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Nach der Edscha-Pleite : Unter den Autozulieferern geht die Angst um

  • -Aktualisiert am

Edscha in Niederbayern: Ob es Rettung gibt, ist ungewiss Bild: ddp

Die Absatzkrise der Autohersteller schlägt auf die zweite Reihe durch. Binnen zwei Monaten haben schon sieben Zulieferer Insolvenz angemeldet. Davon betroffen sind gut 13.000 Beschäftigte. Als besonders gefährdet gelten Betriebe im Besitz von Finanzinvestoren.

          Schaeffler und Continental sind nur zwei der bekanntesten Namen. In der Branche kämpfen nach Schätzungen bis zu hundert Unternehmen mit existentiellen Finanzierungsproblemen. Die Insolvenzwelle in der Autozulieferindustrie kommt langsam ins Rollen. Allein in den vergangenen zwei Monaten hat es sieben Unternehmen erwischt. In dieser Woche traf es den Remscheider Cabriodach-Hersteller Edscha und den Zulieferer Geiger aus Garmisch-Partenkirchen.

          Jetzt geht in der gesamten Branche die Angst um. Hauptursache für die Pleiten sind Umsatzverluste im Zuge der Absatzkrise der Autoindustrie, zu hohe Kosten sowie Schulden und Pensionsverpflichtungen. Auch die hohen Energie- und Stahlpreise spielen eine Rolle. Das Debakel hatte sich abgezeichnet: Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verfolgte deshalb im Dezember zeitweise Pläne für einen eigenen Rettungsfonds der Hersteller zugunsten ihrer Zulieferer. Der Verband konnte sich mit dieser Idee jedoch nicht durchsetzen. So bieten lediglich einzelne Bundesländer wie Hessen oder Nordrhein-Westfalen Kreditbürgschaften an.

          „Ausgesaugt bis zur Blutleere“

          Unterdessen verschärft sich die Krise der Zulieferer. Erstmals schlägt die Kurzarbeit, die die meisten Autohersteller mittlerweile angemeldet haben, voll auf die zweite Reihe durch. Als besonders gefährdet gelten nun Zulieferer im Besitz von Beteiligungsgesellschaften, weil die Finanzinvestoren den von ihnen erworbenen Unternehmen in vielen Fällen die hohen Schulden aufbürden, die sie für den Kauf aufgenommen haben. Wegen der hohen Aufwendungen für Schuldzinsen und Tilgung wird das Geld selbst bei ansonsten gesunden Betrieben knapp und reicht oft nicht einmal mehr zur Finanzierung der Betriebsmittel.

          Die gesamte Zulieferbranche zählt in Deutschland mehr als 320.000 Beschäftigte. Allein die sieben Unternehmen, die seit Dezember zahlungsunfähig wurden, beschäftigen zusammen mehr als 13.000 Mitarbeiter und erzielen rund 3 Milliarden Euro Umsatz. Größte einzelne Insolvenz ist bisher Edscha mit gut 6000 Mitarbeitern und gut einer Milliarde Euro Erlösen. Edscha zählt international zu den 100 größten Automobilzulieferern und ist in Deutschland der größte Zulieferer im Besitz einer Beteiligungsgesellschaft. Carlyle habe Edscha „ausgesaugt bis zur Blutleere“, behauptet der bayerische IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer.

          Auffälig: Alle Insolvenzbetriebe gehörten Beteiligungsgesellschaften

          Weitere große Insolvenzen waren der Leverkusener Bremsbelaghersteller TMD Friction sowie der in Holland ansässige Antriebswellenproduzent Tedrive und der Schallisolationsspezialist Stankiewicz aus Celle. Bei TMD hatten Hedge-Fonds den Kredithahn zugedreht, obwohl das Unternehmen operativ Gewinn erzielte.

          Was tatsächlich auffällt: Auch diese drei Insolvenzbetriebe gehörten allesamt Beteiligungsgesellschaften - Montagu, Orlando und Gilde Buyout. Geiger war in Besitz des indischen Investors Sintex. Weitere große Zulieferer im Eigentum von Private-Equity-Fonds sind die Motorengießerei Honsel aus Meschede (Ripplewood), Neumayer-Tekfor (Barclays) und die ISE-Gruppe (Nordwind).

          Nach der Insolvenz kommt entweder der Verkauf oder die Sanierung. So soll TMD vollständig verkauft werden. Laut Insolvenzverwalter Frank Kebekus haben sich mehrere potentielle Investoren gemeldet. Anders sehen die Pläne für Tedrive aus: Ziel des Insolvenzverwalters ist dort die vollständige Erhaltung als eigenständiges Unternehmen.

          Konkurrent Honsel konnte kürzlich gerade noch rechtzeitig das Ruder herumreißen. Das Unternehmen aus dem sauerländischen Meschede, das mit einem Auftragsrückgang um fast ein Drittel rechnet, trennte sich von Leiharbeitern und ließ Zeitarbeitsverträge auslaufen. Danach handelte Honsel mit den Banken für die laufenden Kredite eine Zinsstundung bis Ende März aus.

          Viele arbeiten durchaus profitabel

          Da viele Autozulieferer wirklich nur Finanzierungsschwierigkeiten haben und operativ profitabel arbeiten, gibt es oft Alternativen zur Insolvenz oder zur Übernahme durch einen Konkurrenten. Dazu zählen unter anderem Hilfen durch die Autohersteller selbst, die ihre Rechnungen früher bezahlen können als bisher, sowie staatliche Kreditbürgschaften und Zugeständnisse der Gläubigerbanken. Das Problem: Sowohl die Hersteller als auch die Banken stehen selbst wegen der Finanzkrise unter Druck. Bei den Herstellern verschärft sich zudem die Absatzkrise: Im Januar wurden in Deutschland 14 Prozent weniger Autos verkauft. Der Export brach sogar um 39 Prozent ein.

          Verzweifelt versucht der Branchenverband VDA in dieser Misere zu helfen: „Wir informieren unsere Mitglieder über die Details der Kredit- und Bürgschaftsprogramme, die in den Konjunkturprogrammen I und II enthalten sind“, sagt ein VDA-Sprecher. Auf besonderes Interesse sei kürzlich auch eine Informationsveranstaltung zur Liquiditätssicherung gestoßen. Der VDA führe zudem Gespräche mit den Banken, um die Situation der Branche zu schildern und Verständnis für die Lage der einzelnen Unternehmen zu wecken.

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