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Neuer BASF-Chef Kurt Bock : Analytisch und zurückhaltend

Seit 1985 bei der BASF: Kurt Bock ist der neue Chef beim Chemiekonzern Bild: dpa

Eine veritable Überraschung: Der promovierte Betriebswirt und Finanzfachmann Kurt Bock führt zukünftig den Chemiekonzern BASF. Er verantwortet bereits die Finanzen und das Amerika-Geschäft. Ein abrupter Strategiewechsel ist nicht zu erwarten.

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          Am Ende würde es auf Kurt Bock oder Martin Brudermüller als neuem Vorstandsvorsitzenden der BASF hinauslaufen. So viel war spätestens klar, seit der scheidende Vorstandschef Jürgen Hambrecht (63 Jahre) im August vorigen Jahres verlauten ließ, auch der nächste BASF-Chef komme abermals aus dem Unternehmen. Dass nun aber der spröde Finanzfachmann Bock und nicht der extrovertierte Brudermüller künftig den größten Chemiekonzern der Welt führen wird, ist doch eine veritable Überraschung und zeigt deutlich die Handschrift von Eggert Voscherau. Der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende und Bruder des ehemaligen Hamburger Oberbürgermeisters Henning Voscherau sieht es nicht gern, wenn sich Manager zu sehr produzieren - in der BASF ist Loyalität noch immer eine wichtige Währung, um Karriere zu machen. Am Ende war Brudermüllers Selbstgewissheit den entscheidenden Tick zu groß.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Nun wird also nicht der 49 Jahre alte Chef der wachstumsstarken asiatischen Landesgesellschaft die BASF leiten, sondern sein zwei Jahre älterer Kollege Kurt Bock, der neben den Konzernfinanzen auch noch das Amerika-Geschäft verantwortet. Bock wird nach Hambrechts Vorgänger Jürgen Strube erst der zweite Nichtchemiker an der Spitze des Unternehmens sein. Als Finanzfachmann unumstritten, wurde Bock in seiner Funktion als Amerika-Chef häufig unterschätzt. Das Amerika-Geschäft gestaltete sich schließlich lange Jahre schwierig, die Wachstumsphantasie des Konzerns liegt eindeutig in Asien.

          Dennoch ist es unter Bocks Ägide im Krisenjahr 2009 gelungen, das Betriebsergebnis der Landesgesellschaft trotz starker Umsatzrückgänge beträchtlich auszuweiten. Bock hat gezeigt, dass er den Konzern auch operativ führen kann und damit einen wichtigen Baustein für seinen Aufstieg gelegt. Die Doppelfunktion kostete Zeit und Kraft: Zu Vorstandssitzungen pendelt Bock regelmäßig nach Ludwigshafen, offizieller Amtssitz ist bis zu seinem Wechsel an die Unternehmensspitze das amerikanische Führungsquartier in Florham Park, wenige Kilometer von New York, wo Bock auch wohnt.

          Keiner fürs Mikrofon

          Der promovierte Betriebswirt Bock ist 1985, nach dem Studium in Münster, Köln und Pennsylvania, in die BASF eingetreten. Er hielt dem Konzern allerdings nicht immer die Treue, was ihm mancher im Rennen um den Chefsessel als Nachteil auslegte. Von 1992 bis 1996 wechselte er zu Bosch, zunächst als Leiter Finanzen, später als Geschäftsführer der brasilianischen Tochtergesellschaft. 1998 kehrte Bock zur BASF zurück und übernahm zunächst die Finanzen der amerikanischen Landesgesellschaft. 2003 wurde er in den Konzernvorstand berufen, seit 2007 leitete er überdies das Amerika-Geschäft - eine wichtige Voraussetzung für den Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden.

          Bock hat die Strategie des Konzerns stets mitgetragen, insofern ist ein abrupter Wechsel der Richtung nicht zu erwarten. Der Stil der BASF wird sich mit ihm an der Spitze allerdings spürbar ändern. Kurt Bock ist ein hochgewachsener ostwestfälischer Schlacks, geboren in Rahden, einer 16.000-Einwohner-Gemeinde im äußersten Norden von Nordrhein-Westfalen. Er ist keiner, der wie sein Vorgänger Hambrecht das Mikrofon in die Hand nimmt und alle Aufmerksamkeit für sich reklamiert. Bock ist analytisch, zurückhaltend, manche sagen unterkühlt. Sein Draht zu den Finanzmärkten ist bestens, seine Rolle als Wirtschaftspolitiker, die er als Vorstandschef des größten Chemiekonzerns der Welt auch einzunehmen hat, muss er noch finden.

          Große Worte muss er noch finden

          Die Stimme des BASF-Chefs hat traditionell Gewicht in der Wirtschaft. Das Verhältnis zur Bundesregierung galt zuletzt als unterkühlt. Hambrecht zählte eine Zeitlang zu den wichtigsten Beratern von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit er mit Blick auf die deutsche China- und Tibet-Politik 2008 einseitig Partei für Peking ergriff, ist das Verhältnis aber spürbar abgekühlt. Zum Konjunkturgipfel in Berlin wurde der BASF-Chef nicht mehr eingeladen. Prompt wies er Forderungen, auf betriebsbedingte Kündigungen in der Krise zu verzichten, als „unrealistisch“ zurück.

          Kurt Bock wird das Verhältnis mit Berlin neu austarieren müssen. Auch bei der einflussreichen BASF-Belegschaft muss sich der dreifache Familienvater erst noch beweisen. Die „Anilin“ ist weitgehend ohne Entlassungen durch die Krise gekommen, Betriebsrat und Vorstand pflegen ein enges Verhältnis. Dazu gehören auch große Worte. Die muss Kurt Bock noch finden.

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