https://www.faz.net/-gqe-140h1

Neuartiges Carsharing : Die smarte Revolution von Ulm

  • -Aktualisiert am

15 unterschiedliche Fahrer nutzen pro Tag in Ulm einen Smart Bild: Hersteller

Städte ersticken am Verkehr. Wie wäre es, Autos nur noch minutenweise zu mieten? Daimler testet gerade das Auto zum Mitnehmen in einem Pilotprojekt. Erst in Ulm, bald in Texas, dann in Paris.

          4 Min.

          Der Jungmanager steht auf dem Platz vor dem Ulmer Münster und muss dringend weg. Taxi ist keines zu sehen. Bus dauert ihm zu lange. Also hält er Ausschau nach einem weiß-blauen Smart. Ein Dutzend grüner Punkte blinken in dem Stadtplan auf seinem iPhone, jeder für ein Auto, alle im Umkreis von 500 Meter, das Handy weist den Weg.

          Dort angekommen, öffnet er den Wagen mit dem Chip, der auf seinem Führerschein klebt, und fährt los. Ohne Wartezeit, ohne vorher reserviert zu haben und ohne jemandem zu sagen, wie lange er das Auto benötigt. Abgerechnet wird zum Schluss: 19 Cent pro Minute (inklusive aller Nebenkosten), egal wo in der Stadt er den Flitzer abstellt. „Da lohnt sich kein eigener Wagen“, sagt der Anzugträger.

          Fahrtzeit ist entscheidend

          „Car to go“ nennt sich das Pilotprojekt, mit dem Daimler die „Revolution in urbaner Mobilität“ probt. So zumindest tönt es aus den internen Strategiepapieren. Tatsächlich hat das Modell etwas Umstürzlerisches für einen Autohersteller: Daimler verkauft keine Autos, sondern Fahrtzeit in Minuten.

          In Austin, Texas, will Daimler das Potential für den amerikanischen Markt testen

          Im Frühjahr hat Daimler in Ulm mit 200 Smart-Zweisitzern begonnen. Die teilen sich jetzt mehr als 13 000 Menschen. Jeder Fünfte in der Stadt, der überhaupt ein Auto fahren darf, hat sich als Kunde eingetragen. Weit mehr als 100 000 Fahrten hat Daimler abgerechnet. „Wir werden in Ulm überrannt“, sagt Vorstandschef Dieter Zetsche, erkennbar froh, endlich mal wieder mit Offensivgeist zu punkten. Die Zeiten sind hart genug: Das Kerngeschäft von Mercedes stottert, sogar die Motoren in der nagelneuen E-Klasse versagen.

          Ulm, Austin, Paris

          In Ulm dagegen ist in Zetsches Truppe der Pioniergeist ausgebrochen. Jede Woche schaut eine andere kommunale Delegation vorbei, um zu sehen, wie sich das Modell auf ihre Stadt übertragen lässt. In Austin, Texas, startet Daimler im November einen ähnlichen Versuch. Paris, wo gerade eine Ausschreibung anläuft, soll im nächsten Jahr folgen. „Mitte 2010 ist das Konzept international marktfähig. Dann können wir es auf weitere Städte ausdehnen“, sagt Dieter Zetsche. „Das Interesse der Bürgermeister ist riesengroß.“

          Die Idee für das „Auto zum Mitnehmen“ ist geklaut, auch wenn die Daimler-Manager dies nicht gern hören: Die Deutsche Bahn verteilt seit Jahren Mietfahrräder über deutsche Großstädte. Auch da kann der Kunde spontan aufsteigen und muss nicht zum Ausgangspunkt zurückradeln.

          Es wird eng in den Städten

          Der Gedanke, es mit Autos zu versuchen, kam der kleinen Gruppe, die bei Daimler für ökonomische Innovationen bezahlt wird, in der Cafeteria. Ende 2007 war das, erzählt Projektleiter Robert Henrich. Seither stürzen sich seine Leute mit dem Elan einer Start-up-Firma ans Werk - das Kapital des Konzerns und den heißen Atem des Vorstands im Rücken.

          Die Ausgangslage ist bekannt, die Verkehrsprobleme in Ballungszentren hinlänglich beschrieben: Es wird eng und stickig in den Metropolen. Im Jahr 2025 werden zwei Drittel der Menschheit in Städten mit mehr als einer Million Menschen leben. Noch mehr Autos sind dort schwer zu ertragen. Die Behörden tun daher alles, um sie von den Innenstädten fernzuhalten - sei es durch Sondersteuern und City-Maut wie in London, oder durch abschreckend teure Parkplätze.

          Nicht Autos kaufen, sondern Dienstleistung

          Für den Autofahrer ist das alles kein Spaß, für die Hersteller auch nicht: Ein neues Geschäftsmodell muss her. „Künftig kauft man kein Auto mehr, sondern eine Mobilitätsdienstleistung“, prophezeite unlängst das amerikanische Magazin „Forbes“. Und die Strategen in den Konzernen grübeln, wie sie in der Zukunft Geld verdienen wollen, wenn der Verkauf von Blech nicht mehr läuft. Der junge urbane Mensch knüpft sein Glück nicht mehr ans eigene Auto, schon gar nicht an den Fuchsschwanz an dessen Antenne.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Mike Pence, wird nicht beim Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump kooperieren.

          Trump-Impeachment : Giuliani und Pence verweigern Kooperation

          Die beiden Vertrauten von Präsident Trump sehen sich durch die Verfassung geschützt und lassen eine Frist zur Vorlage von Dokumenten in der Ukraine-Affäre verstreichen. Den Amtsenthebungsprozess betrachtet Giulianis Anwalt als eine „verfassungswidrige, grundlose und illegitime Untersuchung“.
          Turki Al Sheikh fordert Leistung, sonst drohen Konsequenzen.

          Sportunternehmer : Der Fußballinvestor der Scheichs

          Turki Al Sheikh gilt als enger Vertrauter des saudischen Kronprinzen. In Ägypten setzte er mit dem FC Pyramids viel Geld in den Sand. Sein neues Projekt weckt mehr Hoffnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.