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Nach dem Ausstieg der Desertec-Stiftung : Die Industrie steht zu Desertec

  • -Aktualisiert am

Modell einer Solaranlage, wie sie mit Desertec entstehen könnte Bild: Lüdecke, Matthias

Auch nach dem Ausstieg der Desertec Foundation will die Industrie weiter Solarstrom in Nordafrika produzieren. Nun sucht das Konsortium Dii nach einem Neuanfang.

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          Drunter und drüber geht es derzeit bei einem der ehrgeizigsten Projekte der deutschen Wirtschaft: Intrigen, Austritte und ein Streit über die Ausrichtung gefährden Desertec, das Vorhaben, riesige Solarkraftwerke in der Sahara zu bauen für die Stromversorgung von Nordafrika und Europa. Die Geschichte rund um das Wüstenstromprojekt bietet alle Zutaten für eine Seifenoper über die Wirtschaft.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach jahrelangen Querelen kam es am Wochenende zum endgültigen Bruch zwischen der Desertec Foundation und dem Industriekonsortium Dii GmbH: Die Desertec Foundation erklärte ihren Austritt aus der Dii GmbH und, schlimmer noch, will dieser untersagen, künftig den Begriff Desertec „in den Konzepten und Publikationen der Dii“ überhaupt noch zu verwenden. Hinzu kam ein hässlicher Streit zwischen den Geschäftsführern Paul van Son und Aglaia Wieland um die Macht an der Spitze der Dii, der ungefiltert die Öffentlichkeit erreichte. Zudem begründete die Desertec Foundation ihren Ausstieg mit ebendiesem Streit. Sie wolle nicht „unverschuldet in den Sog der negativen Berichterstattung über die Führungskrise und Orientierungslosigkeit des Industriekonsortiums gezogen werden“, begründet die Stiftung die Kündigung.

          Nun versuchen die Beteiligten, den Streit und seine Folgen so gut es geht herunterzuspielen. „Wir sind und bleiben Gesellschafter der Dii“, sagt ein Sprecher der Munich Re. Der Rückversicherer ist ein starker Unterstützer des Projekts. Der Klimawandel und seine Folgen seien ein strategisches Thema für Munich Re. Deshalb sei auch die Förderung erneuerbarer Energien ein wichtiges Feld für den Versicherer. „Wir bedauern den Rückzug der Desertec Foundation“, heißt es auch bei RWE, einem anderen großen Unterstützer der Dii. „Wir werden jetzt die Situation mit unseren Partnern in der Dii analysieren“, heißt es weiter. Aber die Verantwortlichen bei dem Energiekonzern in Essen zeigen sich weiterhin von der Idee, in der Wüste Strom zu produzieren, überzeugt. Der Vertreter eines anderen Mitglieds der Dii dagegen meint, der Austritt der Foundation sei nicht mehr als die Scheidung einer Beziehung, die von Anfang an schwierig gewesen sei. Hier seien zwei Welten aufeinandergestoßen, die nicht miteinander klargekommen seien.

          Tatsächlich trieb die Desertec Foundation, die der deutsche Ableger des Club of Rome ins Leben gerufen hatte, das Konzept, Wüsten für erneuerbare Energien nutzbar zu machen, stark voran. Im Juli 2009 war sie an der Gründung der Dii GmbH beteiligt. Im Industriekonsortium Dii schlossen sich Finanzinstitute wie Munich Re, Deutsche Bank und HSH Nordbank mit Stromerzeugern wie RWE und Eon und Industrieunternehmen wie Siemens, Robert Bosch, M+W, Schott Solar und ABB zusammen. Gemeinsam wollten sie Projekte in Nordafrika und dem Nahen Osten anschieben, ursprünglich, um Europa mit Solarstrom zu versorgen. Bald schon zeigte sich, dass dies in manchen nordafrikanischen Ländern nicht gut aufgenommen wurde: Auch diese brauchen Strom, und angesichts ihres starken Bevölkerungswachstums brauchen sie künftig noch mehr Strom.

          Immer wieder kam es zu Streit - zwischen den Gesellschaftern, zwischen der Stiftung und der Dii und am Ende auch zwischen den beiden Geschäftsführern Paul van Son und Aglaia Wieland. Am Wochenende gab es gar Nachrichten, dass van Sons Vertrag vorzeitig gekündigt werden solle. Dem widersprach am Montag ein Dii-Sprecher: Van Son habe ursprünglich einen Dreijahresvertrag erhalten, der jährlich verlängert worden sei. Auf dem Dii-Jahrestreffen Anfang Juni in Sevilla sei dies mit Wirkung vom 1. Juli abermals geschehen.

          Auch wenn alle Beteiligten um Schadensbegrenzung bemüht sind: Der Ausstieg der Desertec Foundation hat Wunden hinterlassen. Wenige Minuten nach 17 Uhr habe er am Sonntag die Meldung der F.A.Z. über den Ausstieg der Stiftung gelesen, sagt ein Beteiligter. Die formale Kündigung der Stiftung sei erst um 17.38 Uhr eingegangen. „Das ist einfach die falsche Reihenfolge“, sagt dieser.

          Nun wollen die Beteiligten nach vorne schauen. Bei Desertec heißt es, die Stiftung habe sich nie nur auf Nordafrika beschränkt und werde ihre Projekte rund um den Erdball weiterverfolgen. Bei der Dii heißt es, das Konsortium wolle weiter erneuerbare Energien in Nordafrika fördern, wenn auch mit anderem Schwerpunkt: Der Stromexport nach Europa stehe nicht mehr im Fokus, und Windenergie spiele eine zunehmend größere Rolle. Nachdem die Gesprächstherapie offenbar nicht gefruchtet hat, soll es nun wohl eine Art Arbeitstherapie richten.

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