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Nach Klöckner-Video : Nestlé ist böse, Nestlé ist der Feind

Das Geschäft mit dem Grundwasser

Kritisiert wurde das Unternehmen auch für die Verwendung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und das mangelnde Engagement gegen Kinderarbeit auf Kakao-Farmen. Tierversuche und die Zerstörung von Regenwald wurden dem Konzern vorgeworfen. Nicht zuletzt traf Nestlé illegale Preisabsprachen und musste dafür ein Bußgeld bezahlen. Die Liste kritisierter Handlungen ist lang. Strafbar war davon nur ein Bruchteil.

Die Trinkwasser-Diskussion, die im vergangenen Jahr hochkochte, ist nur das jüngste Beispiel dafür. Nestlé wird vorgeworfen, in den ärmsten Regionen dieser Welt Grundwasser abzupumpen, abzufüllen und es dann für teures Geld an reichere Menschen in anderen Ländern weiterzuverkaufen. Das senke den Grundwasserspiegel, sagen Kritiker, und führe dazu, dass Brunnen austrockneten, die die Armen so dringend benötigen. Im Frühjahr 2018 wurde bekannt, dass selbst in der französischen Kleinstadt Vittel, in der Nestlé täglich zwei Millionen Liter des gleichnamigen Mineralwassers abfüllt, das Wasser knapp wird.

Landwirte, die für die Qualität des Wassers mit in die Verantwortung genommen werden, dürfen dieses selbst nicht nutzen, sondern müssen ihren Bedarf aus den Nachbargemeinden decken. Die Bewohner sollen nun über eine Rohrleitung aus der Region mit Wasser versorgt werden – dabei hätten sie genügend Wasser von hervorragender Qualität direkt vor der Haustür. Wäre da nicht der Konzern, der mit dem Verkauf von Vittel Geld scheffelt. Ein Widerspruch, den aufzulösen der Konzern bis heute nicht geschafft hat. Der Effekt der Kritik war sogar zählbar: Nestlé verkaufte seit dem Bekanntwerden des Disputs deutlich weniger Vittel-Wasser – auch in Deutschland, dem wichtigsten Markt für das Produkt.

Aktivisten sind gegen das Geschäft mit Nahrung

Dabei, so erklärt es Unternehmenssprecher Alexander Antonoff, versorge man in vielen armen Ländern die Menschen überhaupt erst mit einem Zugang zu sauberem Wasser. Ohne die Fabrik von Nestlé gäbe es diesen vielleicht gar nicht. Auch wenn ein Großteil des geförderten Trinkwassers in den Verkauf gehe, die Bevölkerung profitiere deshalb trotzdem.

Eine weitere Erklärung für das schlechte Image von Nestlé ist die schiere Größe des Konzerns. Nestlé ist Weltmarktführer in der Lebensmittelbranche. 300.000 Mitarbeiter arbeiten in 400 Fabriken rund um die Welt und erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Reingewinn von mehr als 10 Milliarden Franken. Will man die Industrialisierung der Ernährungswirtschaft kritisieren, richtet man sich – natürlich – gegen den Branchenprimus. „Große Unternehmen wie Nestlé sind die ideale Projektionsfläche. Groß, global, komplex“, sagt Alexander Antonoff von Nestlé: „Dahinter verschwindet, was Nestlé wirklich ist.“

Aktivisten, die dagegen protestieren, dass mit Ernährung Profit gemacht wird, stürzen sich auf Nestlé. Wer über ungesunde Ernährung schimpft, schimpft auf Nestlé, denn die Schweizer verkaufen Fertigprodukte. Da hilft es auch nicht, dass das Unternehmen für viel Geld einen „hohlen“ Zucker entwickeln ließ, der den Geschmack des herkömmlichen Zuckers behält, aber weniger Kalorien hat.

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