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Nach Fukushima : Tepco verliert die Kontrolle

Hochrisikozone: Arbeiter in Fukushima versuchen, Grundwasser mit einem Eiswall unter der Erde abzufangen Bild: AP

Mehr als drei Jahre nach dem Atomunglück von Fukushima sickert weiter radioaktiv belastetes Wasser ins Meer. Der Kraftwerkbetreiber Tepco wollte das mit einem Eiswall im Boden verhindern. Doch der hält nicht.

          3 Min.

          Im Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie in Tokio schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Der Versuch der Elektrizitätswerke von Tokio (Tepco), die Situation mit dem radioaktiv belasteten Wasser in der Atomruine in Fukushima unter Kontrolle zu bekommen, hat in der letzten Woche einen schweren Rückschlag erlitten. Tepco räumte in einer offiziellen Mitteilung ein, dass alle Versuche gescheitert sind, den Zufluss hoch radioaktiv belasteten Wassers in die Verbindungstunnel zwischen den Reaktoren 2 und 3 zu stoppen. Tepco-Ingenieure arbeiten seit Monaten daran, mit einer neuen Gefriertechnik zu verhindern, dass über die unterirdischen Kanäle immer wieder hoch radioaktiv belastetes Wasser nach außen dringt. Das offizielle Eingeständnis, damit gescheitert zu sein, weckt Zweifel am Konzept von Tepco und Meti.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Regierung und Ministerium bemühten sich gleich nach Tepcos Mitteilung abzuwiegeln. „Alles läuft im Plan“, lassen Regierungskreise ausländische Journalisten wissen. Wirklich? Wenn selbst Tepco einräumt, dass es nicht funktioniert? „Stimmt, wir hängen im Zeitplan etwas zurück“, rudern die Offiziellen zurück. Das Wasser in den Verbindungskanälen zwischen den Reaktorgebäuden fließe einfach zu schnell, heißt es nun zur Begründung. Deswegen friere es nicht.

          11.000 Tonnen hoch radioaktiv belasteten Wassers sind derzeit in dem Tunnel zwischen den Reaktoren 2 und 3, in denen es im März 2011 zur Kernschmelze gekommen ist. Von dort sickert es nun durch Lecks in den Boden.

          Ein Experiment mit ungewissem Ausgang

          Das Scheitern der Techniker in Fukushima hat auch Auswirkungen auf das wichtigste Projekt, das Tepco dort seit mehr als einem Monat mit Nachdruck vorantreibt. 1000 Tonnen Grundwasser fließen von den nahen Hügeln Tag für Tag auf das Gelände des havarierten Atomkraftwerks. 400 Tonnen dringen täglich in die Untergeschosse der havarierten Reaktoren 1, 2 und 3 ein, in denen es zur Kernschmelze gekommen war. Dort mischen sie sich mit 320 Tonnen Wasser, mit denen Tepco die Reaktoren kühlt, um sie unter Kontrolle behalten zu können. Mindestens 720 Tonnen Wasser werden damit Tag für Tag radioaktiv belastet – und ein Großteil davon in riesigen Wassertanks auf dem Gelände zwischengelagert. Nach Angaben der Regierung sind es mittlerweile 520.000 Tonnen Wasser.

          Um den Zufluss des Grundwassers zu stoppen, baut Tepco seit einigen Wochen an einem Eiswall aus gefrorenem Boden um die Reaktoren 1 bis 4. Wegen der Hitze können die Arbeiter der Firma Kajima in ihren Schutzanzügen nur abends arbeiten. Kajima hat Erfahrung im Bau von Eiswällen. Doch über eine Länge von 1,5 Kilometern, mit 400 Tonnen Grundwasser, die täglich auf den Wall zufließen, dazu zahlreiche unterirdische Tunnel, Leitungsschächte und andere Hindernisse ist es ein Experiment. Kritiker fragen sich, wie der Eiswall funktionieren soll, wenn Tepco mit dieser Technik schon gescheitert ist bei dem Versuch, den Abfluss des belasteten Wassers in den Griff zu bekommen.

          „Herausfordernde Aufgaben“

          Die Regierung verbreitet gegenüber ausländischen Journalisten dennoch ungebrochen weiter Zuversicht. Was soll sie auch anderes tun? Schließlich hat Ministerpräsident Shinzo Abe der Welt bei der Bewerbung Tokios um die Olympischen Sommerspiele 2020 zugesichert: „Die Lage ist unter Kontrolle.“ Zweifel daran scheint allerdings auch die japanische Atomaufsicht NRA zu haben. Als Tepco bereits im vergangenen Monat auf Nachfrage immer wieder einräumen musste, dass es die Lage in den unterirdischen Kanälen nicht unter Kontrolle bekommt, regten sich in der NRA Zweifel am gesamten Projekt Eiswall. „Solange das dort nicht funktioniert, kann das Projekt Eiswall nicht einfach so vorangetrieben werden“, kritisierten Experten der Atomaufsicht im Juli öffentlich. Die Regierung hält daran fest, dass der Eiswall bis April 2015 fertig sein und auch funktionieren wird. Immerhin: Rund 100 Tonnen Grundwasser fängt Tepco neuerdings durch sein „Bypass-System“ auf, ein Tropfen auf den heißen Stein.

          Regierungskreise bekräftigen gegenüber ausländischen Journalisten immer wieder, alles sei gut und verlaufe im Plan. Erst nach mehrmaligen Nachfragen wird dann sibyllinisch eingeräumt, es seien schon „herausfordernde Aufgaben“ zu lösen. Konsequent darum bemüht, aus Fukushima nur gute Nachrichten zu berichten, betonte die Regierung dieser Tage auch stolz, dass die drei Anlagen zur Dekontaminierung des Wassers laufen würden. Nur: Bis heute will die von Toshiba betriebene Anlage in Fukushima nach immer neuen Pannen einfach nicht so funktionieren, dass das Wasser gesäubert und in den Pazifik geleitet werden kann. Caesium scheint die Anlage mittlerweile bis zu den Grenzwerten hinauszufiltern, Strontium offenbar nicht. Tritium lässt sich gar nicht herausfiltern. Für die Pläne von Tepco und Meti, das für die Arbeiten in Fukushima mitverantwortlich ist, ist das Scheitern der Gefriertechnik im ersten Anlauf eine große Belastung. Ein Scheitern des Eiswalls um die Reaktorgebäude, dessen Bau rund 47 Milliarden Yen (340 Millionen Euro) kosten soll, würde die Zweifel an Abes Versprechen, alles sei unter Kontrolle, rasant vergrößern.

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