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Nach dem Tesla-Unfall : Kontrollverlust im Auto

  • Aktualisiert am

Bitte in der Spur bleiben! Das nächste Modell von Tesla, der „Model 3“. Bild: Reuters

Zum ersten Mal ist ein Mensch bei einem Unfall mit einem automatisierten Auto gestorben. Die Maschinen sind nicht perfekt – und das ist für den Menschen besonders gefährlich.

          Anfang April dieses Jahres lud ein Fahrer eines Tesla-S ein Video bei Youtube hoch. Zu sehen ist darin ein weißer Lastwagen, der auf einer Autobahn die Fahrbahn wechselt und seiner Tessy, wie der junge Mann seinen Wagen nennt, gefährlich nahe kommt. Die Kollision scheint unausweichlich. Der Tesla weicht jedoch nach rechts aus und nichts passiert. Für den Besitzer ist klar: „Tessy did great“, hat also ihre Sache sehr gut gemacht und den Zusammenstoß verhindert. Er sei sehr beeindruckt, schreibt er als Kommentar unter dem Video und schickt Grüße an Teslagründer Elon Musk. „Danke, Elon“.

          Ein Monat später, Anfang Mai, ist genau dieser Fahrer tot: Der erste Mensch, der bei einem Unfall in einem vom Computer gesteuerten Auto ums Leben kam, wie erst in der Nacht zu diesem Freitag bekannt wurde. Abgesehen von der menschlichen Tragödie wirft der Unfall Fragen auf: Warum wird der Fall erst jetzt bekannt? Hat Tesla Schuld an dem tödlichen Zusammenstoß? Welche Rolle spielte der Fahrer selbst? Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine? Die amerikanische Verkehrsaufsicht NHTSA prüft jetzt, ob der „Autopilot“ bei dem Unfall korrekt funktionierte. Laut NHTSA betrifft die vorläufige Untersuchung etwa 25.000 Tesla „Model S“ des Modelljahres 2015. Ob der Fahrer diesen überhaupt eingeschaltet hatte, ist bisher nicht bekannt.

          Konnte der Autopilot den LKW nicht vom Himmel unterscheiden?

          Der Unfall ereignete sich nach Unternehmensangaben, als ein Lastzug im rechten Winkel vor dem selbstfahrenden Auto des Tesla-Models S die Straße kreuzte. Möglicherweise habe der Autopilot die weiß gestrichene Seite des Lkw nicht von dem taghellen Himmel dahinter unterscheiden können; die Bremsfunktion sei jedenfalls nicht ausgelöst worden. Der Tesla sei dann seitlich in den Lkw gefahren, wobei seine Windschutzscheibe eingedrückt worden sei. Hätte sich das selbstfahrende Auto von vorne oder von hinten dem Lkw genähert, hätte sein eingebautes „Unfallvorbeugungssystem wahrscheinlich ernstere Verletzungen verhindert“, hieß es in der Erklärung des Unternehmens. „Die Bremse wurde nicht eingesetzt", schreibt Tesla nun in dem Blog. Und betont: Seine Wagen seien bereits über 130 Millionen Meilen (rund 210 Millionen Kilometer) mit eingeschalteter „Autopilot“-Funktion gefahren. Im regulären amerikanischen Straßenverkehr gebe es einen Todesfall pro 94 Millionen gefahrener Meilen.

          Der „Autopilot“ kann Tempo, Abstand und Geschwindigkeit halten, vor Hindernissen bremsen oder ihnen ausweichen sowie automatisch einparken. Um die Umwelt zu erfassen, greift er unter anderem auf Kameras sowie Radar- und Ultraschallsensoren zurück. Die Teslas zeichnen während der Fahrt alle möglichen Daten auf und übertragen sie an den Konzern. Diese Informationen werden von Tesla dazu verwendet, die Technik besser zu machen. Fahrassistenz-Systeme mit einem ähnlichen Funktionsumfang werden auch von anderen Autoherstellern angeboten.

          Der Autopilot kann nicht allein bleiben – das ist ein Problem

          Kann sich der Fahrer eines Tesla also immer entspannt zurücklehnen? Eindeutig nein. Das macht den Umgang mit dieser Vorversion selbstfahrender Autos so schwierig.

          Tesla selbst betont, dass die Software die Elektromobile nicht grundsätzlich zu selbstfahrenden Autos mache. Fahrer würden beim Einsatz des Programms ausdrücklich aufgefordert, die Hände niemals vom Steuer zu nehmen und die Kontrolle und Verantwortung über das Fahrzeug zu behalten. Der Konzern argumentiert, das „Autopilot“-System sei eine neue Technologie in der sogenannten Beta-Phase, die standardmäßig abgestellt sei und erst bewusst aktiviert werden müsse. „Autopilot“ wird die ganze Zeit besser, aber es ist nicht perfekt und erfordert vom Fahrer, wachsam zu sein“, schrieb Tesla jetzt in dem Blogeintrag. So wäre Tesla nie schuld. Allerdings: Bei den meisten Autoherstellern kontrolliert das System regelmäßig, ob der Fahrer die Hände am Steuer hat. Wenn nicht, ertönen akustische Alarmsignale und das Auto bremst ab. In Teslas geschieht das nicht so schnell.

          Aufgabe des Fahrers: aufs Auto aufpassen

          Doch ob Menschen mit den Grenzen der Technik und der Fehleranfälligkeit in der Beta-Phase gut umgehen können, ist fraglich. „Menschen sind nicht gut darin, für lange Zeit herumzusitzen und ein System zu überwachen“, betont der Technologie-Ethiker Patrick Lin von der Polytechnischen Universität Kaliforniens.

          Die Reaktionszeit eines Menschen, der sich auf den Straßenverkehr konzentriert, wird bei einem Bremsvorgang in einem Auto in der Fahrschule mit mindestens einer Sekunde angegeben. Hat ein Mensch erst mal die Kontrolle abgegeben, dauert es mindestens zwei, wenn nicht 30 Sekunden, bis er wieder vollständig konzentriert ist. Piloten von Flugzeugen, die im Automodus fliegen, seien extra dafür ausgebildet und trainiert auf Extremsituationen entsprechend zu reagieren, schreibt der Ethiker.

          Im Internet wurden Videos veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, dass etliche Tesla-Fahrer sich nicht an diese Vorgaben halten und sich mit anderen Sachen beschäftigten. Einer kletterte sogar auf den Rücksitz und filmte den leeren Fahrersitz während einer Autobahn-Fahrt von dort. Der Fahrer des Lastwagens, der für den jüngsten Zusammenstoß sorgte, sagte danach aus, er habe nach dem Unfall aus dem Tesla noch den Ton eines „Harry Potter“-Films gehört.

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