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Neonikotinoide : Pestizide töten doch Bienen

  • -Aktualisiert am

Dieser Bienenstock steht fernab aller Pestizide auf dem Stuttgarter Rathaus. Bild: dpa

Was ist der Grund für Europas großes Bienensterben? Offiziell gilt eine Milbe als Hauptursache. Doch neue Studien legen nahe, dass auch Pestizide zum Problem werden.

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          Die Hersteller von in der Landwirtschaft verbreiteten Pestiziden der Gruppe Neonikotinoide geraten durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse immer mehr unter Druck. Das Wissenschaftsjournal „Nature“ hat zwei neue Studien veröffentlicht, die nahelegen, dass die Pflanzenschutzmittel auch Bienen gefährden.

          Eigentlich sollen sie Schädlinge wie den Rapserdfloh töten. Der Verdacht, dass der Orientierungssinn und die Fruchtbarkeit von Bienen durch die Gifte gestört werden, besteht schon länger, galt aber als wissenschaftlich umstritten. Es gebe nun mehr Belege, die eine gesetzliche Beschränkung der Nutzung nahelegten, heißt es in „Nature“. Die Chemikalien sind derzeit schon vorübergehend in der EU verboten, dagegen klagen die Hersteller Syngenta und Bayer gerichtlich.

          In Nature belegte die eine Studie der Universität Newcastle, dass Bienen die Gefahr nicht erkennen, die von Pflanzen mit Neonikotinoiden ausgeht. Ein Feldversuch der schwedischen Universität Lund zeigte am Beispiel von je acht Feldern mit und ohne pestizidbehandelten Ölsaaten, dass die Dichte von Bienen dort, wo der Wirkstoff Clothianidin angewandt wurde, deutlich abnahm. Wildbienenvölker wurden um rund die Hälfte dezimiert. Auch Hummeln litten darunter. Honigbienen hingegen seien widerstandsfähiger, schrieb der Bienenforscher Dave Goulson (Brighton) in dem Journal.

          Der deutsche Agrarlobbyverband IVA vertrat am Donerstag die Auffassung, die Studien hätten „erhebliche Mängel“. Hauptgeschäftsführer Volker Koch-Achelpöhler wurde mit den Worten zitiert: „Ob diese Studien dazu beitragen, ist aber kritisch zu hinterfragen und muss letztlich von der Efsa bewertet werden.“ Dies ist die europäische Zulassungsbehörde, die bis Dezember entscheiden soll, ob die Wirkstoffe wieder zugelassen werden sollen. Die Studien in Nature verwendeten „unrealistisch hohe Konzentrationen“, meinte der IVA. In der Praxis seien Bienen kaum gefährdet.

          Immer weniger Bienen

          Daran zweifeln immer mehr Wissenschaftler. Auch in Deutschland gibt es seit längerer Zeit immer weniger Bienen. Ein Grund ist der Bienenschädling Varroamilbe, das Landwirtschaftsministerium bezeichnet den Schädling als „Hauptgrund“. Auch in diesem Frühjahr sei daher ein „erhöhter Rückgang der Bienenpopulation festgestellt“ worden. Jetzt rief der Ministerium Bürger dazu auf, mit Bienenfütterung und mobilen Apps dem Rückgang entgegenzuwirken.

          Wenn Vögel oder Bienen vergiftet oder in ihrer Erbsubstanz geschädigt werden, kann dies die Ernten von Landwirten indirekt vermindern. Denn Vögel fressen etwa Insekten, die Pflanzen schädigen, und Bienen bestäuben die Pflanzen. Schon vor einigen Monaten hatte eine Meta-Studie vor tödlichen Nebenwirkungen der Neonikotinoide auch für Vögel und Fische gewarnt. In der Studie waren rund 150 schon veröffentlichte Untersuchungen zusammenfassend ausgewertet worden.

          Der Agrarlobbyverband IVA nannte auch dies „eine Kampagne“. Die – in einem begutachteten Journal erschienene – Meta-Studie sei von einem Fonds der niederländischen Umweltbank Triodos finanziert, argumentierte der IVA. Die fördert eine Agrarwende. Die Wissenschaftler hingegen zogen drastische Schlussfolgerungen: Die Wirtschaft habe aus den Umweltzerstörungen durch das Insektengift DDT in den sechziger Jahren nicht dazugelernt, es gebe „eine Bedrohung für die Fruchtbarkeit unserer Natur und Äcker wie damals“, sagte der Molekularbiologe Jean-Marc Bonmatin.

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