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Abstürze der 737 Max : Eine Milliarde Dollar zusätzliche Kosten für Boeing

Ursprung der Probleme: Die Boeing 737 Max 8. Bild: Reuters

Das Flugverbot für sein umsatzstärkstes Flugzeug durchkreuzt sämtliche Gewinnpläne von Boeing. Ob und wann die Maschine wieder in die Luft zurückkehrt, ist offen.

          Der Flugzeughersteller Boeing befindet sich nach Abstürzen von zwei seiner Maschinen des Typs 737 Max in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte. Jetzt bekommen seine Aktionäre zum ersten Mal einen Eindruck von den Auswirkungen des seit einigen Wochen herrschenden Flugverbots für die Jets auf seine Finanzen. Am Mittwoch legte er seinen Bericht für das erste Quartal des Jahres vor und meldete dabei einen erheblichen Umsatzrückgang in seiner Sparte mit Zivilflugzeugen, der sich damit erklärt, dass die 737 Max im Moment nicht an Kunden ausgeliefert wird. Boeing hat außerdem seine bisherige Umsatz- und Gewinnprognosen für dieses Jahr zurückgezogen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Eine neue Vorhersage wollte der Konzern zunächst aber nicht geben, was er mit „Unsicherheit über den Zeitpunkt und die Konditionen rund um die Rückkehr der 737 Max-Flotte in den Flugbetrieb“ begründete. Finanzvorstand Greg Smith sagte in einer Telefonkonferenz, Boeing fühle sich gegenwärtig „nicht in der Position“ für eine neue Prognose. Er sagte aber, für das erste Quartal seien eine Milliarde Dollar an zusätzlichen Kosten für das 737-Programm verbucht worden. Dies begründete er vor allem damit, dass Boeing im Zuge des Flugverbots die Produktionsrate für die 737 Max von 52 auf 42 im Monat reduziert hat. Dies habe den Effekt, dass sich die Fixkosten des 737-Max-Programms auf einen längeren Zeitraum verteilen werden.

          Wie teuer die Zwangspause für die 737 Max für das Unternehmen insgesamt wird, bleibt somit noch offen. Es dürfte sich aber in jedem Fall um keinen geringen Betrag handeln. Der Analyst David Strauss von der Bank Barclays schätzte kürzlich die finanziellen Belastungen allein in diesem Jahr auf zehn Milliarden Dollar. Die Krise dürfte in vielerlei Hinsicht Geld kosten. Weil die 737 Max derzeit nicht abheben kann, muss sich Boeing auf Schadenersatzzahlungen an seine Kunden unter den Fluglinien einstellen. Es gibt außerdem eine ganze Reihe von Klagen gegen Boeing, darunter von Hinterbliebenen von Opfern der beiden Flugzeugabstürze und auch von Aktionären. Die Vorgänge um die 737 Max sind außerdem Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen des amerikanischen Justizministeriums.

          „Herausfordernden Zeit“

          Die 737 Max wurde von Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt aus dem Verkehr gezogen, nachdem am 10. März eine Maschine des Typs in Äthiopien abgestürzt war. Dieses Unglück geschah nicht einmal sechs Monate nach dem Absturz einer 737 Max in Indonesien. Vorläufige Berichte zu den Unglücken legen den Schluss nahe, dass eine speziell für die 737 Max entwickelte Software mit dem Namen „MCAS“ und damit verbundene Sensoren in beiden Fällen eine zentrale Rolle gespielt haben. Boeing arbeitet gerade an einer Aktualisierung dieser Software, die von Aufsichtsbehörden genehmigt werden muss, bevor die 737 Max wieder fliegen kann.

          Im Quartalsbericht spricht das Unternehmen von „stetigem Fortschritt auf dem Weg zur endgültigen Zertifizierung“ für dieses Update. Boeing habe mittlerweile 135 Testflüge mit dem neuen System durchgeführt, und fast 90 Prozent der 737-Max-Kunden hätten die Software mit Simulatoren getestet. „Wir haben großes Vertrauen in dieses Software-Update,“ sagte Vorstandsvorsitzender Dennis Muilenburg. Die Nachrichtenagentur „Reuters“ hatte in dieser Woche gemeldet, Boeing habe einigen seiner Kunden gesagt, womöglich schon in der dritten Mai-Woche mit einer Genehmigung der Software durch die FAA zu rechnen. Das Flugverbot könne dann Mitte Juli aufgehoben werden. Für die Arbeit an dem Software-Update und damit verbundenen Schulungen hat Boeing im ersten Quartal nicht näher bezifferte Aufwendungen verbucht.

          Vorstandschef Muilenburg sprach am Mittwoch von einer „herausfordernden Zeit“. Die Abstürze hätten alle Boeing-Mitarbeiter „zutiefst berührt“, in einer Form, wie er das in seinen mehr als drei Jahrzehnten im Unternehmen noch nie erlebt habe. Das Unternehmen sei darauf fokussiert, das Vertrauen von Kunden, Regulierern und Flugreisenden „zu gewinnen und wiederzugewinnen“. Boeing hatte sich nach dem Absturz in Äthiopien zunächst noch gegen ein Flugverbot für die 737 Max gesträubt. Nach der Vorlage des vorläufigen Berichts in Äthiopien hat das Unternehmen zugegeben, dass eine irrtümliche Aktivierung der fraglichen Software zu beiden Abstürzen beigetragen hat. Muilenburg hat aber auch gesagt, dies sei nur „ein Glied in einer längeren Kette von Ereignissen“. Die MCAS-Software wurde entwickelt, weil die 737 Max im Vergleich zu vorherigen Modellen der 737-Familie andere aerodynamische Gegebenheiten aufweist. Sie soll ein Aufbäumen des Flugzeugs verhindern, indem die Nase der Maschine nach unten gedrückt wird.

          Freude im Rüstungsgeschäft

          In seinem Quartalsbericht meldete Boeing konzernweit einen Umsatzrückgang von zwei Prozent auf 22,9 Milliarden Dollar. In der Zivilflugsparte fiel der Umsatz aber um neun Prozent auf 11,8 Milliarden Dollar. Boeing hat im abgelaufenen Quartal 149 Maschinen ausgeliefert und damit 35 weniger als im Vorjahr. Von der 737-Familie wurden 89 Exemplare ausgeliefert, vor einem Jahr waren es 132. Der Auslieferungsstopp betraf freilich weniger als einen Monat im Quartal.

          Deutlich mehr Freude macht Boeing derzeit das Rüstungsgeschäft. In dieser Sparte stieg der Umsatz um zwei Prozent auf 6,6 Milliarden Dollar. Der konzernweite Nettogewinn von Boeing fiel um 13 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar, das Ergebnis je Aktie lag auf Höhe der Erwartungen von Analysten. Boeing kündigte am Mittwoch außerdem an, sein Aktienrückkaufprogramm vorerst auszusetzen. Der Aktienkurs des Konzern notierte nach der Vorlage der Zahlen am Mittwoch leicht im Plus. Sie kostet aber noch immer gut zehn Prozent weniger als vor dem Absturz in Äthiopien.

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