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Nach Sex-Skandal : Ergo verschärft die Verhaltensregeln

Durch einen Verhaltenskodex will Ergo wieder in einem besseren Licht stehen Bild: dpa

Nach den Skandalen um falsch berechnete Riesterverträge, zweifelhafte Beratungsleistungen und die Sex-Party von Vertretern in Budapest wird nun die Arbeitsweise der konzerneigenen Vertriebsorganisation HMI überprüft.

          Der Auflauf ist ungewöhnlich für die Pressekonferenz eines Versicherers: Zahlreiche Kamerateams, Fotografen und Journalisten bevölkern am Mittwochmorgen die Düsseldorfer Zentrale des Ergo-Konzerns. Zu der per Facebook von der Satirezeitschrift „Titanic“ einberufenen Party sind zwar nur eine Handvoll Leute auf den Platz vor dem Gebäude gekommen.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Aber die erste Medieneinladung des Unternehmens seit dem Beginn der Enthüllungen im Frühjahr übt schon allein genug Anziehungskraft aus. Der Vorstandsvorsitzende Torsten Oletzky will Konsequenzen aus der Welle von Skandalen vorstellen, die die Tochtergesellschaft der Munich Re in den vergangenen Monaten durchgeschüttelt und dem Ruf der ganzen Branche erheblich geschadet hat.

          Eine „schwierige Phase“ habe die Ergo durchgemacht, sagt Oletzky nach minutenlangem Blitzlichtgewitter. „Viele Vorwürfe hatten einen wahren Kern.“ Dies habe das Management anfangs unterschätzt. Interne und externe Revisoren hätten die Vorwürfe inzwischen geprüft, Schwachstellen seien erkannt worden. Das Vertrauen lasse sich jetzt nur wieder herstellen, „wenn man offen über alles spricht“.

          Viel zu tun: Ergo-Chef Torsten Oletzky

          „Die Marke Ergo hat unbestritten gelitten“

          Mit weiterer Aufklärung, mehr Transparenz und strengeren Verhaltensregeln will Oletzky auf die Vorgänge reagieren. Das Unternehmen habe sich mit den selbständigen Versicherungsvertretern auf einen Verhaltenskodex geeinigt, der klare Regeln für Beratung und integres Verhalten vorsehe. Bereits im Juni hatte das Unternehmen angekündigt, seine Compliance-Abteilung zu stärken und direkt dem Vorstand zu unterstellen. Zudem soll die Beratungsqualität durch Testkäufe und Marktforschungen verbessert werden, die Unterlagen sollen transparenter gestaltet werden. Auch können Kunden künftig ihren Vertreter nach dem Beratungsgespräch bewerten.

          Auf Nachfrage berichtet Oletzky, dass darüber hinaus eigens eine Arbeitsgruppe in Sachen Hamburg-Mannheimer International (HMI) eingerichtet wurde. Sie soll sich eingehend mit der Arbeitsweise der konzerneigenen Vertriebsorganisation befassen, die 2007 für 64 Vertreter eine Incentive-Reise mit Prostituierten nach Budapest organisiert hat. Eine Trennung von dem Strukturvertrieb, der für rund ein Zehntel des Ergo-Neugeschäfts steht, bezeichnet Oletzky jedoch als „unwahrscheinlich“.

          Von den Kunden habe es eine Reihe kritischer Reaktionen auf die Skandale gegeben, berichtet der Vorstandsvorsitzende. In 500 Fällen seien Verträge mit Hinweis auf die Vorgänge storniert worden. „Die Marke Ergo hat unbestritten gelitten“, stellte Finanzvorstand Christoph Kurecka fest. Auf das Neugeschäft schlügen sich die Vorgänge aber nicht massiv nieder.

          „Sie haben grob gegen Regeln verstoßen“

          In Verruf hat den Konzern eine Enthüllungsserie gebracht, die im April mit einer Zeitungsanzeige von drei ehemaligen HMI-Vertretern begonnen hat, die mit dem Konzern über finanzielle Ansprüche streiten und zahlreiche Anschuldigungen unterbreiteten. Gegen vermeintliche Hintermänner hat der Konzern inzwischen Strafanzeige wegen versuchter Erpressung erstattet.

          Die Sex-Party in Budapest, die kurz nach der Zeitungsanzeige publik wurde, nennt Oletzky hingegen „gänzlich inakzeptabel“. Allen Beteiligten sei klar gewesen, „dass sie grob gegen Regeln verstoßen“. Die beiden Organisatoren, die nicht mehr bei der Ergo beschäftigt seien, hätten sich bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Die Dienste der Prostituierten seien versteckt in Sammelrechnungen abgerechnet worden. Es werde „so etwas“ nicht mehr geben, verspricht Oletzky.

          Kunden wird Rückabwicklung der Verträge angeboten

          Zu den falsch berechneten Riester-Verträgen, dem dritten Teil der Affäre, sei es 2005 durch einen Fehler beim Nachdruck eines Formulars gekommen. Versehentlich sei auf der Rückseite ein veralteter Kostensatz ausgewiesen worden. Der Fehler sei schon im Oktober 2005 aufgefallen, aber nicht konsequent behoben worden, räumt Oletzky ein. Der Aufwand für die Entschädigung der rund 12 000 betroffenen Kunden falle voraussichtlich niedriger aus als die bisher veranschlagten 5 bis 6 Millionen Euro.

          Zu der für die Kunden nachteiligen Umdeckung von Lebens- in Unfallversicherungen heißt es, die Vertreter seien frühzeitig aufgefordert worden, dies zu unterlassen. Den Kunden wird eine Rückabwicklung der Verträge angeboten. Im Hinblick auf mögliche Unregelmäßigkeiten mit Gruppenverträgen der betrieblichen Altersversorgung werden derzeit 160 Fälle überprüft. Das während der Pressekonferenz aufkommende Gerücht, es seien bei diesem Geschäft Personalabteilungen und Betriebsräte beeinflusst worden, kontert Oletzky mit dem Hinweis, dass noch keine konkreten Vorwürfe vorlägen.

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