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Nach gescheiterter Fusion : Zurück auf Anfang für Thyssen-Krupp

Er hat jetzt alle Hände voll zu tun: Guido Kerkhoff Bild: AP

Ein rapide sinkender Aktienkurs, hohe Pensionskosten und nun eine Abfuhr für die geplante Fusion mit Tata. CEO Guido Kerkhoff hat sich verzockt – und steht jetzt vor einer Mammutaufgabe.

          Guido Kerkhoff hat hoch gepokert und mehr verloren als die am Veto der Europäischen Union gescheiterte Stahlfusion mit Tata. Auch weil ihm die Gewerkschaft im Nacken sitzt, war der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp nicht dazu bereit, über eher halbherzige Zugeständnisse an die EU-Kommission hinauszugehen.

          Aber wie schon Siemens und Alstom bei ihrer geplanten Zugfusion erfahren mussten, sind faule Kompromisse mit Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager nicht zu machen. Nun ist guter Rat teuer. Ohne die Stahlallianz steht Kerkhoff vor einem Scherbenhaufen. Trotzdem dürfte er fest im Sattel sitzen, weil ein abermaliger Führungswechsel das Chaos nur vergrößern dürfte.

          Sein im vergangenen Sommer entwickelter Plan, die Industriesparten vom Mutterkonzern abzuspalten und in der neuen Konstellation die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist krachend gescheitert. Wirklich überzeugend war das Konzept nie. Thyssen-Krupp braucht keine Blaupausen für neue Konzernstrukturen, sondern muss endlich wieder Geld verdienen.

          Verzockt – und was nun?

          Stattdessen schwinden die Gewinnmargen, fällt der Konzern gegenüber der Konkurrenz weiter zurück. Stille Reserven durch Buchgewinne in der Bilanz zu heben, wie es der Finanzfachmann Kerkhoff mit Unterstützung der Investmentbanker von Goldman Sachs in seinem Plan ausgetüftelt hatte, ist gut und schön. Aber dafür bis zu einer Milliarde Euro in Cash für Steuern und andere Teilungskosten lockerzumachen, kann sich der Konzern nicht leisten.

          Und was wäre an den Märkten gewonnen, wenn aus einem großen Mischkonzern zwei kleinere, zudem untereinander weiterhin bilanziell eng verflochtene komplizierte Konglomerate geworden wären? Wären die wirklich schneller, beweglicher und kundenorientierter geworden?

          Mit der Absage der Fusion, die hohe Pensionslasten aus den Büchern nehmen sollte, und dem rapiden Verfall des Aktienkurses ist der Charme endgültig dahin. Die eigenkapitalschwache und konjunkturabhängige Stahl- und Werkstoffgesellschaft wäre nur mit so starker Rückendeckung der Industriesparten überlebensfähig gewesen, dass das ganze Konzept zweier unabhängiger börsennotierter Gesellschaften in sich zusammengefallen wäre.

          Hinfällig sind nebenbei jetzt auch die Planungen und beruflichen Hoffnungen der vielen Mitarbeiter, die in der Vorbereitungsphase schon zwischen den beiden beabsichtigten Teilgesellschaften hin und herverschoben wurden.

          Für die Stahlkocher sieht es düster aus

          Kerkhoffs Kehrtwende ist nicht nur für sie, sondern für die gesamte 160.000 Menschen starke Belegschaft eine Bedrohung. Treffen wird es als Erstes die Stahlkocher. Die erhofften Verbundvorteile aus der Fusion sind perdu, Thyssen-Krupp muss die sich abzeichnende nächste Flaute allein bewältigen. Weitere Einschnitte und Sparrunden an den Hochöfen sind vorgezeichnet.

          Die von seinem Vorgänger Heinrich Hiesinger eingeschlagene und von Kerkhoff als Finanzvorstand treu mitgetragene Strategie, sich vom konjunkturanfälligen Stahlgeschäft zu lösen und Thyssen-Krupp zu einem Industriekonzern umzubauen, ist Vergangenheit. Vorstand und Aufsichtsrat läuft die Zeit davon.

          Die Situation ist bedrohlicher als im Chaosjahr 2018, als der Rücktritt von Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner den Konzern in seinen Grundfesten erschütterte. Seitdem ging es steil weiter bergab. Kerkhoffs Rettungsmanöver sorgte nur für kurze Entlastung, danach hat sich der Aktienkurs halbiert.

          Eine günstige Gelegenheit

          Die einst stolze Ikone der deutschen Industrie wäre nun an der Börse für weniger Geld zu haben, als das Aufzugsgeschäft wert sein soll, um das sich alle Pläne für den Umbau zum Industriekonzern rankten. Die Sparte war der Hoffnungsträger des Konzerns. Jetzt schon steht sie für rund die Hälfte des Ergebnisses, kein anderer Geschäftsbereich verspricht solche Wachstumschancen.

          Aber deshalb steht sie auch im Mittelpunkt der Begehrlichkeiten all der Hedgefonds und Anlagegesellschaften, die sich bei Thyssen-Krupp eingekauft haben und seit langem auf eine Zerschlagung des Konzerns spekulieren. Ihre Stunde ist gekommen. Kerkhoff braucht frisches Geld, um aus der Misere herauszukommen. Das Unternehmen ist zum geschrumpften Kurswert ein Übernahmekandidat und bedroht vom Dax-Abstieg, es benötigt dringend neue Kursphantasie.

          Aufzüge sollen an die Börse

          Deshalb geht es nun an das Tafelsilber: Die Aufzüge, ein Geschäftsfeld mit 50.000 Mitarbeitern, fast einem Drittel der gesamten Belegschaft, sollen in eine eigenständige Gesellschaft ausgelagert werden, um einen Börsengang vorzubereiten. Anleger sind begeistert, der Kurs schoss am Freitag in die Höhe.

          Welche Perspektive bleibt dann für den Restkonzern? Die beiden übrigen Industriesparten, der Anlagenbau und das Autozuliefergeschäft, stecken in Schwierigkeiten und müssen saniert werden. Der von unkalkulierbaren Militäraufträgen abhängige Marineschiffbau bleibt ein Wagnis. Also zurück an den Anfang, zu Hochöfen, Hüttenwerken und der Stahlverarbeitung. Sie haben Thyssen-Krupp einst groß gemacht, aber den Konzern später auch in die Krise gestürzt, die ihn heute mehr denn je gefesselt hält.

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          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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