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Neue Commerzbank-Führung : Der Bund mischt sich doch ein

Wer übernimmt die Spitze der Commerbank? Bild: dpa

Eine vom Staat entsandte Aufsichtsrätin soll jetzt den neuen Chef des Gremiums suchen. Die Suche nach einem Vorstandschef verzögert sich. Dem alten winken dagegen mehrere Millionen Euro zum Abschied.

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          Der Aufsichtsrat hat am Mittwoch nach einem Ausweg aus der Führungskrise der Commerzbank gesucht. Zehn Stunden dauerte die Aufsichtsratssitzung, zwischendurch drang ein erster Beschluss nach außen: Nach Informationen der F.A.Z. erhielt die vom Bund in den Aufsichtsrat entsandte Jutta Dönges den Auftrag, ein neues Aufsichtsratsmitglied zu finden. Den Vorsitz des Kontrollgremiums übernehmen werde aber weder die Chefin der Finanzagentur noch Frank Czichowski, der frühere Treasurer der Staatsbank KFW. 

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dönges und Czichowski waren von der Bundesregierung im Mai neu in den Aufsichtsrat der Commerzbank entsandt worden. Schon vor der Sitzung war klar, dass der Bund die Verantwortung scheut, einen seiner Vertreter an die Spitze des Aufsichtsrats zu schicken. Nun übernimmt er aber zumindest die Suche nach einem neuen Aufsichtsrats-Chef. Auch Nicholas Teller, von 2003 bis 2008 Mitglied im Vorstand und seit 2014 einer von zehn Aufsichtsräten der Aktionäre, lehnt den Vorsitz ab, wie die F.A.Z. schon am Wochenende berichtet hat. 

          Keine schnelle Lösung

          Der Posten im Kontrollgremium muss neu besetzt werden, weil gleichzeitig mit dem Vorstandsvorsitzenden Zielke auch der amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann am Freitagabend überraschend seinen Abgang angekündigt hat. Er will sein Mandat am 3. August niederlegen. Zielke hat „eine einvernehmliche Aufhebung“ seines noch bis November 2023 laufenden Vertrages angeboten. Deshalb traf sich der Aufsichtsrat zu der Sondersitzung: Nach ihrem Ende teilte die Commerzbank mit, der Aufsichtsrat habe sich mit Zielke geeinigt und das Rücktrittsangebot angenommen. Er soll noch solange Vorstandsvorsitzender bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist, allerspätestens Ende des Jahres aber ausgeschieden sein.

          Auf dem Weg nach draußen: der scheidende Commerzbank-Vorstandschef Martin Zielke (l.) und der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann

          Die größte Krise der Commerzbank seit dem Einstieg des Staates im Winter 2008/2009 lässt sich offensichtlich nicht schnell lösen. Und der Bund versucht gern den Eindruck zu erwecken, er nehme auf die Geschäftspolitik der Commerzbank wenig Einfluss.

          Dönges, eine frühere Mitarbeiterin der Banken Goldman Sachs und SEB, suche nun das neue Aufsichtsratsmitglied, weil sie dem Personalausschuss angehöre. Diesem Unterausschuss des Aufsichtsrates sitze ebenfalls Schmittmann vor, und der könne ja wohl nicht seinen Nachfolger suchen, wird hinter den Kulissen argumentiert.

          Idealerweise sei das neue Mitglied des Aufsichtsrats auch bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da alle aktuellen Mitglieder eben dazu nicht bereit erscheinen. Erst der neue Aufsichtsratschef sollte dann einen neuen Vorstandsvorsitzenden für Zielke finden, lautete ein Plan des Aufsichtsrats.

          Harte Einschnitte für die Belegschaft

          Ein Aufsichtsrat äußerte gegenüber der F.A.Z. die Vermutung, dass es ein bis zwei Wochen dauern könnte, bis ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender gefunden sei. Solange wiederum dürfte kein neuer Vorstandschef bestellt werden. Damit wird die von Zielke zuletzt erarbeitete neue Strategie nicht beschlossen und erst recht nicht umgesetzt werden. Vermutlich wird der oder die neue Vorstandsvorsitzende daran noch Korrekturen vornehmen.

          Im Nebel: Die Spitze der Commerzbank

          Zielkes Plan sieht dem Vernehmen nach vor, im Privatkundengeschäft viele digitale Leistungen der Comdirect zu übernehmen. Diese Direktbank, bisher eine börsennotierte Tochtergesellschaft, hat die Commerzbank gerade vollständig aufgekauft, um sie ganz in ihren Konzern einzugliedern. Damit soll die digitale Transformation der Commerzbank beschleunigt werden. Im Gegenzug plante Zielke, viele Filialen zu schließen. Dem Vernehmen nach steht rund die Hälfte der bundesweit noch 1000 Commerzbank-Zweigstellen auf der Kippe.

          Auf die Belegschaft kämen nach Zielkes Plänen besonders harte Einschnitte zu. Anscheinend wackelt fast jede dritte von 40.000 Vollzeitstellen. Allerdings muss in einen solchen Personalabbau der Betriebsrat eingebunden werden. Er kann Beschlüsse verzögern. Die Gewerkschaft Verdi äußerte schon, die Gespräche über den Stellenabbau könnten erst im kommenden Jahr beginnen.

          Vermutlich spürte Zielke, dass die Aktionäre nicht mehr hinter ihm standen – zumindest, dass ihre Geduld nicht ausreichte, bis er einen langwierigen Personalabbau hätte durchsetzen können. Gerungen wird nun nur noch um seine Abfindung. Um Zielkes Versorgung muss man sich ohnehin wohl keine Sorgen machen: Der Barwert seiner zum Jahresende 2019 erreichten Pensionsanwartschaften beträgt laut Geschäftsbericht 9,5 Millionen Euro. 2019 verdiente der Commerzbank-Chef mit Boni 2,27 Millionen Euro.

          An Festgehalt erhielt Zielke zuletzt 1,674 Millionen Euro Festgehalt im Jahr, also rund 140.000 Euro im Monat. Es kommt durchaus vor, dass ausscheidende Manager ihre Verträge vollständig ausgezahlt bekommen, im Fall von Zielke wären das angesichts von noch 40 Monaten Restvertragslaufzeit 5,6 Millionen Euro. Nach den Empfehlungen des Kodex für gute Unternehmensführung sollen Abfindungen allerdings nicht mehr als zwei Jahresgehälter betragen, in Zielkes Fall wäre seine Abfindung daher auf 3,3 Millionen Euro zu begrenzen. Es erscheint schwer vorstellbar, dass der Bund als größter Aktionär der Commerzbank eine höhere Abfindung durchwinken könnte.

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