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Nach Manipulations-Skandal : Noch ein Konflikt: ADAC gegen das Finanzministerium

Zurückgewinnen, was verspielt wurde: Interimspräsident August Markl will den ADAC reformieren. Bild: dpa

Die Bilanz des Autofahrerklubs zeigt, dass mehr als 700 Millionen Euro mit Versicherungen erlöst werden. Eine Steuernachzahlung würde den ADAC empfindlich treffen.

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          Früher waren Bilanzpressekonferenzen des ADAC eine Ein-Mann-Show des Präsidenten Peter Meyer. Am Montag wurde dessen kommissarischer Nachfolger August Markl gleich von vier Vorstands- und Präsidiumsmitgliedern flankiert. So sollte schon das Gruppenbild mit Dame – neben Markl lächelte ADAC-Geschäftsführerin Marion Ebentheuer in die Kameras – für alle sichtbar ein Zeichen des Neuanfangs sein. Und wem das nicht reichte, dem sagte Markl, dass bei dem vor 111 Jahren als „Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung“ gegründeten und dann in „Allgemeiner Deutscher Automobilclub“ umbenannten Verein im 112. Jahr „alles auf dem Prüfstand“ stehe. Markl und seine Kollegen nennen das „Reform für Vertrauen“. Erste Reformergebnisse werden sie aber nicht vor einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Dezember präsentieren können.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Immerhin einige „grundlegende Entscheidungen“ seien seit dem Bekanntwerden der ADAC-Skandale getroffen worden, sagte Markl und nannte ein Beispiel. So verzichte der ADAC inzwischen auf den Verkauf von Auto-Kindersitzen, weil das Testen von Kindersitzen „eine Kernaufgabe unserer Verbraucherschutzaktivitäten ist und auch subjektiv frei von Wirtschaftsinteressen sein muss“. Derzeit würden 360 Produkte und Leistungen des ADAC auf mögliche Interessenkonflikte überprüft, sagte Markl.

          Einen anderen Konflikt kann der ADAC so ohne weiteres nicht lösen: Mit dem Bundesfinanzministerium streitet der ADAC darüber, wie viel steuerpflichtige Versicherungsleistung in den ADAC-Beiträgen steckt. Allein aus den Steuerprüfungen für die Jahre 2007 bis 2009 muss der ADAC mit Nachzahlungen an den Fiskus von 150 bis 200 Millionen Euro rechnen. Sollten die Finanzbehörden mit ihrer Auffassung recht behalten, müsste der ADAC auch für die Jahre nach 2009 nachzahlen. Trotz dieses finanziellen Risikos verzichte der Klub auf die Bildung von Rückstellungen, sagte der seit vier Wochen amtierende Finanzgeschäftsführer Thomas Kagermeier. Seine für Versicherungen, Finanzdienstleistungen und Autovermietung zuständige Kollegin Ebentheuer, ebenfalls erst seit wenigen Wochen im Amt, führte aus, womit der ADAC gut verdient: Die Beitragseinnahmen aus Krankenversicherung, Unfallversicherung und Reiserücktrittsversicherung stiegen im vergangenen Jahr um fast 5 Prozent auf 509 Millionen Euro. Die Einnahmen aller in der ADAC Beteiligungs- und Wirtschaftsdienst GmbH zusammengefassten Gesellschaften summierten sich im vergangenen Jahr auf 1,09 Milliarden Euro – mehr als 700 Millionen Euro kamen aus Versicherungsgesellschaften, rund 100 Millionen Euro aus dem Zeitschriften- und Buchgeschäft und 90 Millionen Euro aus der Luftfahrzeugwartung und -vermietung.

          Mitgliederentwicklung und Verwendung der Mitgliedsbeiträge beim Allgemeinen Deutschen Automobil-Club

          Ein vollständiges Bild über seine Bilanz konnte der ADAC nicht liefern: Der Verein, die 18 Regionalklubs und die 44 wirtschaftlichen Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sind rechtlich selbständig und stellen eigene Jahresbilanzen auf. Vor allem die Regionalklubs, bis vor kurzem noch „Gaue“ genannt, wenden noch keinen einheitlichen Standard der Rechnungslegung an. Auch hier gelobte Markl Besserung.

          Die Gesamterträge aus den Mitgliedsbeiträgen stiegen im Berichtsjahr vor der ADAC-Krise von 1,02 auf 1,05 Milliarden Euro. Seit Bekanntwerden der Skandale im Januar traten zwar 320.000 Mitglieder aus dem ADAC aus; gleichzeitig kamen aber 370000 Menschen neu hinzu. Per Ende Mai gehörten dem zweitgrößten Autoklub der Welt 18,93 Millionen Mitglieder an. Auf aggressive Mitgliederwerbung werde der ADAC verzichten, sagte Präsident Markl. Das Ziel seines Vorgängers, 20 Millionen Mitglieder im Jahr 2020, ist längst kassiert. Spätestens im Frühjahr 2015 soll ein neuer ADAC-Präsident gewählt werden. Für dieses Amt steht Markl dann nicht mehr zur Verfügung.

          Der ADAC in der Krise

          Der ADAC steckt seit Jahresbeginn in einer tiefen Krise. Die wichtigsten Stationen im Überblick.

          13. Januar: Der ADAC gibt bekannt, dass die Leser der „Motorwelt“ den VW Golf zum „Lieblingsauto der Deutschen“ gewählt haben.

          14. Januar: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von Manipulationen bei der Leserwahl. Der Verein weist das zurück.

          16. Januar: Bei der Preisverleihung spricht Geschäftsführer Karl Obermair von Unterstellungen.

          17. Januar: ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter gesteht laut Obermair die Fälschungen, der Verein behält das aber zunächst für sich.

          19. Januar: Nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ räumt der ADAC Manipulationen ein.

          21. Januar: ADAC-Präsident Peter Meyer lehnt einen Rücktritt ab.

          7. Februar: Deutsche Autokonzerne wollen ihre Preise zurückgeben, sollten sich neue Vorwürfe erhärten.

          10. Februar: ADAC-Präsident Meyer tritt zurück.

          14. Februar: Ein prominent besetzter Beirat soll den ADAC bei den Reformen beraten.

          17. Februar: Laut Gutachten wurde die Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen jahrelang manipuliert.

          25. Februar: Der Club verhandelt mit dem Geschäftsführer Karl Obermair über eine einvernehmliche Beendigung seiner Tätigkeit.

          9. März: Erneut gerät die Steuerpraxis des ADAC in die Schlagzeilen.

          4. April: Der ADAC trennt sich endgültig von seinem langjährigen Geschäftsführer Obermair.

          14. April: Interims-ADAC-Präsident August Markl soll bis zum Ende des Reformprozesses im Amt bleiben.

          10. Mai: Die Delegierten des ADAC billigen in Saarbrücken einmütig die Reformpläne der Führung.

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