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Murdoch und die Politik : Geben und Nehmen

Umgedreht: Eigentlich schreiben Murdochs Medien über andere Menschen - nun schreiben die Medien über ihn Bild: dapd

Die britische Politik hat den Aufstieg Rupert Murdochs zum Medienzaren des Landes jahrzehntelang protegiert. Regierungen kamen und gingen - Murdoch stand immer auf der richtigen Seite. Nun muss der Schattenmann das Ruder wohl aus der Hand geben.

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          Wie Blei liege die „Sun“ in seinen Regalen, sagt der Zeitungshändler in Nordlondon. Noch vor einem Monat habe er mehr als viermal so viele Ausgaben der auflagenstärksten britischen Tageszeitung verkauft. Jetzt wolle sie kaum noch einer seiner Kunden lesen. „Es fing direkt am nächsten Tag an“, sagt der Händler. Am Tag, nachdem die Bombe geplatzt ist. Am 4. Juli druckte die Londoner Zeitung „Guardian“ eine Geschichte, die das ganze Land entsetzt hat: Journalisten des Sonntagsblattes „News of the World“ hätten auf der Jagd nach Schlagzeilen die Handy-Mailbox des vor neun Jahren entführten und später ermordeten britischen Schulmädchens Milly Dowler abgehört und sogar Nachrichten gelöscht, so dass dessen Eltern glaubten, ihre Tochter sei noch am Leben. Die „News of the World“ ist das Schwesterblatt der „Sun“. Beide gehören dem australisch-amerikanischen Medienunternehmer Rupert Murdoch, dem größten Zeitungsverleger im Land.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist der schwerste Betriebsunfall in der langen Karriere des 80 Jahre alten Murdoch, der mit seiner News Corp über eines der größten Medienkonglomerate der Welt gebietet. Rasend schnell haben sich die Ereignisse entwickelt. Zur Schadensbegrenzung hat Murdoch die vor 168 Jahren gegründete „News of the World“ kurzerhand eingestellt. Die News Corp ist dennoch in eine Führungskrise geschlittert. Es wird immer wahrscheinlicher, dass der alte Haifisch Murdoch, der trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer Vorstandschef ist, das Ruder aus der Hand geben muss. Sein Sohn James, bislang Hauptanwärter für die Nachfolge, ist ebenfalls angezählt. Beide sagen, sie hätten von den kriminellen Bespitzelungen nichts gewusst.

          Auf der Insel hat die internationale Expansion einst begonnen

          Doch der Skandal hat viel größeren Schaden angerichtet. Er hat das Vertrauen der Briten in Polizei und Regierung zutiefst erschüttert: Wie kann es sein, dass sich ein Medienunternehmen in einem solchen Ausmaß und bis vor kurzem weitgehend unbehelligt von den Behörden über Recht und Gesetz erhebt? In Tausenden von Fällen sollen Murdochs Journalisten Handys abgehört haben. Der Verdacht ist keineswegs neu. Die Affäre schwelt schon seit Jahren, ohne dass die Ermittler den Bespitzelungen auch nur annähernd auf den Grund gegangen wären. Immer deutlicher zeichnet sich stattdessen ab, dass der Murdoch-Konzern die Polizei unterwandert und korrumpiert hat.

          Die Folgen des schweren Betriebsunfalls: Proteste gegen den Medienzaren in London

          War das Laissez-faire politisch geduldet? Am Sitz der Regierung in der Londoner Downing Street gingen Murdoch und seine Manager jedenfalls seit Jahrzehnten aus und ein. Schon zu Zeiten von Margaret Thatcher fürchteten britische Politiker, sie könnten ohne die Unterstützung des Zeitungsbarons keine Wahlen gewinnen. Der unter Druck geratene Premierminister David Cameron legte kürzlich seinen Terminkalender offen. 26 Mal hat sich Cameron in seiner vierzehnmonatigen Amtszeit mit Murdoch-Spitzenmanagern getroffen. Den früheren Chefredakteur der „News of the World“, Andy Coulson, machte er trotz dessen Verstrickung in den Abhörskandal sogar zu seinem Sprecher – ein fataler Fehlgriff, der den Premier nun immer stärker in Erklärungsnot bringt.

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