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Nach Rücktritt bei Thyssen-Krupp : Gerhard Cromme will Siemens weiter kontrollieren

Wie lange kann sich Gerhard Cromme noch bei Siemens halten? Bild: dpa

Den Aufsichtsratsvorsitz von Thyssen-Krupp hat der umstrittene Manager abgegeben, bei Siemens hingegen will er das Amt behalten. Doch Beobachter bezweifeln, dass er noch lange bleiben wird. Josef Ackermann oder Wolfgang Reitzle könnten ihn ablösen.

          Gerhard Cromme, der am Freitag als Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp AG zurückgetreten ist, will von seiner Aufgabe als Chefaufseher von Siemens nicht abrücken. Er freue sich auf die weitere Zusammenarbeit, soll er just nach seinem Rausschmiss in Essen als wichtige Botschaft nach München übermittelt haben, ist aus verschiedenen Unternehmenskreisen zu hören.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Ein Konzernsprecher hatte schon am Freitag eine aus sechs Worten bestehende Stellungnahme parat: „Bei Siemens gibt es keine Veränderungen“, sagte er. Cromme, der Ende Februar 70 Jahre alt geworden ist, sieht sich offensichtlich durch den Verlauf der Hauptversammlung des Technologiekonzerns Ende Januar bestärkt. Mit 90,7 Prozent wurde er für weitere fünf Jahre in den Aufsichtsrat gewählt, unmittelbar danach zum Vorsitzenden des Gremiums gekürt - obwohl die Statuten eine Altersgrenze von 70 Jahren empfehlen. „Ich bin sehr gerührt über die große Anteilnahme an meinem gesundheitlichen Zustand“, sagte Cromme mit verschmitztem Grinsen, als einzelne Kritiker die abermalige Kandidatur wegen seines Alters in Frage stellten.

          Kann Siemens die Unruhe im Aufsichtsrat gebrauchen?

          Ob in der Sache das letzte Wort gesprochen ist, bezweifeln Beobachter nun allerdings. Kann Siemens ausgerechnet jetzt die Unruhe im Aufsichtsrat gebrauchen, die mit der Absetzung von Cromme bei Thyssen zwangsläufig auch nach München ausstrahlt? Der Konzern befindet sich in einer schwierigen Phase. Das Unternehmen hat ein Sparprogramm gestartet, um rund 6 Milliarden Euro sollen die Kosten bis 2014 sinken. Schätzungsweise 10.000 Arbeitsplätze werden im Rahmen des Programms „Siemens 2014“ abgebaut. Die verspätete Auslieferungen von ICE-Zügen und sich hinauszögernde Anschlüsse von Nordsee-Windparks beflecken das Image. Sinkende Auftragseingänge belegen, dass der Konzern an Wettbewerbskraft verliert. Am vergangenen Mittwoch wurde bekannt, dass Siemens seine einst unangefochtene Führung im Einreichen von Patenten in Europa an den südkoreanischen Wettbewerber Samsung abgeben musste - ein Warnsignal für nachlassende Innovationskraft.

          Die Siemens-Aktionäre werden sich daher fragen müssen, ob die von ihnen abgegebenen Ja-Stimmen für den damals wegen der Turbulenzen bei Thyssen-Krupp schon in die Kritik geratenen Cromme richtig waren. Beobachter rechnen damit, dass nun eine Personaldiskussion um eine neue Besetzung an der Gremiumsspitze entbrennen dürfte. Die Hauptversammlung im nächsten Jahr jedenfalls dürfte für Cromme wenig geschmeidig ablaufen, falls er dann immer noch Oberaufseher und Versammlungsleiter sein sollte. Abgewählt werden kann Cromme indes nicht, er muss aus freien Stücken gehen. Doch der Druck auf ihn werde in den nächsten Wochen und Monaten zunehmen, Einschränkungen in der Handlungsfähigkeit seien nicht ausgeschlossen, heißt es.

          Über Nachfolger wird schon spekuliert

          Schon wird über mögliche Nachfolger spekuliert. Crommes Position könnte etwa der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann übernehmen, sein derzeitiger Stellvertreter im Aufsichtsrat von Siemens. Er hatte sich schon vor einigen Monaten für diese Position ins Gespräch bringen lassen. Denn Cromme wollte, das war ein offenes Geheimnis, wohl nur für zwei bis drei weitere Jahre, also nicht für die gesamte Wahlperiode Aufsichtsratsvorsitzender sein, um dann Nachfolger des 99 Jahre alten Berthold Beitz als Sachwalter des Thyssen-Krupp-Imperiums werden zu wollen.

          Ackermann gilt jedoch seinerseits als umstritten und könnte nur für begrenzte Zeit einen geordneten Übergang gewährleisten. Er sitzt im Aufsichtsrat der schwedischen Wallenberg-Gruppe, die der größte Einzelaktionär des Siemens-Rivalen ABB ist. Der 65 Jahre alte Schweizer ist aber vor allem für die Arbeitnehmervertreter ein rotes Tuch.

          Daher ist ein anderes Szenario denkbar: Auf der Hauptversammlung im Januar 2014 könnte Wolfgang Reitzle für das Gremium nachnominiert werden. Der Name des Vorstandsvorsitzenden des Industriegaseherstellers Linde AG muss zugegebenermaßen fast immer herhalten, wenn irgendwo in Deutschland eine wichtige Spitzenposition vakant wird. Sogar als Cromme-Nachfolger bei Thyssen ist er schon gehandelt worden. Im Fall Siemens aber passt vieles. Vor sechs Jahren bot ihm Ackermann den Vorstandsvorsitz an; Reitzle lehnte damals ab. Er ahnte wohl, dass eine Zusammenarbeit schwer werden könnte. Denn sowohl Reitzle als auch Cromme sind Alpha-Tiere. Neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens wurde dann Peter Löscher.

          Reitzles Vertrag als Chef von Linde läuft im Mai 2014 aus. Seine frühere Ambition, dann sofort in den Aufsichtsrat als dessen Vorsitzender zu wechseln, hat der 64 Jahre alte Manager gerade begraben. Die Regeln für die gute Unternehmensführung, die pikanterweise der von Cromme geschaffene Corporate Governance Codex, erfordern eine zweijährige Abkühlungsphase, über die sich Reitzle gerne hinweg gesetzt hätte. Doch nahm er wegen der „öffentlichen Diskussion“ von diesem Plan Abstand. Die Qualitäten, die für den Aufsichtsratsvorsitz von Siemens nötig wären, bringt Reitzle jedenfalls mit. Als Aufsichtsratschef des Autozulieferers Continental AG etwa hat er in kürzester Zeit das Drunter und Drüber nach dem Einstieg der Schaeffler-Gruppe beseitigt und für Ruhe gesorgt. Und er gilt als konsensfähig für die Arbeitnehmervertreter.

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