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Nach Dieselskandal : VW will Elektro-Marktführer werden

Herbert Diess im April 2018 in Wolfsburg Bild: AFP

Volkswagen will sich an die Spitze der Elektroautohersteller setzen. Dafür sollen deutlich mehr batteriegetriebene Fahrzeuge gebaut werden als geplant. Trotz Sparprogramm wird Chef Diess mit mehr als 8 Millionen Euro zu einem Top-Verdiener im Dax.

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          Volkswagen will den Wechsel in die Elektromobilität stärker als bislang geplant vorantreiben. Der Wolfsburger Autokonzern kündigte am Dienstag in Wolfsburg bei der Vorstellung der Jahresbilanz für 2018 an, in den nächsten zehn Jahren 22 Millionen batteriegetriebene Fahrzeuge auf seiner neuen Elektroplattform MEB zu bauen, sieben Millionen mehr als zuvor in Aussicht gestellt worden war. Ursprünglich war VW sogar nur von 10 Millionen ausgegangen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Wie kein anderes Unternehmen unserer Industrie richten wir Volkswagen auf Elektromobilität aus“, sagte VW-Chef Herbert Diess. Er bekräftigte, dass VW profitabler werden müsse, um dieses Ziel erreichen zu können. „Für die nötigen Investitionen steigern wir unsere Effizienz – in der Produktion, im Vertrieb, in der Verwaltung“, sagte er. „Wir werden agiler und innovativer – und wissen trotzdem, dass wir noch schneller werden müssen.“ Nach wie vor gebe es „großen Nachholbedarf“, sagte Diess. Der VW-Chef forderte im Konzern eine offene Debatte über die Folgen der Elektromobilität. „Zur Wahrheit gehört: Ein E-Auto lässt sich mit etwa 30 Prozent weniger Personal bauen“, sagte Diess. Es werde schwer, das „nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu schaffen“. Er verteidigte damit auch seine weiteren Sparprogramme, die er vor allem bei der Kernmarke VW durchsetzen will. Von zusätzlich 5000 bis 7000 Stellen ist die Rede. Mit wie viel Wucht Diess die Wende zur Elektromobilität durchsetzen will, machte er mit einer anderen Zahl deutlich: VW will  in den nächsten zehn Jahren statt der bislang geplanten 50 neuen Elektroautos fast 70 neue Modelle auf den Markt bringen. Bis 2030 soll der Anteil der Elektroautos, die Volkswagen in Europa und China verkaufen will, auf mindestens 40 Prozent steigen.

          Der VW-Chef hat es sich zum Ziel gesetzt, Volkswagen nach dem Abgasskandal um manipulierte Dieselmotoren an die Spitze der Anbieter elektrischer Fahrzeuge zu setzen. Mehr als 30 Milliarden Euro will Volkswagen deswegen bis 2023 in die Elektrifizierung seiner Flotte investieren. Diess kündigte außerdem an, dass das Unternehmen bis zum Jahr 2050 CO2-neutral werden wolle. „In den kommenden Jahren werden wir Produktion und weitere Wertschöpfungsstufen Schritt für Schritt auf CO2-Neutralität ausrichten“, sagte er. Heute entfielen rund 14 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes auf den Verkehr, allein die Marken von Volkswagen seien für ein Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. „Dieses Prozent wollen wir auf null Prozent senken“, sagte Diess.  Dabei solle individuelle Mobilität auch in Zukunft für Millionen Menschen möglich bleiben. Die Schritte zur Dekarbonisierung, die Diess VW verordnet hat, sollen von der Fahrzeugflotte über die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energien bis hin zur Verwaltung reichen. „Das ist ambitioniert, aber machbar“, sagte er.

          Porsche erfolgreich

          Der VW-Chef zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis des Konzerns im vergangenen Jahr. „Wir haben uns ordentlich geschlagen – trotz starken Gegenwinds“, sagte er. Gegenwind bescherte VW neben den Folgekosten der Dieselkrise vor allem die Umstellung auf den neuen europäischen Prüfstandard WLTP, mit dem Volkswagen erheblich mehr Probleme hatte als seine Wettbewerber. „Mit unserem komplexen Portfolio waren wir stärker betroffen als der Wettbewerb und zudem nicht optimal vorbereitet“, räumte Diess ein. Das Unternehmen habe daraus die Konsequenzen gezogen und die Modellvarianten bei der Marke VW um ein Viertel reduziert, bei Audi sogar um 30 Prozent. „Das verschlankte Portfolio hilft uns, die Produktivität zu steigern, Herstellkosten zu senken und Fixkosten abzubauen“, sagte Diess.

          Im Jahr 2018 hat Volkswagen den Betriebsgewinn leicht von 13,8 auf 13,9 Milliarden Euro gesteigert. Dabei sank das operative Ergebnis der Hauptmarke VW von 3,3 leicht auf 3,2 Milliarden Euro. Die Rendite der Marke schrumpfte auf 3,8 Prozent von zuvor 4,2 Prozent. Damit verfehlte VW die selbst gesteckte Zielmarke von vier bis fünf Prozent. Mit weltweit 10,8 Millionen verkaufter Autos stieg der Umsatz des Konzerns 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 229,6 Milliarden auf 235,8 Milliarden Euro. Die Kosten des Dieselskandals belasteten den Konzern  wie bereits im Vorjahr mit 3,2 Milliarden Euro. Konzern-Finanzvorstand Frank Witter sagte, VW gehe davon aus, in diesem trotz der „herausfordernden Marktbedingungen“ wieder etwas mehr Auto ausliefern zu können. Für die operative Umsatzrendite erwartet Witter einen Wert zwischen 6,6 und 7,5 Prozent. 2018 waren es 7,3 Prozent.

          VOLKSWAGEN VZ

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          VW, aber auch die Marke Audi hatten 2018 erhebliche Probleme bei der Umstellung auf das neue Abgasprüfverfahren WLTP und deswegen Milliardenbelastungen beim operativen Ergebnis. Bei Audi gingen die Umsätze von 59,8 auf 59,2 Milliarden Euro zurück. Das operative Ergebnis vor Sondereinflüssen sank von 5,1 auf 4,7 Milliarden Euro. Der Dieselskandal schlug mit 1,2 Milliarden Euro zu Buche und minderte das Ergebnis entsprechend.

          Weniger verkaufte Autos und Rabatte wegen der Umstellungsprobleme auf WLTP führten dazu, dass die operative Rendite des Ingolstädter Unternehmens von 8,5 auf 7,9 Prozent zurückging. Sehr erfolgreich war dagegen wieder der Sportwagenhersteller Porsche. Die Umsatzerlöse der Stuttgarter legten um 9,2 Prozent auf 23,7 Milliarden Euro zu. Das operative Ergebnis stieg um 2,7 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro, die operative Rendite lag bei 17,4 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 18,5 Prozent gewesen.

          Im oberen Mittelfeld der Dax-Manager

          Der trotz der anhaltend hohen Kosten für die Bewältigung des Dieselskandals und der Probleme bei der WLTP-Umstellung robuste Gewinn von Volkswagen macht sich auch beim Einkommen von Vorstandschef Herbert Diess bemerkbar, der im Frühjahr an die Spitze des Konzerns kam und seitdem Konzern- und Markenchef von VW ist. Diess erhielt 2018 insgesamt knapp 8,5 Millionen Euro, wie aus dem am Dienstag veröffentlichten Geschäftsbericht hervorgeht. Darin sind neben dem Festgehalt, variablen Vergütungen und Langzeitboni (LTI) auch die Versorgungsansprüche enthalten. Damit lag Diess im oberen Mittelfeld der Chefs deutscher Dax-Konzerne. Spitzenverdiener war Allianz-Chef Oliver Bäte mit etwas mehr als zehn Millionen Euro gefolgt von SAP-Vorstandschef Bill McDermott mit rund 9,8 Millionen Euro. Daimler-Chef Dieter Zetsche kam auf knapp sechs Millionen Euro.

          Diess hatte im April vorigen Jahres den damaligen Volkswagen-Chef Matthias Müller abgelöst und führt den Wolfsburger Konzern seither zusammen mit der Markengruppe um VW. 2017 hatte seine Gesamtvergütung bei 5,2 Millionen gelegen. Müller verdiente als Konzernchef einschließlich Nebenleistungen und Versorgungsansprüchen 2017 etwas mehr als zehn Millionen Euro. Insgesamt stiegen die Vorstandsbezüge bei Volkswagen im vergangenen Jahr leicht auf 50,3 Millionen Euro. Bei Volkswagen gibt es seit zwei Jahren ein neues Vergütungssystem.

          Seither sind die Gehälter des Vorstandschefs und der Vorstandsmitglieder gedeckelt. Bonuszahlungen sind vom Aktienkurs abhängig und orientieren sich stärker am Kapitalmarkt. Damit folgte VW den Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance Index. Davor hatte Volkswagen durch hohe Erfolgsboni für Schlagzeilen gesorgt. Der frühere Konzernchef Martin Winterkorn, der wegen der Dieselaffäre 2015 zurücktrat, hatte vor einigen Jahren mit einem Rekordgehalt von 17,5 Millionen Euro für Kritik gesorgt.

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