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Nach Trump-Kritik : Sachter Beistand für Joe Kaeser

Kaeser wurde einmal mehr deutlich - auf Twitter. Bild: EPA

Hinter vorgehaltener Hand ist Skepsis über Trumps Politik unter Managern durchaus zu spüren. Siemens-Chef Kaeser äußert sie auch öffentlich. Der deutschen Wirtschaft gefällt’s.

          Rund 1000 „Gefällt mir“-Herzen hat Joe Kaeser für seinen Twitter-Eintrag inzwischen gesammelt. Der Siemens-Chef hatte am Wochenende auf dem Kurznachrichtendienst politisch Stellung bezogen, nicht zum ersten Mal, aber diesmal besonders deutlich. Sein Zorn galt dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dessen Hasstiraden gegen vier farbige Demokratinnen. „Es bedrückt mich, dass das wichtigste politische Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird“, schrieb Kaeser. Er habe viele Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt und dort „Freiheit, Toleranz und Offenheit erfahren“. Damals sei Amerika „great“ gewesen. Heute dagegen – nun ja.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch wenn dieser Tweet Trump wohl kaum zu einem Umdenken bewegen wird – in der Wirtschaft ist man froh über Kaesers deutliche Worte. Aus dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) in Berlin ist am Montag zu hören, es sei gut, wenn prominente Köpfe aus der Wirtschaft zu politischen Themen Stellung beziehen würden. Die Wirtschaft müsse rein in die öffentlichen Diskurse. Einzelne Manager hätten es da leichter als die Verbände, verträten diese doch eine Vielzahl von Mitgliedern mit unterschiedlichen Interessen.

          Wohlwollend registriert man beim BDI auch, dass Kaeser mit seiner Äußerung durchaus ein Risiko eingeht. Siemens könnte von öffentlichen Aufträgen in Amerika ausgeschlossen werden, auch könnten sich überzeugte Trump-Anhänger von den Produkten des Konzerns abwenden. So gesehen sei Kaesers Vorstoß „mutig“.

          Der Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe hält sich derweil bedeckt. Er werde sich nicht dazu äußern, teilte ein Sprecher auf Nachfrage mit. Sachten Zuspruch erhält Kaeser vom Unternehmensberater Dominic Veken: Jedes Unternehmen stehe für bestimmte Werte, sagt der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Brighthouse, einer Tochtergesellschaft der Boston Consulting Group: „Diese Werte sollte das Unternehmen auch nach außen vertreten.“ Allerdings, schränkt er ein, sollten Manager mit politischen Aussagen sehr vorsichtig sein: Ein Unternehmen repräsentiere oft mehrere zehntausend Menschen, die die Führung des Unternehmens nicht gewählt haben: „Ein Unternehmen kann sich schnell den Vorwurf einhandeln, die Belegschaft zu instrumentalisieren“. Insofern müsse jeder Einzelfall „mit großem Verantwortungsgefühl“ geprüft werden.

          Trump ein „Heißluft-Erzeuger“?

          Hinter vorgehaltener Hand ist Skepsis über Trumps Politik unter deutschen Spitzenmanagern durchaus zu spüren, doch öffentlich wird nur selten scharfe Kritik an Trump geäußert. Es kommt aber durchaus vor. Deutliche Worte fand kürzlich der Schraubenhändler Reinhold Würth: Wegen Trump investiere sein Unternehmen kein zusätzliches Geld in Amerika: „Würth kehrt zurück, wenn er geht“, sagte der 83 Jahre alte Firmenpatriarch vor wenigen Wochen in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ Mehrfach sehr kritisch über Trump hat sich auch der deutsch-amerikanische Manager Martin Richenhagen geäußert. Trump sei ein „Heißluft-Erzeuger“ sagte der Chef des amerikanischen Landmaschinenherstellers Agco (Fendt) schon vor längerer Zeit in einem Interview: „Trumps sexistische und rassistische Bemerkungen führen dazu, dass der Ton im Land insgesamt auch rüder geworden ist“, gab er zu Protokoll.

          Später legte er nach: Er glaube, dass Trump „ärztliche Hilfe braucht“. Richenhagens Aussagen hatten vor allem deshalb überrascht, weil er – als langjähriger Kritiker der Wirtschaftspolitik von Trumps Vorgänger Obama – Trump ursprünglich durchaus positiv gegenüber gestanden war. Man müsse Trump eine Chance geben, hatte Richenhagen unmittelbar nach dessen Wahlerfolg gesagt. Einige Monate später aber zog er sich aus Ärger über Trump enttäuscht aus einem Beratergremium des Präsidenten zurück. Trump habe in der Sachpolitik „faktisch nicht viel erreicht“, urteilte Richenhagen.

          Unglückliche Figur in Sachen Saudi-Arabien

          Siemens-Chef Joe Kaeser hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder politisch geäußert, kürzlich lobte er etwa die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete, im vergangenen Jahr kritisierte er die AFD-Fraktionschefin Alice Weidel (Lieber ,Kopftuch-Mädel‘ als ,Bund Deutscher Mädel‘“). Seine Haltung gegenüber Trump war in der Vergangenheit allerdings nicht immer ganz eindeutig.

          Im Januar 2018 gratulierte Kaeser in Davos dem amerikanischen Präsidenten vor laufenden Kameras zu dessen geplanter Steuerreform. Er kündigte damals Trump gegenüber auch den Bau eines neuen Werkes in den Vereinigten Staaten an, das es allerdings schon gibt, wie sich später herausstellte. In den sozialen Medien musste Kaeser damals viel Spott und Häme über sich ergehen lassen.

          Er und die anderen Spitzenmanager hätten sich für einen Werbeauftritt Trumps in Davos als Staffage hergegeben, hieß es damals von Kommentatoren. Die Spitzenmanager hätten Trump bei dem Dinner wie Schulbuben gehuldigt. Eine unglückliche Figur machte Kaeser auch im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Kashoggi. Während viele Manager aus Protest ihre Teilnahme an einem Wirtschaftsgipfel in Saudi-Arabien absagten, zögerte Kaeser sehr lange.

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