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Neuer Aufsichtsratschef : Ein Automann für Thyssen-Krupp

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Tradition Sozialpartnerschaft

Auch die Mitarbeiter hat er für das Projekt gewonnen, mit zahlreichen Gesprächen und mit klaren Versprechen. Dank der „Zukunftssicherung 2029“ soll keiner Angst um seinen Arbeitsplatz haben müssen. So etwas ist bei Daimler lang eingeübt: Personalabbau regelt man lieber über individuelle Vereinbarungen als über Sozialpläne – das klappt geräuschärmer und ist zielgerichteter.

Auch das passt gut zur Kultur von Thyssen-Krupp, wo traditionell eine enge Sozialpartnerschaft gepflegt wird. Wer dort etwas bewegen will, hat besser die IG Metall an seiner Seite. Beim ersten Vorstoß im Juli winkte Bodo Uebber zunächst ab, weil er sich zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung machte, dass er seine Karriere im Daimler-Konzern mit dem Vorstandsvorsitz krönen könnte. Doch spätestens im September wurde klar, dass es nicht in seinem Sinne läuft: in Stuttgart wird radikal verjüngt. Zetsche zieht sich nach der Hauptversammlung im Mai mit dann 66 Jahren aus dem operativen Geschäft zurück, und übernimmt nach einer Abkühlungsphase dann den Aufsichtsratsvorsitz von dem heute schon 76 Jahre alten Manfred Bischoff. Oberster Konzernlenker in der Doppelfunktion als Daimler- und Mercedes-Chef wird Ola Källenius, der im nächsten Sommer 50 wird.

So ganz ohne weitere Entwicklungsperspektive im Konzern, ausgestattet aber schon mit der Vorahnung, dass man seine Expertise in den Kontrollgremien zahlreicher Konzerne brauchen könnte, zog Uebber die Konsequenzen und kündigte wenige Wochen später an, keine Vertragsverlängerung über 2019 hinaus anzustreben.

Einen Nachfolger für Uebber wird man intern finden. Er hat ohnehin an der langen Leine geführt und auf diese Weise in der Daimler-Finanzsparte fähige Leute mit dem Format für einen Vorstandsposten heranwachsen lassen. Wer es wirklich wird, ist noch nicht entschieden. Bisher sah es ja danach aus, als könnte man sich mit der Nominierung Zeit lassen, weil Bodo Uebbers Vertrag bis Ende 2019 läuft und er zugesagt hat, ihn zu erfüllen.

Die Not bei Thyssen-Krupp könnte Tempo in diesen Vorgang bringen, weil der Konzern dringend eine ordnende Hand braucht. Spätestens mit der Hauptversammlung im Februar würde man den Wirtschaftsingenieur gern an der Spitze des Aufsichtsrats in Essen platzieren. Ende September hatte Bernhard Pellens den Posten übernommen. Aber der Wirtschaftsprofessor aus Bochum galt von Anfang an als eine Übergangslösung, und jetzt, mit der Alternative eines renommierten Industriemanagers, wird Pellens auch noch zur lame duck. Die Stabübergabe kann deshalb nicht lange warten, zumal es bei Thyssen-Krupp stetig schlechter wird.

Uebber wäre es zuzutrauen, dass er beide Aufgaben gleichzeitig bewältigt, auch wenn er unverkennbar das Thema Work-Life-Balance ernster nimmt als manch anderer Top-Manager: seine kleine Tochter spielt deutlich spürbar eine wichtige Rolle in seinem Leben. Der gute Wille reicht aber ohnehin für die Doppel-Rolle nicht aus. Ist es gut, wenn ein amtierender Daimler-Vorstand dem Aufsichtsrat eines bedeutenden Zulieferer-Konzerns angehört oder diesem gar vorsitzt? Wie lassen sich Interessenskonflikte vermeiden? Auch das sind Fragen, mit denen sich der Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat am nächsten Dienstag befassen wird.

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