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Schadensbilanz der Munich Re : „Sturzfluten und Hurrikane werden immer häufiger auftreten“

Blick auf den zerstörten Stadtkern von Altenahr Bild: picture alliance/dpa

Naturkatastrophen haben im vergangenen Jahr Schäden von 280 Milliarden Dollar angerichtet. Der Rückversicherer Munich Re fordert, mehr für den Klimaschutz zu tun.

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          Auch zu Beginn des neuen Jahres laufen im Ahrtal die Aufräumarbeiten auf Hochtouren. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli wurden hier gut 500 Gebäude zerstört und 3000 beschädigt, Brücken wurden weggespült und Hunderte Kilometer Straßen und Bahnstrecken unterspült. Das Ahr-Hochwasser hat mit 134 Todesopfern viel Leid gebracht und noch immer sind das Ausmaß der Flutkatastrophe und die Kosten für den Wiederaufbau nicht genau absehbar.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Die Gesamtschäden, die das Tiefdruckgebiet „Bernd“ in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen anrichtete, werden auf 33 Milliarden Euro geschätzt. Den versicherten Anteil gibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) recht exakt mit 8,2 Milliarden Euro an. „Bernd“ war damit die bislang teuerste Naturkatastrophe in Deutschland.

          „Die Bilder der Naturkatastrophen von 2021 sind verstörend“, sagt Torsten Jeworrek, Vorstand des Rückversicherers Munich Re. „Die Klimaforschung belegt immer deutlicher, dass extreme Unwetter wahrscheinlicher geworden sind. Gesellschaften müssen sich dringend an steigende Wetterrisiken anpassen und Klimaschutz zur Priorität machen.“

          Schäden von 280 Milliarden Dollar

          Seit gut vier Jahrzehnten zeichnet der Münchner Rückversicherungskonzern, der aus eigenem Interesse Risiken korrekt bewerten und mit einem Preis versehen muss, Großschäden in aller Welt auf und veröffentlicht diese Jahresbilanz. Das vergangene Jahr lag mit einer inflationsbereinigten Schadenhöhe von 280 Milliarden Dollar deutlich über dem Vorjahr, als Gesamtschäden von 210 Milliarden Dollar registriert wurden.

          Für Ernst Rauch, der das Corporate Climate Centre der Munich Re leitet, ist die Katastrophen-Statistik 2021 insofern auffällig, als etliche der extremen Unwetterereignisse zu jenen gehören, die durch den Klimawandel häufiger oder schwerer werden. „Sturzfluten und Hurrikane werden immer häufiger auftreten, davon ist auszugehen. Wir beobachten auch in beiden Fällen eine Zunahme der Schadensummen“, sagt Rauch im Gespräch mit der F.A.Z. „Allerdings richten Hurrikane weitaus teurere Schäden an.“

          In der globalen Statistik wird das Sturmtief „Bernd“ denn auch vom Hurrikan „Ida“ locker übertroffen. Der Wirbelsturm, der Ende August südlich von New Orleans auf Land traf, zerstörte zehntausende Gebäude und war mit einem Gesamtschaden von 65 Milliarden Dollar – davon waren 36 Milliarden Dollar versichert – die teuerste Naturkatastrophe des Jahres. Immerhin hielten die Deiche den Sturmfluten stand. Sie waren in New Orleans nach dem Hurrikan „Katrina“ aus dem Jahr 2005 verstärkt worden. „Katrina“ hatte in der Küstenregion damals katastrophale Schäden und Überschwemmungen verursacht, die fast 1800 Todesopfer gefordert hatten. Seither wurden im Bundesstaat Louisiana Milliarden in den Hochwasserschutz investiert.

          Hierzulande fehle vielfach die Sensibilität für Naturgefahren, sagt Geophysiker Rauch. Dabei führte die Munich Re schon 1974 die Geoforschung ein und informiert die Öffentlichkeit mit einer Weltkarte der Naturgefahren über Risiken für die Wirtschaft. „Leider gibt es bei Sturzfluten noch Wissens- und Informationsdefizite“, sagt Rauch. „Zwar haben wir Starkniederschlagsstudien, doch diese sind regional begrenzt. Und die aktuellen Überschwemmungsgefährdungskarten sind nur zum Teil um Sturzflutengebiete ergänzt worden und müssen in der Auflösung, was Topographie und Niederschlagsabflussmengen betrifft, sicher noch verfeinert werden.“

          Immer teurere Schadensjahre?

          Sowohl bei den Sturzfluten als auch den Hurrikanen gehen Wissenschaftler davon aus, dass sie künftig noch häufiger auftreten. Auch wenn einzelne Schadenereignisse nicht einfach dem Klimawandel zugeordnet werden können, wie Rauch sagt, so liefert die Statistik der letzten Jahrzehnte doch „plausible Indizien für einen Zusammenhang mit der Erwärmung der Atmosphäre und Ozeane“. In der Versicherungswirtschaft wächst die Sorge vor immer teureren Schadensjahren, schon allein weil die versicherten Werte zunehmen.

          Das vergangene Jahr reicht in der Dimension an das Jahr 2017 heran, als gleich drei schwere Hurrikane dazu beitrugen, dass mit 330 Milliarden Dollar die zweithöchste jemals registrierte Summe für Naturkatastrophen anfiel. Nur das Jahr 2011 mit dem Tohoku-Erdbeben in Japan einschließlich der Fukushima-Katastrophe war mit 355 Milliarden Dollar versicherter wie nichtversicherter Schäden noch kostspieliger.

          Für die Munich Re steht fest, dass die Anpassung an steigende Risiken durch den Klimawandel eine große Herausforderung wird. Mit der Zunahme der Schäden könnte indes auch das Bewusstsein der Menschen für die Prävention wachsen, seien es Versicherungsschutz oder bautechnische Maßnahmen – eine Hoffnung, die Geophysiker Rauch nicht gänzlich ausschließen will. Mit Blick auf die Sturzflut an Ahr und Erft sagt er aber auch: „An Warnungen hat es nicht gefehlt. Aber Starkregen wurde von den Menschen bisher nicht als wirkliche Gefahr wahrgenommen, anders als Überschwemmungen an großen Flüssen wie Rhein und Donau.“

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