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Netflix-Chef Reed Hastings : Vom Fernseh- zum Kinoschreck

Reed Hastings beim Interview, in der linken Hand ein Glas Orangensaft. Bild: dpa

Die Serie „House of Cards“ war gestern: Netflix-Chef Reed Hastings will jetzt kompromisslos auch die Filmindustrie aufmischen – und macht sich damit viele Feinde.

          Vor ein paar Monaten wurde Reed Hastings nach seinem Verhältnis zu Kinobetreibern gefragt. Die Antwort fiel ziemlich herablassend aus. „Wo gab es denn in den vergangenen dreißig Jahren im Filmvertrieb Innovation? Naja, das Popcorn schmeckt besser, aber damit hat es sich auch.“ Offenbar sieht der 56 Jahre alte Mitgründer und Vorstandsvorsitzende der Online-Videothek Netflix also Kinos in ihrer heutigen Form als ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Bei der Vorlage des Quartalsberichts leistete sich Hastings jetzt einen weiteren Seitenhieb. Videodienste wie Netflix könnten das Filmgeschäft beleben, sagte er, nahm die Filmtheater davon aber ausdrücklich aus. Soll heißen: Netflix will nach der Fernseh- auch die Filmindustrie aufmischen, notfalls auch zu Lasten von Kinos.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das dürfte nicht nur Kinobetreiber alarmieren, sondern könnte auch erhebliche Auswirkungen für Filmliebhaber haben. Wer sich heute einen neuen Kinofilm ansehen will, tut dies üblicherweise auch im Kino. Wenn es nach Netflix geht, sind künftig immer mehr Neuerscheinungen direkt auf dem Smartphone oder dem heimischen Fernseher über das Internet abrufbar. Aus Verbrauchersicht hat das Vor- und Nachteile. Netflix-Kunden können sich zwar freuen, sofort Zugriff auf neue Filme zu bekommen. Allerdings müssen sich Freunde des Kinoerlebnisses darauf einstellen, dass sie künftig weniger Produktionen auf der Großleinwand zu sehen bekommen.

          Die Filmoffensive von Netflix nimmt derzeit Fahrt auf. Insgesamt 40 Titel will der Videodienst in diesem Jahr veröffentlichen, darunter Filme mit sehr prominenter Besetzung. Im Mai kam der Kriegsfilm „War Machine“ mit Brad Pitt heraus, der 60 Millionen Dollar gekostet haben soll. Für den Dezember steht das angeblich noch teurere Fantasy-Werk „Bright“ mit Will Smith auf dem Programm. Neben solchen „Popcorn“-Filmen mit hohen Budgets lässt Netflix auch kleinere, unabhängige Titel produzieren. All das dient, ebenso wie auch die vielen eigenen Fernsehserien von Netflix, dem Ziel, den Abonnenten exklusives Material bieten zu können.

          Shows auf Abruf

          Kinobetreiber haben Anlass, diese Entwicklung mit Sorge zu verfolgen, denn schon mit seinen Serien wie „House of Cards“ oder „Stranger Things“, ist es dem Netflix-Chef gelungen, die Sehgewohnheiten der Menschen radikal zu verändern. Sein Unternehmen bietet Shows auf Abruf an, weshalb die Kunden keinem starren Fernsehprogramm mehr folgen müssen. Und es veröffentlicht jeweils ganze Staffeln seiner Serien auf einmal, die Abonnenten müssen also nicht darauf warten, dass sie im Wochentakt neue Episoden zu sehen bekommen.

          Szene aus „House of Cards“: Für Netflix der Durchbruch als Streaming-Dienstleister

          Mit seinen Ambitionen im Fernseh- und Filmgeschäft hat Hastings Netflix in die erste Liga der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gebracht. Das Unternehmen hat jetzt immer mehr Ähnlichkeiten mit einem klassischen Hollywood-Studio. Dabei war es ursprünglich ein reiner Zweitverwerter von Fremdinhalten, und die Anfänge waren bescheiden. Die Idee dafür kam Hastings nach einem Alltagsärgernis. Er musste einmal 40 Dollar Säumnisgebühr zahlen, weil er den Film „Apollo 13“ zu spät in eine Videothek zurückgebracht hatte, und er fragte sich, ob es nicht kundenfreundlichere Wege des Filmverleihs geben könnte. 1997 gründete er Netflix, zunächst als Versanddienst, der Kunden DVDs per Post nach Hause lieferte. Aber schon mit dem Namen des Unternehmens machte er klar, dass er die Zukunft des Vertriebs von Filmen und Fernsehshows im Internet sah.

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          Das DVD-Geschäft betreibt Netflix auf dem Heimatmarkt bis heute, aber der Schwerpunkt liegt jetzt klar auf dem „Streaming“, das es den Kunden erlaubt, Inhalte auf verschiedenen Geräten über das Internet abzurufen. Und Netflix wird heute mehr und mehr mit seinen Eigenproduktionen identifiziert. Der erste große Erfolg war „House of Cards“ im Jahr 2013, darauf folgten etliche andere Serien und nun eben auch verstärkt Filme. Netflix hat mittlerweile einige Nachahmer gefunden. Auch der Online-Händler Amazon betreibt heute eine Videoplattform und lässt eigene Shows und Filme für sie produzieren. Mit Blick auf die Filme zeigt sich Amazon dabei aber kooperativer und stellt sie Kunden erst zur Verfügung, nachdem sie eine Zeit lang ausschließlich im Kino gezeigt wurden.

          Kooperation mit Kinotheken? Nur unter einer Bedingung

          Der Netflix-Chef zeigt sich da viel kompromissloser. Kürzlich sagte er, er sei ja offen dafür, mit großen Kinoketten zusammenzuarbeiten, aber die Bedingung sei eine simultane Veröffentlichung in den Theatern und auf Netflix. Für viele Kinobetreiber ist das indiskutabel, denn sie legen Wert auf ihr traditionelles exklusives Zeitfenster. Und so sorgt Hastings mit seiner Unnachgiebigkeit dafür, dass Netflix sich in der Filmindustrie heute vielen Anfeindungen gegenübersieht. Das war kürzlich vor allem beim Filmfestival in Cannes zu spüren, wo Netflix mit den beiden Filmen „Okja“ und „The Meyerowitz Stories“ vertreten war.

          Bei einer Vorführung von „Okja“ gab es Buhrufe, als das Netflix-Logo auf der Leinwand erschien. Die Festivalleitung kündigte eine Änderung der Regeln für den Wettbewerb an, was den Effekt haben könnte, dass Netflix-Filme künftig nicht mehr teilnehmen könnten. Hastings hatte dafür wenig Verständnis und wertete es als Verschwörung des „Establishments“ gegen sein Unternehmen. Und wie er jetzt mit seinen Aussagen im Quartalsbericht unterstrich, hat er offenbar keine Absichten, seinen Gegnern entgegenzukommen.

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