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Nach Hagemanns Abtritt : SAP hat bald nur noch einen Boss

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Bill McDermott Bild: dpa

Der Amerikaner Bill McDermott hat ab dem kommenden Jahr alleine das Sagen in Deutschlands wichtigstem Softwarekonzern. Mitarbeiter haben Sorge, dass noch mehr Abteilungen nach Amerika verlagert werden.

          Vor wenigen Tagen war noch alles wie immer. „Ich übergebe an meinen Partner und Freund Jim Hagemann Snabe“, sagte Bill McDermott bei den Quartalszahlen vergangene Woche. Die Formulierung wird der 51 Jahre alte Manager künftig nicht mehr verwenden können: Die Doppelspitze wird es vom kommenden Jahr an nicht mehr geben. McDermott soll ab dem kommenden Jahr alleine das Sagen haben.

          Er und Jim Hagemann Snabe, der gerade bekanntgegeben hat abzutreten, gelten als perfekte Ergänzung - das Verkaufstalent und der analytisch denkende Mathematiker. Der euphorische Amerikaner und der empathische Däne.

          Von wo aus McDermott, der im Gegensatz zu Snabe nur einige Brocken Deutsch spricht, den Konzern führen wird, sei noch offen, sagt ein SAP-Sprecher. Bisher hatte er seinen Arbeitsplatz an einem der drei amerikanischen Standorte der Firma in Pennsylvania.

          In zehn Monaten, nach der Hauptversammlung im Mai 2014 wird Snabe den Vorstandsvorsitz abgeben. Er will dann in den Aufsichtsrat wechseln. Eine „Abkühlungsphase“ wird es nach dem Plan nicht geben. Dem Corporate-Governance-Kodex sei genüge getan, wenn 25 Prozent des Kapitals zustimmten, sagte ein Sprecher. Aufsichtsratschef Hasso Plattner, der allein fast 10 Prozent der Anteile an Deutschlands bedeutendstem Softwareunternehmen hält, hatte Snabe selbst den Vorschlag gemacht, der Firma wenigstens als Aufsichtsrat erhalten zu bleiben.

          Angst vor Verlagerung nach Amerika

          Krach zwischen Snabe und McDermott habe es nicht gegeben. Snabe begründet den Wunsch, seinen Vertrag aufzulösen, mit seiner Familie. „Das ist in den letzten Jahren sehr zu kurz gekommen“, sagte der 47 Jahre alte Däne auf FAZ.NET. Seine Frau und seine beiden Kinder leben in der Nähe von Kopenhagen, er sieht sie nur am Wochenende.

          Mit dem Weggang von Snabe nimmt der Anteil der Europäer im Vorstand weiter ab. „Das ist eine Schwächung des Standorts Deutschland“, sagte Betriebsratschef Stefan Kohl. „Es gibt niemanden im Vorstand mehr, der SAP in Deutschland oder Europa als CEO repräsentieren kann.“ In der Belegschaft macht sich die Sorge breit, dass SAP sich zusehends in die Vereinigten Staaten verlagern könnte. Die Frage trieb auch die Aktionäre auf der diesjährigen Hauptversammlung um.

          Im Mai hatte SAP die Leitung seiner Kommunikationsabteilung ins kalifornische Palo Alto verlegt. Dort sind bereits wichtige Entwicklungsbereiche angesiedelt. Und Aufsichtsratschef Plattner wird nicht müde, die Vorzüge des Silicon Valley zu loben. „Deren Wille, zu gewinnen, ist enorm - höher als in Deutschland“, sagte er gerade ein einem Zeitungsinterview.

          „Die Umwandlung in die SE macht es einfacher, den Firmensitz zu verlagern“, sagt Betriebsratschef Kohl. Im kommenden Jahr soll SAP in eine europäische Aktiengesellschaft (SE) umgewandelt werden, wenn die Aktionäre zustimmen. Ein SAP-Sprecher beschwichtigt: „Es gibt keinerlei Überlegungen den Unternehmenssitz zu verlagern.“

          Wer betreut die Kunden?

          In der Branche fragt man sich auch, wie die Kunden reagieren werden. Snabe hatte einen guten Ruf bei den europäischen Firmen, sagt ein SAP-Kenner, der auch mit Kunden zusammenarbeitet. McDermotts „amerikanische“ Art komme dagegen gar nicht so gut an.

          Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) will sich nicht zu der Personalie äußern. Snabe kam indes bei den deutschen SAP-Kunden gut an. Nachdem sein Vorgänger Leo Apotheker die Firmen mit höheren Preisen verschreckt hatte, erntete er während eines Treffens der SAP-Kunden im Jahr 2011 Applaus.

          Wer seine Rolle einnehmen soll, ist offen. Technikvorstand Vishal Sikka gilt unter Analysten als neuer zweiter Mann des Softwarekonzerns, nachdem er im Mai nach dem Weggang von Cloud-Chef Lars Dalgaard alle Innovationsbereiche zugeschlagen bekam. Doch Sikka spricht noch weniger Deutsch als McDermott. Den Kontakt zu Kunden pflegt eher der 60 Jahre alte Gerhard Oswald, dessen Kompetenzen im Mai ebenfalls noch einmal erweitert worden waren. Doch Oswald, heißt es bei SAP, spreche in der Regel lieber deutsch als englisch. Eine ungünstige Konstellation in einem global agierenden Konzern.

          Obwohl Doppelspitzen - aus einem Techniker und einem Vertriebsexperten - bei SAP Tradition haben, wird McDermott nun vorerst allein herrschen. Der Amerikaner lobte die Zusammenarbeit mit seinem „Freund und Partner“ Jim Hagemann Snabe stets in den höchsten Tönen. Dem Magazin „Capital“ hatte der SAP-Co-Chef aber einmal gesagt: Wäre er früher gefragt worden, mit jemandem zusammen Chef zu werden, hätte er erwidert: „Was ist die Pointe?“

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