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Nach Klöckner-Video : Nestlé ist böse, Nestlé ist der Feind

Was gehört eigentlich nicht zu Nestlé? Der Lebensmittelkonzern erntet immer wieder Kritik, zuletzt warf das Video mit Ernährungsministerin Julia Klöckner wieder Licht auf die Machenschaften des Unternehmens. Bild: Til/Hollandse Hoogte/laif

Wer sich öffentlich mit Nestlé zeigt, wird zur Zielscheibe von Kritik. Der schlechte Ruf des Riesenkonzerns hat seine Gründe.

          Nestlé zu hassen ist einfach. „Ausbeuter, Kapitalist!“, schimpfen die einen. „Umweltverschmutzer!“, die anderen. Und wieder andere beklagen das fehlende Verantwortungsgefühl des größten Lebensmittelkonzerns der Welt gegenüber Ressourcen und Klima. Das alles sei „faktenfreies Bashing“, beklagte sich die frühere Deutschland-Chefin Béatrice Guillaume-Grabisch neulich. Die Mitarbeiter sollen nun geschult werden, um auch im Bekanntenkreis überzeugend Rede und Antwort stehen zu können. Dass sich der Konzern zu einer solchen Maßnahme gezwungen sieht, macht eines deutlich: Ja, das Image von Nestlé ist miserabel.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das bekam auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in der vergangenen Woche zu spüren. Über sie ergossen sich Häme und Kritik, weil sie zusammen mit dem aktuellen Deutschland-Chef von Nestlé in einem Video auftrat und dieses auch noch in ihren sozialen Medien prominent veröffentlichte. Die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg ermahnte die Ministerin. Man wünsche sich „insgesamt mehr Transparenz bei der Erstellung solcher Videos“, teilte sie mit. Wer immer sich mit Nestlé zeigt, riskiert einen Imageschaden. Denn die Gruppe der Nestlé-Kritiker ist vielleicht nicht groß, aber laut. Selbst der ehemaligen First Lady der Vereinigten Staaten, Michelle Obama, wird eine Nestlé-Antipathie nachgesagt. Dabei hat sie sich stets dagegen ausgesprochen, einzelne Firmen zu dämonisieren.

          Zu viel Fett, zu viel Zucker, zu viele Kohlenhydrate

          An dem Schweizer Nahrungsmittelkonzern entzündet sich wie an keinem anderen regelmäßig ein emotionaler Streit über unsere Ernährung. Ein erster Blick in Wikipedia reicht, um sich der schlechten öffentlichen Wahrnehmung zu vergewissern: Mehr als die Hälfte des Artikels beschäftigt sich mit Kritik und Kontroversen um den Konzern. Aber warum ist Nestlé in den Augen seiner Gegner überhaupt das Böse?

          Für dieses Image gibt es verschiedene Gründe. Zum einen das Geschäftsmodell von Nestlé. Die Schweizer verdienen – negativ ausgedrückt – Geld mit dem Hunger anderer. Positiv ausgedrückt stellt Nestlé „für Millionen Verbraucher verantwortungsvoll Lebensmittel her“, so heißt es von Unternehmensseite. Das Thema Ernährung ist nicht nur dort emotional, wo es an Nahrungsmitteln mangelt. Auch in der westlichen Hemisphäre wird viel diskutiert: zu viel Fett, zu viel Zucker, zu viele Kohlenhydrate. „Nichts ist persönlicher als die Nahrungsmittelaufnahme“, erklärt der Konsumforscher Christian Haubach von der Hochschule Pforzheim. „Nestlé vertreibt hochverarbeitete Lebensmittel. Die komplexen Lieferketten sind für die Konsumenten schwer nachvollziehbar. Dadurch fühlen sie sich dem Konzern ausgeliefert.“

          Einem Konzern, dessen rund 150-jährige Geschichte reich ist an Skandalen. Allein in den vergangenen Jahrzehnten reihte sich eine Panne an die nächste. Am Anfang stand ein Skandal um Säuglingsnahrung in den Entwicklungsländern in den 1970ern. Nestlé vertrieb dort Ersatzprodukte für die Muttermilch und behauptete, damit die Kindersterblichkeit zu verringern. Die Marketing-Praktiken waren aber alles andere als transparent: Sogenannte Milchschwestern, Angestellte des Konzerns, die wie Krankenschwestern gekleidet waren, überzeugten auch Mütter, die eigentlich stillen konnten, ihre Babys mit Ersatzstoffen zu ernähren. Dass oft der hygienische Rahmen (Kücheneinrichtung und sauberes Trinkwasser) für die Ersatznahrung nicht gegeben waren, ließ Nestlé außer Acht.

          Das Geschäft mit dem Grundwasser

          Kritisiert wurde das Unternehmen auch für die Verwendung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und das mangelnde Engagement gegen Kinderarbeit auf Kakao-Farmen. Tierversuche und die Zerstörung von Regenwald wurden dem Konzern vorgeworfen. Nicht zuletzt traf Nestlé illegale Preisabsprachen und musste dafür ein Bußgeld bezahlen. Die Liste kritisierter Handlungen ist lang. Strafbar war davon nur ein Bruchteil.

          Die Trinkwasser-Diskussion, die im vergangenen Jahr hochkochte, ist nur das jüngste Beispiel dafür. Nestlé wird vorgeworfen, in den ärmsten Regionen dieser Welt Grundwasser abzupumpen, abzufüllen und es dann für teures Geld an reichere Menschen in anderen Ländern weiterzuverkaufen. Das senke den Grundwasserspiegel, sagen Kritiker, und führe dazu, dass Brunnen austrockneten, die die Armen so dringend benötigen. Im Frühjahr 2018 wurde bekannt, dass selbst in der französischen Kleinstadt Vittel, in der Nestlé täglich zwei Millionen Liter des gleichnamigen Mineralwassers abfüllt, das Wasser knapp wird.

          Landwirte, die für die Qualität des Wassers mit in die Verantwortung genommen werden, dürfen dieses selbst nicht nutzen, sondern müssen ihren Bedarf aus den Nachbargemeinden decken. Die Bewohner sollen nun über eine Rohrleitung aus der Region mit Wasser versorgt werden – dabei hätten sie genügend Wasser von hervorragender Qualität direkt vor der Haustür. Wäre da nicht der Konzern, der mit dem Verkauf von Vittel Geld scheffelt. Ein Widerspruch, den aufzulösen der Konzern bis heute nicht geschafft hat. Der Effekt der Kritik war sogar zählbar: Nestlé verkaufte seit dem Bekanntwerden des Disputs deutlich weniger Vittel-Wasser – auch in Deutschland, dem wichtigsten Markt für das Produkt.

          Aktivisten sind gegen das Geschäft mit Nahrung

          Dabei, so erklärt es Unternehmenssprecher Alexander Antonoff, versorge man in vielen armen Ländern die Menschen überhaupt erst mit einem Zugang zu sauberem Wasser. Ohne die Fabrik von Nestlé gäbe es diesen vielleicht gar nicht. Auch wenn ein Großteil des geförderten Trinkwassers in den Verkauf gehe, die Bevölkerung profitiere deshalb trotzdem.

          Eine weitere Erklärung für das schlechte Image von Nestlé ist die schiere Größe des Konzerns. Nestlé ist Weltmarktführer in der Lebensmittelbranche. 300.000 Mitarbeiter arbeiten in 400 Fabriken rund um die Welt und erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Reingewinn von mehr als 10 Milliarden Franken. Will man die Industrialisierung der Ernährungswirtschaft kritisieren, richtet man sich – natürlich – gegen den Branchenprimus. „Große Unternehmen wie Nestlé sind die ideale Projektionsfläche. Groß, global, komplex“, sagt Alexander Antonoff von Nestlé: „Dahinter verschwindet, was Nestlé wirklich ist.“

          Aktivisten, die dagegen protestieren, dass mit Ernährung Profit gemacht wird, stürzen sich auf Nestlé. Wer über ungesunde Ernährung schimpft, schimpft auf Nestlé, denn die Schweizer verkaufen Fertigprodukte. Da hilft es auch nicht, dass das Unternehmen für viel Geld einen „hohlen“ Zucker entwickeln ließ, der den Geschmack des herkömmlichen Zuckers behält, aber weniger Kalorien hat.

          Das oberste Ziel: Gewinnmaximierung

          Wo immer die Arbeitsbedingungen in der Nahrungsmittelproduktion beklagt werden – sei es auf Kaffeeplantagen oder auf Sojafeldern –, kommt Nestlé ins Spiel. Die Größe des Konzerns und die Vielschichtigkeit der Produktpalette mögen ein Vorteil gegenüber Mitbewerbern sein. Doch sie machen Nestlé auch besonders angreifbar.

          Dabei ist Nestlé, 1866 von einem Apotheker gegründet, längst nicht der einzige große internationale Konzern in der Branche. Auch Unilever, der britisch-niederländische Konkurrent, kommt auf einen großen Marktanteil. Doch die beiden Wettbewerber unterscheidet, dass es unterschiedlich schwierig ist, ihre Produkte und Marken einem der beiden zuzuordnen. Während Unilever den Firmennamen aus Produktnamen wie Magnum-Eis und Knorr-Suppen bewusst heraushält, gilt bei Nestlé der Grundsatz: „Das Unternehmen ist der Star.“ Der Firmenname taucht immer wieder auf: Nescafé, Nesquik, Nestea und Nespresso sind nur eine Auswahl.

          Deshalb ist Nestlé in den Köpfen der Verbraucher weitaus präsenter. Dumm nur, wenn die mit dem Firmennamen keinen sympathischen Firmenpatron verbinden, sondern einen riesigen Konzern, dessen oberstes Ziel die Gewinnmaximierung ist. Im vergangenen Herbst schraubte Nestlé auf Druck seiner Aktionäre die Renditeerwartung von 16 auf 18,5 Prozent hoch. „Das ist gierig und maßlos“, schimpfte damals der Gewerkschafter Guido Zeitler in der Tageszeitung „taz“. Denn gleichzeitig sollten 1000 Stellen gestrichen werden. „Jeder normale Sparer bekommt derzeit 0 Prozent Rendite. Der Aktionär sagt: Ich will 18 haben“, so Zeitler weiter.

          So könnte man sagen: Je erfolgreicher Nestlé wird, desto schlechter fürs Image. „Die wahrgenommene Marktmacht ist extrem“, erklärt Konsumforscher Haubach. „Man isst lieber bei Underdogs.“ Ein sympathisches, kleines Start-up mit ökologisch hergestellten Lebensmitteln aus der Region habe es da leichter. In Deutschland ist das Licht, in dem Nestlé wahrgenommen wird, besonders dunkel. Es gibt hier viele Mittelständler, die weniger Produkte vermarkten, mit denen die Konsumenten sich eher identifizieren können.

          Auf neue Vorwürfe reagiert Nestlé häufig mit dem Hinweis auf all das Gute, das man doch tue. Tatsächlich tut der Konzern vieles, um seine öffentliche Wahrnehmung zu verbessern: Regelmäßig werden Studien zu Ernährungsgewohnheiten veröffentlicht, es gibt einen NGO-Beirat, in dem das Unternehmen regelmäßig mit seinen Kritikern spricht, und in Ländern wie Äthiopien und Pakistan wird Trinkwasser der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung gestellt. All das hält viele Leute nicht davon ab, darin vor allem „Greenwashing“ zu wittern – also Aktionen, die von den Problemen ablenken sollen. Bilder und Zitate aus kritischen Dokumentarfilmen haben sich festgesetzt. Selbst wenn Nestlé etwas Gutes tut, bei den Menschen bleibt viel eher das Negative hängen. Nestlé-Mann Antonoff weiß: „Vorurteile oder Urteile über Bord zu werden ist ein langwieriger Prozess.“

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