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Nach dem Freitod des Patriarchen : Was von Merckles Imperium übrig bleibt

Am Unfallort: Kerzen von Mitarbeitern Bild: dpa

In der Heimatstadt von Adolf Merckle sitzt der Schock über den Selbstmord des Patriarchen tief. Die große Pleite des Firmenimperiums ist vorerst abgewendet. Dennoch bangen im „Ländle“ Tausende um ihre Zukunft.

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          Der „Forellenfischer“ hat Betriebsferien diese Woche. Das gemütliche Restaurant in einem eindrucksvollen Fachwerkhaus hat Adolf Merckle häufig zu Gast gehabt. Da wären die Wirtsleute eine gute Quelle für Informationen und Anekdoten, aber sie sind verreist. Journalisten von „Spiegel“, „Stern“ und RTL versuchen es ersatzweise im gleichnamigen Hotel, aber sie gehen auch dort leer aus. Nur dass Adolf Merckle ein angesehener Bürger in Blaubeuren war, sagt man hier.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Viel zu erfahren ist über Merckle nicht im Städtchen Blaubeuren. Er war keine Person des öffentlichen Lebens. Man hat ihn gesehen, wenn er mit dem Fahrrad ins Büro gefahren ist oder in seinem geliebten Wald Erholung gesucht hat. Hier auf der Schwäbischen Alb schätzt man es, wenn einer solch bodenständige Hobbys pflegt und nicht das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft. Hier goutiert man es, wenn einer für die Bahn nur Fahrkarten zweiter Klasse löst, weil die Züge der ersten Klasse schließlich auch nicht schneller führen.

          Wohlwollend spricht man in Blaubeuren daher von einem bescheidenen Mitmenschen, den man verloren habe. Der Bürgermeister, Jörg Seibold, formuliert es etwas staatstragender: „Das ist der Verlust eines sehr geschätzten Bürgers.“ Das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse wurde Adolf Merckle zuerkannt, und es gibt viele, die ihn als Gönner zu schätzen gelernt haben: hier eine Millionenspende für das urgeschichtliche Museum, dort ein neues Vereinsheim für die TSG Söflingen, und jährlich darf die Universität Ulm Forschungspreise über 20 000 Euro ausloben.

          Bald unter neuem Eigentümer: Medikamente von Ratiopharm

          Blumen an den Gleisen

          Der Schock sitzt noch tief, auch am Tag, nachdem der Selbstmord von Adolf Merckle bekannt wurde. Fassungslos, bestürzt zeigen sich die Menschen. Wirtschaft, Politik, Kirche – von überall kommen Beileidsbekundungen. Kein geringerer als Gerhard Maier, der frühere Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg, wird am kommenden Montag die Trauerfeier halten. Schon an diesem Dienstagnachmittag werden erste Kerzen abgestellt im Gedenken an Adolf Merckle, auch Blumen liegen im Schnee neben den Gleisen, wo Blutspuren Zeugnis geben über das Unfassbare. Die Polizei passt auf, dass die Fotografen und Kameraleute nicht auf die Gleise treten – damit nicht noch ein Unglück passiert.

          Die Bestandsaufnahme dessen, was vor dem Selbstmord geschah, ist weitaus schwieriger. Was kann Adolf Merckle dazu getrieben haben, seinem Leben ein Ende zu setzen? Er, der noch Anfang Dezember im Interview mit dieser Zeitung gesagt hatte, er habe schon manchen Börsencrash überstanden, und der so zuversichtlich formulierte, er hoffe, „dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen“ (siehe ). Eine Lösung stand immerhin unmittelbar bevor: Die Banken wollten einen Überbrückungskredit gewähren. Adolf Merckle selbst soll noch am Montag gemeinsam mit seiner Frau Ruth die notwendigen Unterschriften unter verschiedene Verträge gesetzt haben.

          Die große Pleite ist abgewendet

          Nur zwei Tage, nachdem Adolf Merckle den Tod als einzigen Ausweg aus seiner Situation sah, gewähren die Banken den Kredit über mehrere hundert Millionen Euro. Und Ludwig Merckle, der älteste Sohn des Patriarchen teilt mit: „Wir sind sehr froh, eine Lösung gefunden zu haben.“ Das ist es wahrscheinlich: Froh wäre Adolf Merckle nicht mehr geworden, schon gar nicht „sehr froh“, auch wenn die große Pleite im Familienimperium abgewendet ist. Eine solche Pressemitteilung hätte Adolf Merckle nicht unterschreiben können, nicht unterschreiben wollen.

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