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Eigenes Musikvideo : Musical-App aus Schanghai macht jeden zum Star

Der Musical.ly-Gründer Louis Yang Bild: Echo Wang

Sich selbst filmen, zu Musikhits die Lippen bewegen und tanzen: Das machen bereits vier Millionen Deutsche mit der App Musical.ly. Von dem Erfolg ist nun auch das Silicon Valley beeindruckt.

          Das Start-up Musical.ly gibt sich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden. Es hat eine Smartphone-App gebaut, die mit alten Gewissheiten aufräumt, ihre Nutzer wie Prominente erscheinen lässt und Grenzen überschreitet. Seit einem Jahr macht die App Amerikas Teenager ganz verrückt, seit ein paar Monaten junge Deutsche. Zwölf Monate nach ihrem Start hat sie hundert Millionen Nutzer, davon vier Millionen in Deutschland. Kaum einer davon dürfte wissen, wo das Programm entwickelt wurde: hinter den virtuellen Mauern des chinesischen Internets. In einer anderen Welt. „Da kommt ein Laowai“, warnt der Wachmann in sein Funkgerät vor dem Eingang des schicken Bürokomplexes in der Jumen-Straße. Ein Laowai, ein Ausländer. Jumen-Straße, Huangpu-Distrikt, Puxi, die westliche Flussseite der 26-Millionen-Einwohner-Metropole Schanghai: Auch hier ist China immer noch ein Land, in dem Menschen mit heller Haut selbst im Jahr 2016 auf der Straße mit offenem Mund angegafft werden.

          Die App will mehr sein als ein Spielzeug

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In einem Loft inmitten einhundert Mitarbeitern liegt in einem Sitzsack ein 35 Jahre alter Junge in T-Shirt und einer Art besserer Unterhose. Noch vor einem Jahr wurde er von drei Dutzend Wagniskapitalfirmen ausgelacht für diese Idee: eine Smartphone-App zu bauen, mit der man sich per Kamera selbst filmen kann, wie man zu den im Hintergrund laufenden Musikhits die Lippen bewegt und tanzt. Einfach nur Grimassen schneiden und den Körper verbiegen ist auch erlaubt. 15 Sekunden ist das Filmchen am Ende lang, kurz genug, um nicht zu nerven, klein genug, um es als Datenpaket an Freunde zu senden, die den Auftritt kommentieren dürfen.

          Es gibt andere Apps, die das so ähnlich können, Dubsmash von dem Berliner Start-up Mobile Motion etwa. Aber Louis Yang, der junge Herr in der Horizontalen, sagt, es habe einen Grund, warum die Konkurrenzprodukte nicht mehr oft heruntergeladen würden, anders als das eigene: nämlich weil Musical.ly nicht nur ein Spielzeug sein wolle, sondern ein soziales Netzwerk. Wie Instagram, die Plattform zum Teilen von Fotos, die vor ein paar Jahren für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft wurde. Weil sie unter Jugendlichen als dermaßen lässig galt, dass es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit der Angst zu tun bekam. Jetzt nehmen die amerikanischen Internet-Riesen im Silicon Valley Muscial.ly ernst, das Start-up aus Schanghai.

          Das Klischee umgedreht: Ein Chinese erfindet, Amerikaner kopieren

          Es ist, als stünde die Welt Kopf. Bisher galt als gesichert, dass es in der globalen Software-Industrie so läuft: Amerikaner erfinden, Chinesen kopieren. Heute gibt Musical.ly-Gründer Yang in Amerika Millionen für Rechtsanwaltsfirmen aus, um gegen die Kopien amerikanischer Entwickler zu klagen. Für eine Milliarde Dollar würde er seine App nicht verkaufen, sagt der bebrillte Unternehmer, die jüngste Bewertung durch Investoren hätte die App bereits auf 700 Millionen Dollar taxiert. Da sei noch Luft nach oben. Die Investoren, die es vor einem Jahr noch für unmöglich gehalten haben, dass ein Chinese mit Software Amerika erobern könne, stehen nun Schlange, um ihm ihr Geld aufzudrängen.

          Im Jahr 1999, wenige Monate vor dem Platzen der Dotcom-Blase, gründete in Hangzhou der Englischlehrer Jack Ma das Internetkaufhaus Alibaba, das heute einen Börsenwert von 240 Milliarden Dollar hat. Im selben Jahr hob in der Provinz Hunan, in der Mao geboren wurde, der 18 Jahre alte Yang an der Universität sein Start-up aus der Taufe. Wie bei Alibaba drehte sich Yangs Geschäftsmodell um E-Commerce, dem elektronischen Handel von Rechten an geistigem Eigentum zwischen Universitäten. Eine komplizierte Idee, die Nutzer hätten ihn nicht verstanden, sagt Yang. Das Unternehmen scheiterte – so wie er im Studium, das er ohne Abschluss aufgab. „Ich war meiner Zeit zu weit voraus“, sagt er.

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