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Neue Wirkstoffe gegen Infektionen : Sanofi forscht mit Fraunhofer an Antibiotika

Pilzkulturen aus der Sanofi-Naturstoffsammlung in Petrischalen Bild: dpa

In den vergangenen Jahren hat sich die Pharmabranche fast komplett aus der Erforschung neuer Antibiotika zurückgezogen. Resistenzen gegen Bakterien erfordern jedoch neue Wirkstoffe.

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          Keine andere Arzneimittelklasse ist im Alltag vermutlich so verbreitet wie Antibiotika. Penicillin, der bekannteste Wirkstoff dieser Gruppe, hat seit seinem Durchbruch in den vierziger Jahren die Therapie von Infektionskrankheiten revolutioniert und Millionen von Menschen das Leben gerettet. In den vergangenen Jahren jedoch hat sich die Pharmabranche mangels ökonomischer Attraktivität fast komplett aus der Erforschung neuer Antibiotika zurückgezogen. Jetzt stellt sich der französische Konzern Sanofi, gemessen am Umsatz mit knapp 35 Milliarden Euro der viertgrößte Anbieter auf der Welt, gegen diesen Trend. Zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft, einer der größten Forschungsorganisationen in Europa, will das Unternehmen neue Antibiotika und andere Wirkstoffe finden, die auf Naturstoffen basieren wie der aus einem Schimmelpilz entwickelte Klassiker Penicillin.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dazu gründen die beiden Partner, wie der Forschungsvorstand von Sanofi und der Geschäftsführer des in Aachen ansässigen Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und angewandte Ökologie am Mittwoch ankündigten, ein gemeinsames Forschungszentrum. Es soll zuerst am Sanofi-Standort in Frankfurt-Höchst angesiedelt sein, im Jahr 2017 aber einen Neubau des Fraunhofer-Instituts in Gießen beziehen. Personell handelt es sich um eine überschaubare Initiative, von bis zu 18 Mitarbeitern ist zunächst die Rede. Dennoch bewertet Jochen Maas, der Forschungschef der deutschen Landesgesellschaft von Sanofi, die Kooperation als „wegweisend“ und als einen signifikanten Beitrag des Unternehmens zur öffentlichen Forschung, wie er dieser Zeitung sagte. Denn zum einen arbeiteten Forscher beider Seiten im selben Labor. Zum zweiten öffne Sanofi erstmals seine „Schatztruhe“ an Naturstoffen mit mehr als 150.000 Pilzen, Bakterien und Parasiten gegenüber einem öffentlichen Forschungsinstitut, wie Maas hervorhebt. „Diese Art der Zusammenarbeit gibt es zumindest noch nicht so häufig in der Pharmabranche.“

          Die Forschung und Entwicklung kam ins Stocken

          Die wirtschaftliche Nutzung von zukünftigen Forschungsergebnissen ist laut Maas genau geregelt. Neue Wirkstoffe für Arzneimittel für Mensch oder Tier kann Sanofi demnach exklusiv verwerten. Innovationen für Pflanzenschutzmittel und die Materialwirtschaft darf dagegen Fraunhofer nutzen, eine Kooperation mit anderen Partnern ist ausdrücklich möglich. Auch mit Blick darauf spricht der Fraunhofer-Geschäftsführer Rainer Fischer von „beträchtlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten“. Primär richten sich die wissenschaftlichen wie kommerziellen Hoffnungen aber auf neue Antibiotika. Denn Infektionskrankheiten, allen voran die Tuberkulose, sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation für ein Drittel aller Todesfälle verantwortlich.

          Dennoch habe die Pharmabranche vor zehn Jahren bezweifelt, dass neue Antibiotika überhaupt noch notwendig seien, räumt Maas ein. Das Gebiet schien wissenschaftlich abgegrast, und die Preise für die inzwischen in großen Mengen hergestellten Präparate waren niedrig, weil die Patente längst erloschen waren. Als Folge davon ist die Zahl der Neuzulassungen deutlich gesunken: Kamen zwischen 1990 und 2000 nach Angaben des Branchenverbands VFA in Deutschland 21 neue Antibiotika auf den Markt, waren es in den zehn Jahren danach nur acht.

          Inzwischen hat die Wirksamkeit vieler althergebrachter Antibiotika allerdings abgenommen, weil viele Bakterien Resistenzen gegen sie entwickelt haben. Gerade in den Krankenhäusern der Industriestaaten sind solche multiresistenten Keime zu einem fast schon allgegenwärtigen Problem geworden, 17 Millionen Fälle im Jahr veranschlagt Sanofi. Um die Erforschung neuer und besserer Wirkstoffe anzukurbeln, hat die Europäische Union vor zwei Jahren zusammen mit fünf Pharmakonzernen – neben Sanofi sind dies die britischen Anbieter Glaxo-Smith-Kline und Astra-Zeneca, Janssen aus den Vereinigten Staaten und Basilea aus der Schweiz – die Initiative „New Drugs for Bad Bugs“ (Neue Medikamente gegen schlechte Keime) ins Leben gerufen, die mit mehr als 200 Millionen Euro gefördert wird.

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