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Nach den Ereignissen in Japan : Atomkonzerne wollen über Altanlagen reden

„Wir sind betroffen und bestürzt”: RWE-Chef Jürgen Großmann Bild: dpa

RWE-Chef Jürgen Großmann versichert, dass auch „wir nach solchen gravierenden Ereignissen unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen noch einmal genau überprüfen“ müssen. Unterdessen lädt Klimakommissar Oettinger die Energieminister der EU-Staaten nach Brüssel.

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          Sprecher der vier Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland haben sich äußerst besorgt über die Lage in den außer Kontrolle geratenen Reaktoren in Japan geäußert. „Die Situation in Japan ist sehr dramatisch, und wir sind betroffen und bestürzt über das Unglück“, sagte RWE-Chef Jürgen Großmann dieser Zeitung. Man stehe in engen Kontakten mit den zuständigen internationalen Behörden und Organisationen, die näher an den Informationen über die Entwicklung in den beschädigten Reaktoren sind, erklärte auch ein Sprecher der Berliner Vattenfall. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montagnachmittag bekanntgab, dass die Bundesregierung ein dreimonatiges Moratorium für die Laufzeitverlängerung beschlossen hat, zeichnete sich für den Reaktor Neckar-1 eine Stilllegung noch in dieser Woche ab. Dieses Atomkraftwerk verfügt über kein Produktionskontingent aus der bisherigen Laufzeitenregelung mehr.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Großmann erklärte zu dem Moratorium, es bleibe abzuwarten, welche Forderungen die Politik jetzt genau formuliert. „Es gilt der Primat der Politik. Wir erwarten, dass die Bundesregierung auf die Betreiber zukommen wird. Dennoch leben wir in einem Rechtsstaat.“ Hans-Peter Villis, Vorstandschef der ENBW AG, erklärte zu den möglichen Konsequenzen für die 17 deutschen Kernkraftwerke, sein Unternehmen biete der Politik einen offenen Dialog zur Zukunft der sogenannten Altanlagen an: „Und offen heißt dabei tatsächlich ergebnisoffen.“

          „Kernkraft kein Selbstzweck“

          Ein solcher Dialog könnte laut Villis die Basis für einen neuen energiepolitischen Konsens in Deutschland sein: „Mit einem solchen Dialog könnte dann auch die Akzeptanz für den dringend benötigten Netzausbau und den Ausbau von Speicherkraftwerken erhöht werden.“ Diese seien nötig, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energie gelingen solle. Villis betonte: „Für uns ist die Kernkraft kein Selbstzweck, sondern sie ist Teil einer sicheren, kohlendioxidarmen und bezahlbaren Energieversorgung.“ Das Deutsche Atomforum hatte darauf hingewiesen, dass eine Verkettung zweier schwerer Naturkatastrophen wie in Japan - erst das extrem starke Erdbeben und dann die gewaltige Flutwelle - in Deutschland nicht vorstellbar sei. Die aus Japan kommenden Informationen würden ständig intensiv analysiert.

          Energiekommissar Oettinger hat nach Brüssel eingeladen, um über Lehren aus der Atomkrise in Japan zu diskutieren

          „Selbstverständlich müssen wir nach solchen gravierenden Ereignissen auch unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen im Lichte der Ereignisse noch einmal genau überprüfen“, versicherte Großmann. Dass es auch in Deutschland aufgrund von neuen Erkenntnissen Handlungsbedarf gebe, sei nicht ausgeschlossen. Aber schon früher seien die Sicherheitsreserven immer wieder erhöht worden.

          Oettinger lädt zu Klima-Treffen

          Energiekommissar Günther Oettinger hat kurzfristig für diesen Dienstag die Energieminister der 27 EU-Staaten nach Brüssel eingeladen, um über mögliche Lehren aus der Atomkrise in Japan zu diskutieren. Auch die Betreiber der europäischen Atomkraftwerke und Vertreter der nationalen Aufsichtsbehörden nehmen an dem Treffen teil. Im Mittelpunkt der Diskussion sollen die Erdbebensicherheit der Reaktoren in Europa und die Notversorgung mit Kühlflüssigkeit stehen. Deutsche Kernkraftwerke haben im vergangenen Jahr 22,6 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland beigetragen. Die Produktion war um gut 4 Prozent niedriger als im Vorjahr, vor allem wegen diverser Revisionsstillstände, mit denen die ältesten Blöcke in Deutschland - Biblis A und Neckar-1 mit ihren ausgelaufenen Restlaufzeiten - vor der Stilllegung bewahrt wurden. Der Berliner Versorger verhandelt gegenwärtig mit dem Mitgesellschafter Eon, dass dieser in den beiden norddeutschen Blöcken die Betriebsführung übernimmt.

          BDI-Präsident Hans-Peter Keitel mahnte die Politik zur Besonnenheit. „Sicherlich kann man nach den furchtbaren Ereignissen in Japan auch energiepolitisch nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagte er dieser Zeitung. Die Politik solle aber sorgfältig darauf achten, auf der Grundlage von Fakten zu urteilen. Wenn diese Fakten noch nicht bekannt seien, müsse sie sich die Zeit nehmen, die für eine sachgerechte Entscheidung notwendig sei. „Ich wünsche mir, dass sie sich extrem verantwortungsvoll mit den Tatsachen auseinandersetzt und darauf verzichtet, jetzt zu schnell und zu emotional zu entscheiden.“

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