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Streamingdienst : Netflix setzt auf deutsche Inhalte

Netflix-Mitgründer und Vorstandsvorsitzender Reed Hastings Bild: AFP

Der Streamingdienst will 500 Millionen Euro für deutschsprachige Produktionen ausgeben. Netflix-Chef Reed Hastings verrät, womit er bei den Zuschauern hierzulande punkten möchte.

          3 Min.

          Der amerikanische Streaminganbieter Netflix setzt stärker als je zuvor auf den deutschsprachigen Markt. Im weiteren Verlauf dieses Jahres und in den kommenden beiden Jahren wird das Unternehmen 500 Millionen Euro ausgeben für lokale Produktionen. Daraus sollen insgesamt 80 neue Serien, Filme oder Shows hervorgehen. Das kündigte Netflix-Gründer und Vorstandschef Reed Hastings in Berlin an, wo er zugleich eine neue Firmenzentrale für die Region eröffnete. Zunächst sollen ungefähr 80 Mitarbeiter in den Büroräumen am Warschauer Platz untergebracht sein. „Deutschland, Österreich und die Schweiz sind eine der wichtigsten Regionen auf der ganzen Welt für uns“, sagte Hastings und machte klar, dass er das Potential der neuen Eigenproduktionen nicht darin begrenzt sieht: „Diese Inhalte begeistern auf der ganzen Welt.“

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Allumfassend verriet das Unternehmen noch nicht, was in den neuen Plänen inbegriffen ist und ob das schon feststeht. Gleichwohl präsentierte Hastings eine ganze Reihe namhafter deutscher Regisseure, Autoren, Produzenten und Schauspieler, die zeigen, wie ernst es ihm ist, welcher Anspruch dahintersteckt und welche Vielfalt. Dazu zählten beispielsweise Jantje Friese, Matthias Schweighöfer, Christian Schwochow, Matthias Murmann oder Edward Berger. Berger etwa hat den auf dem gleichnamigen Buch von Erich Maria Remarque basierenden Weltkriegsklassiker „Im Westen nichts Neues“ neu verfilmt, der nächstes Jahr auf Netflix zu sehen sein soll.

          Auch mit dem Engagement von Schwochow setzt Netflix darauf, Zuschauer mit historisch-düsteren Inhalten zu überzeugen. Sein Film „München – Im Angesicht des Krieges“ spielt im Jahr 1938 über jene Konferenz, in der England und Frankreich diplomatisch versuchten, Hitler von einem Krieg abzuhalten. Hauptpersonen sind aber nicht die damaligen Staatenlenker, sondern ein britischer Beamter und ein deutscher Diplomat. Als Vorlage dafür dient ein vor einigen Jahren erschienener Roman des Erfolgsautors Robert Harris.

          Ebenfalls historisch, aber merklich heiterer soll es wiederum in der Serie „The Empress“ um die frühere österreichische Kaiserin Elisabeth („Sisi“) zugehen. Eine „Soap im besten Sinne“ mit „großen Gefühlen auf engem Raum“ verspricht Katharina Eyssen, die dafür das Drehbuch geschrieben hat. Schweighöfer, der zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern der Gegenwart zählt, hat für Netflix unter dem Titel „Army of Thieves“ die Vorgeschichte zum schon erschienenen Streifen „Army of the Dead“ gedreht, der im Oktober anlaufen wird. „Du lieferst etwas ab, was in einem Moment Hunderte Millionen Menschen gucken können“, sagt er auf die Frage, was Netflix für ihn attraktiv macht – verglichen mit einem Kinofilmstart.

          Die Konkurrenz schläft nicht

          Abermals engagiert hat Netflix auch Jantje Friese, die mit der Serie „Dark“ schon einen Überraschungserfolg erzielte, der nicht nur mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, sondern Zuschauer rund um die Welt fesselte. Sie soll mit einer neuen Mystery-Reihe namens „1899“ punkten, die sich um die Passagiere eines Auswandererschiffs dreht, das sich auf dem Weg von Europa nach New York befindet. Friese beeindruckt dabei nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch mit dem virtuellen Filmstudio in Babelsberg, in dem die neue Serie entsteht – „die fortschrittlichste Produktionstechnologie gibt es derzeit in Deutschland“, sagt Netflix-Gründer Hastings. Auf die Frage, auf welche Produktion er selbst sich besonders freut, stellte er zudem klar, dass das nicht maßgeblich sei. „Wir sind nicht programmiert durch das, was ich mag, sondern durch das, was unsere Zuschauer sehen wollen.“

          Die wiederum können inzwischen nicht nur auf Netflix aus einem immer größeren Angebot wählen, sondern auch aus dem, was eine weiter wachsende und durchaus finanzstarke Konkurrenz aufbietet. Der Unterhaltungskonzern Disney ist mit seinem eigenen Streamingangebot Disney Plus sehr erfolgreich und verfügt außerdem über alle Verfilmungen aus dem „Star Wars“-Universum und dem „Marvel“-Kosmos und zudem über beliebte Kinderfilmreihen.

          Apple produziert zunehmend eigene Inhalte, und auch Amazon setzt mehr als zu Beginn auf eigene Produktionen, die dann jeweils nur dort zu sehen sind. Hastings darf seinerseits für sich in Anspruch nehmen, nach wie vor der Pionier auf dem Markt zu sein und schon bewiesen zu haben, dass er mit einem harten Umfeld und technologischen Veränderungen umgehen kann. Er gründete Netflix gemeinsam mit Marc Randolph schon 1997, verwandelte das einst als Internetvideothek gestartete Unternehmen in einen Streaminganbieter mit inzwischen weit mehr als 200 Millionen Abonnenten, davon ungefähr elf Millionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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