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Nach Verkauf der Aufzugsparte : Thyssen-Krupp geht in neue Ära

Zur künftigen Neuaufstellung des Konzerns lieferte Merz nur grobe Umrisse. Bild: dpa

Die Milliarden sollen dem Umbau des Traditionskonzerns dienen. Stahl soll eine Säule bleiben. Schnelle Besserung ist allerdings nicht in Sicht.

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          Nach dem Verkauf der Aufzugssparte treibt Thyssen-Krupp den Konzernumbau voran. Die Erlöse sollen vollständig in die Abdeckung von Pensionsverpflichtungen, den Schuldenabbau und die Stärkung der verbleibenden Geschäfte gehen. Eine Sonderdividende wird es nach den Worten der Vorstandsvorsitzenden Martina Merz nicht geben, obwohl die Einnahmen mit 17,2 Milliarden Euro deutlich über den Erwartungen liegen. „Das schließen wir kategorisch aus. Die Erlöse bleiben im Unternehmen“, sagte Merz bei einer Telefon-Pressekonferenz am Freitag.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die schwedische Anlagegesellschaft Cevian, mit 18 Prozent zweitgrößter Aktionär hinter der Krupp-Stiftung, stellte sich hinter die Pläne des Konzernvorstandes. „Cevian Capital unterstützt Martina Merz und ihr Team voll und ganz beim Restrukturierungsprozess“, teilte Gründungspartner Lars Förberg mit. Die Krupp-Stiftung forderte den Vorstand auf, die Mittel für eine erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens einzusetzen.

          „Thyssen-Krupp muss wieder wettbewerbs- und dividendenfähig werden“, hieß es in einer ersten Reaktion. Analysten bewerteten den Deal positiv, verwiesen aber auch darauf, dass der schwierigere Teil der Aufgabe noch bevorstehe. An der Börse zeigte der Abschluss mit Advent, Cinven und der RAG-Stiftung wenig Wirkung: In einem allgemein sehr schwachen Marktumfeld gaben auch die Aktien von Thyssen-Krupp nach. Am Nachmittag wurden sie mit einem Abschlag von knapp 4 Prozent gehandelt.

          Abbau der Finanzschulden

          Über die Verwendung der Verkaufserlöse aus dem „Tip-Top-Deal“, wie ihn Merz nannte, will der Vorstand erst im Mai entscheiden und dann ein Gesamtkonzept für die Zeit nach den Aufzügen vorlegen. Das Geld fließt ohnehin erst im Sommer, weil erst noch mehr als zehn Kartellbehörden zustimmen müssen. Thyssen-Krupp verliert mit den Aufzügen fast ein Drittel seiner Belegschaft von rund 160 000 Mitarbeitern und den aktuell einzig nennenswerten Gewinnbringer. Allerdings sollen 1,25 Milliarden Euro aus dem Verkauf in eine Rückbeteiligung investiert werden, so dass der Konzern laut Finanzvorstand Johannes Dietsch mit etwa 15 Prozent an dem Geschäft und seinen Wachstumschancen partizipieren wird.

          Diese Beteiligung werde zusammen mit weiteren Finanzmitteln in ein unabhängiges Treuhandvermögen eingebracht. Damit sollen die Pensionsverpflichtungen von derzeit rund 9 Milliarden Euro teilweise finanziert werden. Auf diese Weise könnte Thyssen-Krupp die regelmäßigen Mittelabflüsse für die Pensionen – nach früheren Angaben rund 500 Millionen Euro im Jahr – verringern. Für weitere Entlastung soll der teilweise Abbau der Finanzschulden von derzeit 7,1 Milliarden Euro sorgen. Beide Effekte zusammengenommen, ließen sich die wegfallenden „Cash-Beiträge des Aufzugsgeschäfts zu einem Gutteil kompensieren“.

          Selbst inklusive der Einnahmen dieser Sparte verbrennt Thyssen-Krupp im laufenden Geschäft viel Geld, in diesem Jahr voraussichtlich wieder mehr als 1 Milliarde Euro. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Erst in zwei Jahren soll sich der Barmittelzufluss aus dem Tagesgeschäft ins Positive drehen. Für das Kreditrating strebe man „mittelfristig“ die Rückkehr in den Investment-Grade-Bereich an.

          Hauptsitz soll in Deutschland bleiben

          Zur künftigen Neuaufstellung des Konzerns lieferte Merz nur grobe Umrisse. „Wir sehen Thyssen-Krupp als eine Gruppe von Unternehmen, die es in ihren Märkten mit sehr spezialisierten Wettbewerbern zu tun haben“, sagte sie. Stahl sei dabei „sicher eine der Säulen“. Allerdings stellte sie auch klar, dass sich die Sparte weiterhin mit überschaubaren Zusatzinvestitionen zufrieden geben muss. Für die kommenden sechs Jahre sei ein Extra-Budget von insgesamt 800 Millionen Euro vorgesehen – zusätzlich zu den 570 Millionen Euro, die der Konzern im Schnitt der vergangenen Jahre in Hochöfen und Hüttenwerke gesteckt hat. Aufgabe der kommenden Wochen und Monate werde es sein, festzulegen, welche Geschäftseinheiten aus eigener Kraft weiter entwickelt werden könnten und wo die „Zusammenarbeit mit Spezialisten“ oder Verkäufe sinnvoller seien. Speziell für den Anlagenbau müsse man mehrere Optionen im Raum halten, sagte sie. Unrentablen Einheiten wie dem Grobblech-Werk in Duisburg-Hüttenheim droht die Schließung.

          Die neuen Eigentümer der Aufzugssparte kündigten an, dass der Hauptsitz in Deutschland bleiben soll. Man fühle sich „den starken Wurzeln des Unternehmens in Deutschland verpflichtet“, sagte Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung. Auch im Management soll es vorerst keine Änderungen geben. Die Marke Thyssen-Krupp Elevator (TKE) darf das Konsortium nach Konzernangaben noch für eine nicht näher erläuterte Übergangszeit nutzen. Danach muss eine neue Marke her. Die Investoren rechneten sich aufgrund der starken Fragmentierung des Marktes „attraktive Akquisitions- und Konsolidierungsmöglichkeiten“ aus, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Advent, Cinven und RAG-Stiftung. Trends wie die Urbanisierung trieben die Nachfrage und versprächen Wachstum, vor allem in Asien. Weiteres Ausbaupotential sehen die neuen Eigner im Servicegeschäft, auch für dritte Anbieter. Dieses macht in der Sparte jetzt schon knapp die Hälfte des Umsatzes von zuletzt 8 Milliarden Euro im Jahr aus.

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