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Naturkatastrophen : Asiatische Unternehmen prüfen ihre Standortstrategie

Risiko Naturkatastrophe: Diese in Japan produzierten Autos sind wieder reif für den Schrottplatz Bild: AFP

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Naturkatstrophe zu werden, ist in Asien höher als woanders. Viele Unternehmen könnten ihre Produktionsstätten zwar nicht komplett verlegen, aber zumindest Teile in andere Regionen verlagern.

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          Der asiatisch-pazifische Raum ist die mit Abstand am stärksten von Naturkatastrophen betroffene Region. Banken und Versicherungen raten Unternehmen, dies bei ihren Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen. Analysten gehen davon aus, dass die Probleme in Japan nun eine Verlagerung von Produktion nach Südostasien beschleunigen, um die Risiken breiter zu streuen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Menschen in Asien leiden unter einer 25 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu Menschen in Europa oder Amerika, Opfer eine Naturkatastrophe zu werden, heißt es bei den Vereinten Nationen. Im Vergleich zu Afrika liegt die Wahrscheinlichkeit in Asien viermal so hoch. Dabei zählen zu den Katastrophen Dürren und Überschwemmungen, Erdrutsche, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis.

          Kommt es aber zur Katastrophe, trifft diese sofort die vernetzte Weltwirtschaft. In dieser komplizierten Lage seien Vorstände oft überfordert, warnt die Personalberaterin Katherine Yap in Singapur: „Ausgerechnet in den ersten paar Stunden haben die Vorstandsvorsitzenden die geringsten Ressourcen, um ihre Entscheidungen zu fällen. Solche Bedingungen aber bergen für sie an verschiedenen Fronten Risiken: professionelle, legale und finanzielle.“

          „Vietnam, Thailand und Indonesien dürften profitieren“

          Die Katastrophe in Japan zeigt die Engpässe beispielhaft. Zwar stehen die von Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebiete in Japan „nur“ für wenige Prozent des Bruttoinlandsproduktes, die Industrie aber ist durch Stromausfälle und Logistikengpässe in wesentlich stärkerem Maße getroffen. „Die Welt hat nun eine Serie von natürlichen und politischen Ereignissen durchlebt, die die Risiken einer Konzentration der globalen Versorgungswege offenlegt. Firmen haben schon Schritte eingeleitet, angesichts wiederkehrender Katastrophen ihre Fertigung zu diversifizieren und den Einkauf geschickter zu organisieren. Japans Desaster wird diesen Trend nur verstärken. Das aber bedeutet für Asien, die Produktionsstandorte noch weiter zu verteilen“, erklärt Wellan Wiranto von der Bank HSBC.

          „Vietnam, Thailand und Indonesien dürften deshalb von wachsenden Auslandsinvestitionen profitieren.“ Wirklich sicher aber dürften sich Unternehmen auch dort nicht fühlen. Denn die Philippinen, Indonesien, Vietnam und Australien durchlitten zwischen 1980 und 2009 die meisten Naturkatastrophen. So wurden in den vergangenen 30 Jahren 349 dieser Unglücke in den Philippinen gezählt und 312 in Indonesien, der größten Volkswirtschaft Südostasiens.

          Auf der Seite der Versicherungen freilich bietet sich ein ganz anderes Bild: „Die meisten versicherten Schäden sind mit 60 Prozent in Europa und weiteren 28 Prozent in Amerika konzentriert“, heißt es bei der Allianz. Diese Schäden aber werden teurer: „In den vergangenen 40 Jahren sind die mit dem Klima und dem Wetter verbundenen Schadensmeldungen dramatisch gestiegen. Lagen die durchschnittlichen Schadensmeldungen in den siebziger und achtziger Jahren noch bei weniger als 5 Milliarden Dollar, stiegen sie auf mehr als 40 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr.“ Die bislang teuerste Katastrophe war der Hurrikan Katrina, der 2005 New Orleans traf. Die Schadenssumme belief sich auf mehr als 60 Milliarden Dollar.

          „Asien hat angesichts der Verstädterung mehr zu verlieren“

          Die großen Städte Asiens aber lehren die Versicherungen nun aber das Fürchten. „Peking, Delhi, Jakarta, Manila, Bombay (Mumbai), Schanghai und Taipeh liegen alle in Erdbebenzonen, und ihnen drohen zudem Risiken wie Überflutung oder ein Taifun“, heißt es bei der Allianz. Alleine auf den Philippinen würden 62 von 79 Provinzen regelmäßig von tropischen Zyklonen mit zerstörerischer Kraft getroffen.

          In China bedecke die erdbebengefährdete Zone etwa die Hälfte des Landes. „Aufgrund seiner viel höheren Bevölkerungsdichte ist Asien im Vergleich zu Amerika 590-mal verletzlicher für Erdbeben, 62-mal verletzlicher für Überflutungen und 40-mal verletzlicher für tropische Wirbelstürme“, sagt Scott Ryrie, Vorstandschef von Allianz Reinsurance Asia Pacific in Singapur. „Asien hat angesichts der wachsenden Verstädterung immer mehr bei Naturkatastrophen zu verlieren“, warnt er.

          „Japanische Unternehmen dürften weitere nach Südostasien verlagern“

          Die Weltbank stößt ins selbe Horn: „Asien bedeckt die Hälfte der Welt, dort wohnen 59 Prozent der Weltbevölkerung, und es ereignen sich 70 Prozent aller Naturdesaster.“ Durch die Folgen der Unglücke in Japan wird deshalb nun die Region wieder interessanter für Investoren. „Japanische Unternehmen, die für einen großen Anteil der Auslandsinvestitionen in Asien stehen, dürften nun weitere Produktion nach Südostasien verlagern“, sagt Wiranto. Zwar bleibe China als Produktionsort wichtig. „Aber die Unternehmen beobachten sehr genau das steigende Lohnniveau dort. Deshalb dürften die Länder mit einer ebenfalls großen Bevölkerung und relativ niedrigen Löhnen die Profiteure der neuen Verlagerungswelle werden.“

          Schon jetzt ist China selbst aber einer der ganz wichtigen Investoren in Südostasien: „Von einem Volumen von knapp 100 Millionen Dollar im Jahr 2005 sind die Auslandsinvestitionen Chinas in Südostasien auf 2,5 Milliarden Dollar 2009 gestiegen“, sagt Wiranto. Sie dürften weiter steigen. Andere Investoren aber kommen nun hinzu.

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