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Nachhaltigkeit : Treiber und Getriebener

Einen Drohnenaufnahme des Mamirauá-Reservats für nachhaltige Entwicklung im brasilianischen Bundesstaat Amazonas. Bild: AFP

Was das Thema der Stunde betrifft, sitzen die Konzerne zwischen den Stühlen. Druck gibt es mit Blick auf die Nachhaltigkeit nicht nur von Aktivisten, sondern auch von den Investoren.

          3 Min.

          Nachhaltigkeit ist der nebulöse Begriff, der derzeit wie ein immer wiederkehrendes Mantra von allen Seiten vorgetragen wird. Es ist ein Ringen um die vermeintlich moralische Vorherrschaft. Gerade Unternehmen geraten dabei immer stärker unter Druck, nicht nur von Klimaaktivisten, sondern auch von ihren Geldgebern, den Investoren.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch wer gibt beim Tauziehen eigentlich den Ton an, Unternehmen oder Investoren? Viele große Kapitalgeber haben sich längst dafür ausgesprochen, dem Thema Nachhaltigkeit ein größeres Gewicht zukommen zu lassen – jüngst auch der größte Vermögensverwalter der Welt, Blackrock. Dessen Chef Larry Fink, der über rund 7 Billionen Dollar wacht, erklärte in einem Brief, dass die Unternehmen zur Verantwortung gezogen würden, wenn sie die wesentlichen Belange in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht ernst nähmen. In der Konsequenz hieße das zum Beispiel auch, dass gegen Managemententscheidungen gestimmt werden könne.

          Umweltaktivisten vor dem Gerichtsgebäude in New York Ende Oktober 2019: Der Öl-Konzern Exxon wurde beschuldigt, Investoren in die Irre geführt zu haben, was die finanziellen Risiken bezüglich des Klimawandels angeht.

          Zwar hat das Wort des Blackrock-Chefs Gewicht, doch gehört der Fondsgigant längst nicht zu den Vorreitern in der Branche. Mehr als 300 Investoren gehören der Initiative „Climate Action 100+“ an, einem Zusammenschluss von Investoren, die auf eine bessere Offenlegung von Klimarisiken in ihren Investitionen pochen. Blackrock ist neuerdings auch Mitglied.

          Und hinter dem Kürzel UN PRI (UN Principles for Responsible Investment) verbirgt sich die 2006 gegründete Investoreninitiative der Vereinten Nationen, in der sich Kapitalgeber dazu verpflichtet haben, ESG-Aspekte in die Investitionsentscheidungen mit einfließen zu lassen. Dabei steht die englische Abkürzung ESG für Dimensionen der Nachhaltigkeit: Umwelt (Ecological), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance). Allein in Europa flossen bis Mitte vergangenen Jahres 24 Milliarden Euro in ESG-Langfristfonds, rund 85 Prozent aller Zuflüsse.

          Vorbild Norwegen

          Als Vorbild für ESG-Belange gilt der größte Staatsfonds der Welt, der norwegische Pensionsfonds. Schon vor fünf Jahren hatte er als erster institutioneller Fonds beschlossen, Unternehmen auszuschließen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes aus Kohle beziehen, was auch als „Divestment“ bezeichnet wird.

          Dass das Thema derart im Fokus steht, führt Christian Hoffmann, Professor an der Universität Leipzig und Fachmann für Finanzmarktkommunikation, vor allem auf die EU-Regulierung zurück. „Es ist nicht so, dass die Vermögensverwalter von selbst darauf gekommen wären“, meint der Wissenschaftler. Das Hauptaugenmerk liegt aber immer noch auf Unternehmen, die selbst mit diversen Ankündigungen und ESG-Strategien nach vorn preschen.

          Abkehr vom Shareholder-Value

          Für eine kleine Sensation sorgte im vergangenen Jahr die Unterzeichnung einer Absichtserklärung von ranghohen Wirtschaftsvertretern von Konzernriesen wie Amazon oder Coca-Cola, in der sie sich vom Vorrang des „Shareholder-Value“ verabschiedeten. Damit rückten die Unternehmen von der alten Maxime ab, die Gewinnmaximierung für die Aktionäre in den Vordergrund zu stellen. Dagegen sollten alle „Stakeholder“, also auch Mitarbeiter, Kunden, lokale Gemeinden oder die Umwelt, berücksichtigt werden.

          Inwieweit die neue Nachhaltigkeit an den Finanzmärkten der Umwelt tatsächlich zugutekommt, darüber gehen die Einschätzungen noch auseinander. Hoffmann verweist auf Studien, die zeigten, dass Investoren, die ESG-Daten berücksichtigen, bessere Ergebnisse erzielten. Das liege auch daran, dass diese Investoren generell gründlicher seien und genauer hinschauten. Jan Krahnen, Finanzmarktprofessor und Direktor des SAFE-Instituts in Frankfurt, meint dagegen, es gebe noch nicht genug belastbare Untersuchungen. Seine Vermutung ist: „Das hat keine Auswirkungen.“

          Denn solange es Investoren gebe, die ihre Anlagestrategie nicht auf Nachhaltigkeit ausrichten, würden diese dann verstärkt in „braune“ Anlageklassen investieren. Im Ergebnis sei die Rendite für „grüne“ und „braune“ Anlagen wieder gleich, so dass nachhaltiges Investieren gerade keine Auswirkung auf die reale Welt habe. Erst wenn die Menge der Finanzmittel, denen die Art der Anlage gleichgültig sei, „so klein ist, dass es zu einer Knappheit grüner Anlagen kommt“, und die Renditen dort sinken würden, würde die Umwelt tatsächlich profitieren.

          Dabei spielt gerade die Kommunikation zwischen Investoren und Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Die Kommunikationsagentur Hering Schuppener empfiehlt auf Grundlage einer Untersuchung der Dax-Konzerne und Investoren, dass Nachhaltigkeit nicht von der restlichen Unternehmensstrategie getrennt werden dürfe und regelmäßig über Fortschritte informiert werden müsse.

          „Wenn das nur ein Anhängsel ist, sind die Investoren nicht überzeugt“, stimmt Wissenschaftler Hoffmann der Untersuchung zu. Damit Vermögensverwalter jedoch überzeugt würden, „müssen sie die strategische Relevanz von Nachhaltigkeit erkennen“, sagt Hoffmann. „Dafür muss es mit der Strategie zusammenhängen.“

          Doch sosehr Unternehmen und Investoren die Moralkeule auch schwingen: Gewinne wollen sie dennoch erzielen. Erst vergangene Woche betonte der Chef des Textilunternehmens Trigema, Wolfgang Grupp, dass er bestimmt kein „Sozial-Säusler“ sei, sondern ein Egoist, der Geld verdienen wolle – Nachhaltigkeit sei dabei eine Riesenchance.

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