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Nach Germanwings-Absturz : Lufthansa-Chef will Überraschungs-Checks für Piloten

Germanwings-Absturz : Andreas Lubitz hat Sinkflug geübt

Hinweise auf mögliche Störungen der seelischen Verfassung kann eine Medikation wie die regelmäßige Einnahme von Antidepressiva liefern. Sie werden allerdings auch gegen chronische Schmerzen eingesetzt und sind somit keine eindeutigen Indikatoren für seelische Krankheiten. Unangekündigte Kontrolluntersuchungen für Piloten, die zumindest in ihrem Überraschungseffekt mit den Doping-Tests für Profisportler vergleichbar wären, nennt Spohr als ein mögliches Mittel, um Unsicherheiten in diesem Bereich zu verringern – wobei er das Wort „Doping-Test“ selbst nicht in den Mund nimmt. Darüber hinaus müsse sorgfältig geprüft werden, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Ausnahmefällen die zuständigen Flugärzte von ihrer gesetzlich verbrieften Schweigepflicht entbunden werden können.

Im Gespräch mit der F.A.Z.: Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG
Im Gespräch mit der F.A.Z.: Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG : Bild: Frank Röth

Für die Lufthansa selbst gibt es sowieso kein Schweigen mehr. Unter anderem auch mit Ulrich Wessel, dem Schulleiter des von der Katastrophe besonders stark betroffenen Joseph-König-Gymnasiums in Haltern, hat sich ein intensiver Austausch entwickelt. Und neben den 500 freiwilligen Helfern im Konzern, die eilige Anfragen direkt beantworten, Formalien möglichst unbürokratisch erledigen oder an Spezialisten verweisen, ist eine Schar von professionellen Post-Trauma-Fachleute im Einsatz, um für fachkundige Nachsorge der Hinterbliebenen zu sorgen.

„Vertrauen der Fluggäste in uns hat eher zugenommen“

Für Europas größte Fluggesellschaft, die schon länger mit wirtschaftlichen Problemen kämpft und mitten in einem tiefgreifenden Konzernumbau steckt, steht viel auf dem Spiel: „Der Absturz hat natürlich zu einem absoluten Ausnahmezustand in der sechzigjährigen Unternehmensgeschichte geführt. In der Belegschaft hat dies auch zu starkem inneren Zusammenhalt und mentaler Stärke geführt“, räumt Spohr ein.

Durch den sensiblen Umgang mit der Krise sind Grundwerte der Lufthansa wie Verlässlichkeit, Transparenz oder Kundenkulanz eher bestätigt denn beschädigt worden, glaubt der Lufthansa-Chef. Hohe Buchungsausfälle oder öffentliche Attacken von Kunden, denen jüngst Malaysia Airlines oder Air Asia im Nachgang von Flugzeugabstürzen ausgesetzt waren, sind der Gesellschaft erspart geblieben. Im Gegenteil: „Die Marken Germanwings und Lufthansa haben diesen Tiefschlag zum Glück gut verkraftet“, zitiert Spohr aus Kundenumfragen, „und das Vertrauen der Fluggäste in uns hat sogar eher zugenommen.“

Der Absturz hat auch deutliche Spuren in der Befindlichkeit der Lufthansa-Piloten hinterlassen. Spohr stellt sich aber vor diese Berufsgruppe: „Wir sind auf selbstbewusste Kollegen, die ein Flugzeug steuern, weiterhin dringend angewiesen, und sie bleiben ein Teil der DNA unseres Unternehmens“, sagt Spohr, der selbst über eine Pilotenlizenz für eine Airbus-Maschine des Typs A320 verfügt. Die Krise hat zudem zwei Parteien wieder zu Verhandlungen geführt, die über Monate wegen diverser Tarifthemen und das Zukunftskonzept der Lufthansa zerstritten waren, eines Konzerns, der insgesamt 110.000 Mitarbeiter beschäftigt und rund 30 Milliarden Euro im Jahr umsetzt.

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