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Nach abgesagter Stahlfusion : Die Geier beginnen ihren Anflug auf Thyssen-Krupp

Das Duisburger Stahlwerk von Thyssen-Krupp Bild: dpa

Insbesondere das Marine-Geschäft ist im Visier eines früheren Interessenten, aber auch die lukrative Aufzugsparte. Dabei soll die eigentlich an die Börse gebracht werden.

          Nach der abermaligen strategischen Kehrtwende von Thyssen-Krupp bringen sich jetzt mögliche Käufer der Einzelsparten in Stellung. Schon wappnen sich Interessenten für die Marinesparte und für das Aufzuggeschäft für den Fall, dass der Mischkonzern unter Druck der Aktionäre zum Verkauf bereit ist. Nach Informationen der F.A.Z. Woche will sich die französische Naval Group in diesem Fall mit dem Marinegeschäft befassen – zumal ihre bestehende Kooperation mit Italienern erklärtermaßen für andere Partner offen ist. Und die Aufzugsparte hat abermaliges Interesse des finnischen Konkurrenten Kone geweckt, so berichtet es die Nachrichtenagentur Reuters. Dafür arbeite Kone mit der Investmentbank Bank of America Merrill Lynch zusammen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Thyssen-Krupp hatte eigentlich seine Stahlsparte mit jener des indischen Konkurrenten Tata zusammenlegen und das Unternehmen insgesamt in zwei Teile aufspalten wollen: einen Industrie- und einen Werkstoffkonzern. Vergangene Woche drehte der Vorstandsvorsitzende Guido Kerkhoff den Plan zurück. Nun soll das Stahlgeschäft als fester Kern übrig bleiben. Alles andere wird ausgelagert: entweder an die Börse gebracht oder für Partnerschaften freigegeben. Das wirft die Frage nach der Zukunft des Konglomerats auf, das nun einen Ausverkauf in Schritten einleiten könnte.

          Der Dax-Konzern betreibt neben dem Stahlgeschäft vier Industriesparten: Aufzüge, Anlagenbau, Autoteile und Marine. Drei davon stehen nach Kerkhoffs Ansage in der vergangenen Woche ziemlich offen im Schaufenster. Zum Anlagenbau und den Autoteilen sagte Kerkhoff: „In beiden Geschäften können wir uns die Weiterentwicklung auch mit Partnerschaften vorstellen – auch für Teilbereiche.“ Dasselbe gelte für das Marinegeschäft.

          Marinegeschäft im Visier

          Letzteres macht in Frankreich hellhörig, denn als künftiger Partner käme die Naval Group in Betracht. Immerhin hatte der mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche Konzern schon 2007 einen Zusammenschluss mit dem deutschen Unternehmen sondiert. Die Verhandlungen scheiterten damals an unterschiedlichen Vorstellungen über den Preis und über die Strategie des geplanten Verbundes. Jetzt erhalten die Pläne Auftrieb, auch schon aus politischen Gründen. Denn die Regierungen in Berlin und Paris wünschen zunehmend, die militärischen Werften in Europa zu bündeln und nach dem Vorbild des Airbus-Konzerns unter eine zentrale Kontrolle zu bringen. „Wir werden uns mit dem Marinegeschäft von Thyssen-Krupp beschäftigen, wenn es zum Verkauf angeboten wird“, heißt es denn auch im Umfeld der Naval Group.

          THYSSENKRUPP

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          Das Unternehmen äußert sich offiziell nicht, verweist aber auf eine frühere Aussage seines Vorstandschefs Hervé Gouillou. Naval hatte nämlich Ende 2018 schon eine enge Zusammenarbeit mit dem italienischen Pendant Fincantieri vereinbart. Das Gemeinschaftsunternehmen soll zur engen Abstimmung von Forschung und Produktion führen, um gegenüber dem internationalen Wettbewerb zu bestehen. Und bei einer Zwei-Länder-Allianz muss es nicht bleiben, denn Gouillou betonte damals: „Unser Verbund bleibt für andere Partner offen.“ Für die Manager von Thyssen-Krupps Marinesparte steht damit die Tür weit offen.

          „Wir sagen seit Jahren, dass eine Konsolidierung notwendig ist“

          Komplizierter ist die Lage im Fall der Aufzugsparte. Sie soll nach dem Willen des Managements an die Börse gehen, aber das ist, wie es heißt, die „bevorzugte“ Maßnahme. Die Sparte allein wird von Analysten deutlich höher bewertet als der Thyssen-Krupp-Konzern insgesamt, wie sogar Kerkhoff erwähnte. Das gehöre zu den „ unangenehmen Wahrheiten“. Wenn bald ein Interessent an dem Geschäft einen attraktiven Preis böte, könnte der Wunsch des Managements nach einem Börsengang schnell in den Hintergrund geraten. In den vergangenen Jahren sind viele Börsengänge in Wirklichkeit Zwei-Spur-Verfahren gewesen: Simultan bleibt dann die Hintertür für einen Verkauf offen. In der verzweifelten Lage Thyssen-Krupps dürfte das allemal gelten.

          „Es ist doch klar, dass Kone sich das jetzt anschaut“, zitierte Reuters einen Insider. Kones Überlegungen müssten nicht zwingend in ein Übernahmeangebot münden. Möglich sei eine Offerte, bei der neben einer Barkomponente auch eigene Aktien angeboten würden. Bank of America Merrill Lynch lehnte einen Kommentar ab, Thyssen-Krupp verwies nur auf Kerkhoffs Aussagen. Kones Großaktionär Antti Herlin war im Jahr 2016 mit dem Fusionswünschen an Thyssen-Krupp herangetreten. Eine Kone-Sprecherin sagte nun zum abermaligen Interesse, derartige Spekulationen kommentiere der Konzern grundsätzlich nicht.

          „Wir sagen seit Jahren, dass eine Konsolidierung notwendig ist. Daran hat sich nichts geändert.“ Kone hat einen Börsenwert von 22,2 Milliarden Euro. Den Wert von Thyssen-Krupps Aufzugsparte schätzen manche Experten auf 10 Milliarden, andere auf 14 bis 15 Milliarden Euro. Die Frage ist, ob Kartellbehörden einen Zusammenschluss genehmigen würden – sie haben in letzter Zeit öfters Fusionspläne beendet, wie Thyssen-Krupp und Tata mit ihren Stahlplänen erfahren haben, aber auch Siemens und Alstom bei der geplanten Zusammenlegung ihrer Bahngeschäfte. Die Thyssen-Krupp-Aktie stieg am Donnerstag um mehr als 9 Prozent. An Thyssen-Krupp sind als einflussreiche Aktionäre die Krupp-Stiftung und der aktivistische Investor Cevian mit großen Paketen beteiligt. Cevian hat kaum verhüllt eine Verwertung von Einzelteilen gefordert.

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