager der Lufthansa bis zuletzt. Die Premiere auf der Touristikmesse (ITB) in Berlin musste glücken, wenn Europas größte Fluggesellschaft glaubhaft machen will, dass sie gegenüber der Konkurrenz aus den Golfstaaten aufholt.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit bis zu 3600 extrabreiten Sitzen in der neuen „Premium-Economy“ geht die Lufthansa nun auf Kundenfang, verkündete der für Marketing zuständige Vorstand Jens Bischof in Berlin. Damit ergänzt die deutsche Fluggesellschaft ihr gängiges Drei-Klassen-Modell an Bord um eine neue Kategorie, die – gegen einen entsprechenden Aufpreis – für mehr Beinfreiheit und besseren Service an Bord sorgen soll. Bis Ende 2015 soll das Gros der mehr als 100 Langstreckenjets umgerüstet sein. „Wir erwarten, dass bis zu 1,5 Millionen Passagiere auf unseren neuen Standard reagieren oder auch von der Konkurrenz zu uns zurückkehren werden“, gibt Bischof freimütig zu.

          Einst haben die europäischen Rivalen Air France-KLM und British Airways mit dem Vier-Klassen-Konzept Maßstäbe gesetzt. Doch in jüngster Zeit sind Anbieter wie Emirates und Turkish Airlines dabei, das westliche Serviceniveau zu überbieten. Die Botschaft des Lufthansa-Managers ist daher als Kampfansage an die staatlich geförderten Wettbewerber aus der Golfregion und der Türkei zu verstehen.

          Lufthansa will Holzklasse mit „Premium Economy“ aufwerten

          Sie jagen dem deutschen Platzhirschen mit billigen Tickets und besserem Service seit Jahren immer mehr Kunden und Marktanteile ab. Dabei profitiert die Konkurrenz aus dem Mittleren Osten von dem Umstand, dass sie beim Einkauf von Flugzeugen dank günstiger Finanzierung und üppiger Reserven bislang aus dem Vollen schöpfen kann. Erst kürzlich kauften etwa Emirates aus Dubai und Qatar Airways jeweils mehrere hundert neue Flugzeuge für hohe zweistellige Milliardenbeträge ein. In ähnlich großem Stil forcierten auch Turkish Airlines und Etihad Airways aus Abu Dhabi ihre Expansion. Angesichts solcher finanzieller Klassenunterschiede fallen die Kommentare zum Vorstoß der Lufthanseaten, ihre Holzklasse mit einer „Premium Economy“ aufzuwerten, gelassen aus. „Wir haben nicht die Absicht, hier nachzuziehen, denn unsere Economy ist schon gut genug“, sagt etwa Emirates-Manager Thierry Antinori mit sanfter Ironie.

          Gelingt es der Lufthansa jedoch nicht, Emirates, Qatar und Turkish Airlines Paroli zu bieten, sind dramatische Folgen für den deutschen Luftverkehr und den Branchenführer absehbar. „Die Bedeutung der Flughafen-Drehkreuze in Westeuropa schrumpft, und die Marktanteile der Lufthansa auf den Strecken außerhalb Europas schmelzen von heute 5 Prozent bis 2025 auf 3,5 Prozent ab“, warnt ein internes Strategiepapier im Konzern.

          Internes Sparprogramm soll Mittel für Umbau verschaffen

          Um den Kundenschwund im lukrativen Langstreckengeschäft zu stoppen, bessern die Manager in Frankfurt auf mehreren Wegen nach. Sie wollen das „Fünf-Sterne-Niveau“ zum neuen Standard in allen Buchungsklassen machen. Diese höchste Bewertungsstufe haben in Passagierumfragen der vergangenen Jahre vor allem arabische oder asiatische Konkurrenten erreicht.

          Das Geld für die angestrebten Veränderungen muss indes durch Gewinne im Tagesgeschäft erwirtschaftet werden, was der Lufthansa in jüngster Zeit kaum mehr gelungen ist. Der Umbau des Konzerns sowie ein internes Sparprogramm sollen das ändern. So soll die überalterte Flotte durch den Kauf von modernen Langstrecken-Maschinen der Typen A350 von Airbus und 777X von Boeing auf mehr Effizienz getrimmt werden. Während Lufthansa-Flugzeuge zurzeit im Schnitt mehr als 13 Jahre alt sind, liegt der entsprechende Wert der Qatar-Flotte bei nur vier Jahren.

          Premium-Economy: Rund 300 Euro mehr pro Ticket

          Darüber hinaus investiert der Marktführer in Westeuropa rund 3,5 Milliarden Euro in den kommenden Jahren, um in seiner Flotte den Komfort auf den branchenüblichen Stand zu bringen. In diesem Betrag ist die Ausrüstung der Business-Klasse mit Flachbettsitzen ebenso enthalten wie die 160 Millionen Euro für die 3600 Sitze in der Premium-Economy, mit der die Lufthansa zwei Drittel ihrer Langstrecken-Flugzeuge ausrüsten will.

          Vielflieger, die das neue Angebot nutzen wollen, müssen etwa 300 Euro je Strecke mehr bezahlen als für ein herkömmliches Economy-Ticket. Sie dürfen dafür künftig auch von Porzellan speisen und ein zweites Gepäckstück ohne Aufpreis mit in die Kabine nehmen.

          Auch Air Berlin, die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, will Geschäftsreisende mit Flachbettsitzen ködern und die Nutzung von drahtlosem Internet (Wifi) zum neuen Standard an Bord machen. Dabei soll die Finanzierung der Komfort-Offensive des Lufthansa-Rivalen in „enger Abstimmung mit Etihad Airways erfolgen“, wie der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Prock-Schauer in Berlin ankündigte. Die hinter Emirates und Qatar Airways drittgrößte Fluggesellschaft aus der Golfregion ist mit knapp 30 Prozent größter Aktionär von Air Berlin und setzt in puncto Komfort an Bord seit Jahren Maßstäbe.

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