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Neue Software : Piloten kritisieren Boeing nach Absturz harsch

Ein Kran liftet ein Paar Räder, die nach dem Absturz des Passagierflugzeugs der Fluggesellschaft Lion Air geborgen wurden. Bild: dpa

Nach dem Absturz einer Boeing in Indonesien beklagen amerikanische Flugkapitäne mangelnde Information. Dabei steht auch die neue Software stark in der Kritik.

          Die Vorwürfe amerikanischer Piloten gegen den Flugzeughersteller Boeing klingen schwerwiegend. Gut zwei Wochen nach dem Absturz eines nur drei Monate alten 737-Max-Flugzeugs in Indonesien beklagen sie, vom Hersteller nicht ausreichend über neue Technik und Software in dem überarbeiteten Flugzeugtyp informiert worden zu sein. Dazu kommt der Verdacht, dass ebendiese technischen Neuerungen zum Absturz des Lion-Air-Flugs JT 610 beigetragen haben könnten, bei dem am 29. Oktober 189 Menschen starben. Die amerikanische Pilotenvereinigung APA bezeichnete es als „idiotisch“, dass Boeing ein neues System in Flugzeuge einbaue und den Piloten nicht sage, wie es im Flug wirke.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Ärger der Kapitäne entzündet sich an einem System, das eigentlich zu mehr Sicherheit beitragen soll, aber unter bestimmten Umständen offenbar automatisch in die Steuerung eines Flugzeugs eingreift. Konkret geht es um eine Software, die einen Strömungsabriss an den Tragflächen verhindern soll, der bei zu geringer Geschwindigkeit zum Absturz führen würde. Das System greift auf Messungen von Sensoren zurück, um im Notfall die Spitze des Flugzeugs nach unten zu senken, damit die Maschine im Abwärtskurs Tempo aufnimmt. Das Unglücksflugzeug soll aber laut indonesischen Behörden Schwierigkeiten mit einem Anstellwinkelsensor gehabt haben, der misst, ob das Flugzeug steigt oder sinkt, die Nase also nach oben oder unten geneigt ist. Falsche Sensordaten könnten daher zu einem in dem konkreten Fall unnötigen und letztlich fatalen automatischen Umsteuern geführt haben.

          Mit der Pilotenklage über fehlende Informationen wäre dann die Annahme verbunden, dass die Piloten des abgestürzten Jets nicht wussten, wie sie das Flugzeug wieder hätten stabilisieren können, da sie weder in Schulungen noch in Handbüchern Angaben bekommen hätten – womöglich nicht mal wussten, dass sie mit dem neuen System an Bord flogen. Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA hatte nach dem Lion-Air-Absturz angeordnet, dass alle amerikanischen Gesellschaften mit 737-Max-Flugzeugen innerhalb von nur drei Tagen in Pilotenhandbücher Anweisungen einfügen müssen für den Fall, dass ein Flugzeug die Spitze neigt und annehmbar falsche Sensordaten einlaufen. Werde dieser Zustand nicht behoben, so die Warnung, könne es „zu einer übermäßigen Nase-nach-unten-Fluglage, zu einem signifikanten Höhenverlust und möglicherweise zu einem Aufprall auf den Boden“ kommen. Zuvor hatte Boeing einen Sicherheitshinweis veröffentlicht. Laut FAA solle zuerst der Autopilot ausgeschaltet werden, notfalls auch für den gesamten Flug das Trimmsystem, das die Flugzeugneigung steuert. Unklar ist, ob die Lion-Air-Piloten derart reagierten, auch ohne FAA-Anordnung ist dieses Vorgehen ist in bestimmten Ernstfällen nicht neu.

          Spekulationen schaden bereits

          Die Absturzursache ist derweil noch unklar. Boeing hat sich bislang nicht konkret zu den Vorwürfen der Piloten geäußert. Konzern-Chef Dennis Muilenburg sagte dem amerikanischen „Fox Business Network“, das Entscheidende sei, dass die 737-Max sicher sei. Der Flugzeugtyp sei durch Tausende Teststunden, Zertifizierungen und Abstimmungen mit Piloten gegangen. Boeing sei sehr transparent mit der Informationsweitergabe gewesen und kooperiere mit den Absturzermittlern. Auch die Prüfungen der FAA dauern an, sie könnten zu einer Software-Aktualisierung oder Schulungsauflagen führen. Indonesische Ermittler haben erste Aufzeichnungen des Flugdatenschreibers ausgewertet, der Stimmenrekorder, der Gespräche im Cockpit aufzeichnet, ist aber noch nicht gefunden. Wartungs- oder Pilotenfehler sind als Unglücksursache bislang nicht ausgeschlossen worden.

          Das Lion-Air-Flugzeug hatte schon in den Tagen vor dem Absturz Schwierigkeiten mit fehlerhaften Daten von Sensoren. Nach einer Reparaturpause soll es dann ohne Testflug direkt in den Liniendienst zurückgekehrt sein. Lion Air trennte sich zwischenzeitlich auf Druck der indonesischen Regierung vom Cheftechniker der Gesellschaft. Das Unternehmen stand zudem wie alle Fluggesellschaften Indonesiens lange auf der schwarzen Liste der Beförderer, denen Flüge in die EU nicht gestattet sind. Allerdings wurde Lion Air im Jahr 2016 von der Liste gestrichen.

          Für Boeing sind allein die Spekulationen über die Ursache schädlich. Die Aktie hat gegenüber dem Vorwochenschluss 9 Prozent an Wert verloren. Die Modellreihe 737 ist die wichtigste im Boeing-Sortiment, sie zählt neben dem A320 von Airbus zum Standard für kurze und mittlere Entfernungen. Von der überarbeiteten, seit 2017 ausgelieferten Version 737-Max hat Boeing bislang mehr als 200 Exemplare übergeben, Bestellungen für mehr als 4700 weitere Maschinen liegen vor.

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