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Neue Unternehmensstruktur : Siemens kassiert Löscher-Entscheidungen

Siemens in 200 Ländern, das konnte Gründer Werner von Siemens nicht ahnen Bild: dpa

Als erste strategisch wichtige Entscheidung von Joe Kaeser gilt ein neu geordneter Vertrieb in den 200 Ländern, in denen der Konzern präsent ist. So will Siemens wieder nah am Markt sein.

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          Seit Wochen unternimmt die Siemens AG alles, die Erwartungen an den ersten großen Auftritt von Joe Kaeser vor 600 Führungskräften am Donnerstag in Berlin nicht zu hoch zu schrauben. Es gebe keine programmatische Rede des Vorstandsvorsitzenden, der seit Anfang August den Münchner Technologiekonzern führt. Aufrütteln wolle er aber schon, um die Mannschaft zusammenzuschweißen und die von ihm dringend geforderte Beruhigung in das Unternehmen hineinzubringen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Doch Kaeser, 54 Jahre, bringt eine starke Nachricht mit: Nach Informationen dieser Zeitung soll schon im November damit begonnen werden, die Länderorganisation des in mehr als 200 Staaten vertretenen Konzerns neu zu ordnen. Die werde wieder dezentralisiert. Die Länderchefs würden mehr Freiheiten und Kompetenzen erhalten. Dadurch könne schneller auf die sich ändernden Erfordernisse am Markt reagiert werden. Die „Cluster-Ebene“, in der verschiedene Länder zu bestimmten Gruppen bislang zusammengeführt waren, wird aufgelöst. Damit werden künftig die Länderchefs, die sich in erste Linie um den Vertrieb kümmern, statt an die Cluster als aufwendige Zwischeninstanz wieder direkt an den Vorstand angebunden, was die Abstimmung erleichtere, wie es heißt. Die Führung wird so gestrafft. Ein Konzernsprecher kommentierte dies auf Anfrage nicht.

          Unzufrieden mit der Trägheit des Unternehmens

          Kaeser will die Organisation verschlanken und Siemens näher an die Märkte bringen, wie er es nach dem Amtsantritt angekündigt hatte. Die zu ergreifenden Maßnahmen in den Sektoren und in den Regionen müssten nachhaltig Bestand haben. Und das Unternehmen müsse jederzeit wissen, was in den Geschäften vor sich gehe. „Das sind die Dinge, die wir selbst in der Hand haben“, sagte Kaeser nach seiner Kür zum Vorstandschef Ende Juli.

          Mit dem Wegfall der Cluster-Organisation setzt der Siemens-Chef einen ersten strategischen Akzent. Im Konzern wird das als ein wichtiger Schritt zum erforderlichen Umbau gesehen, der wegen sinkender Ertragskraft und rückläufigen, zum Teil zu schlechten Preisen kalkulierten Aufträgen notwendig geworden ist. Schleichend schwächte sich die Position gegenüber Konkurrenten wie General Electric, Alstom oder ABB ab.

          Der Schritt ist auch deshalb wichtig, weil mit ihm eine vom Vorgänger Peter Löscher eingeführte Struktur zurückgebaut wird. Nach Amtsantritt im Juli 2007 hat der Österreicher Löscher den Länderorganisationen ihre Handlungsspielräume genommen, indem sie stärker an die Zentrale angebunden wurden. Das führte zu einer Marktferne. Die Cluster wurden als zusätzliche Ebene zwischen Vorstand und Ländergesellschaften aufgebaut, gestaltete sich kompliziert, erforderten mehr Abstimmungen und sollen auch zu Zwistigkeiten unter Länderchefs in den jeweiligen Gruppen geführt haben. Anfangs gab es 20, heute sind es noch 14 Cluster. Seit einigen Jahren wuchs die Unzufriedenheit über diese Organisationsform, weil sie entgegen der ursprünglichen Absicht die Strukturen ineffizient machte. Der Verwaltungsaufwand nahm zu und erhöhte die Trägheit des Unternehmens. Dennoch wurde nichts unternommen.

          Mehr Freiheit für die großen Märkte

          Siemens steuerte damals mit dieser Struktur gegen den Trend. Konkurrent General Electric aus den Vereinigten Staaten ging den entgegengesetzten Weg und räumte den jeweiligen regionalen Einheiten zunehmend mehr Rechte ein. Denn GE erkannte allmählich, dass durch die früher verfolgte sehr starke Zentralisierung Marktchancen nicht ausreichend genutzt werden konnten und der Konzern in manchen, weniger stark präsenten Regionen eine zu geringe Schlagkraft hatte; zum Beispiel in Deutschland.

          Im Siemens-Konzern galten die Cluster seit je als künstliche Gebilde. Die Zuordnung soll nur schwer vermittelbar gewesen sein. So gab es eine Gruppe für Nordwesteuropa, für Südwesteuropa oder eine für osteuropäische Staaten (aber nicht alle), die von Österreich aus gesteuert wurde.

          Details über die neue, dezentralisierte Organisationsstruktur wird es erst nach dem Anlauf der Umstellung von November an geben. Dann wird sich auch in weiteren Schritten entscheiden, wie hoch der Freiheitsgrad der Länderorganisationen ausfällt. In wichtigen großen Märkten wie Russland, China und Amerika werden diese großzügiger sein als in kleineren Ländern, die auch wieder zu Gruppen gebündelt werden könnten – aber nun eben direkt an den Vorstand berichten.

          Neues aus der zweiten Führungsebene

          Es sind nicht sensationelle Vorstandspersonalien, die Siemens am Dienstag vermeldete. Die Neuigkeiten von der zweiten Führungsebene tragen jedoch die Handschrift des Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser. Der sieht noch Handlungsbedarf, in einigen Funktionen aufzuräumen. Das gilt für die Position des Leiters Personalstrategie und Führungskräfteentwicklung, die öffentlich nicht in Erscheinung tritt, aber als eine sehr wichtige Funktion gilt. Und da ist jetzt „im gegenseitigen Einvernehmen“ Nicolas von Rosty gegangen. Rosty galt nicht nur als Vertrauter und „Mann“ von Kaeser-Vorgänger Peter Löscher. Ihm wurden auch gute Kontakte zum Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme nachgesagt. Janina Kugel, 43 Jahre, die als Personalchefin von der einstigen Siemens-Gesellschaft und von Börsenneuling Osram abgeworben worden ist, übernimmt die Aufgabe.

          Mit Horst Kayser, 52 Jahre, kehrt ein alter Bekannter zu Siemens zurück. Er verantwortet die Konzernstrategie. Kayser war schon bis 2008 Strategiechef des Konzerns und arbeitete die neue Sektoren-Struktur aus. Er wurde dann Vorstandsvorsitzender des Roboterherstellers Kuka und arbeitete zuletzt als Vorstandschef des Solarzulieferers AEG Power Solutions.

          Vorgänger Peter Herweck wechselt in den Siemens-Sektor Industrie, wo er das wachstumsträchtige Milliardengeschäft mit Prozessanlagen voranbringen soll, die Produkte in hohen Mengen fertigen.

          kön.

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