https://www.faz.net/-gqe-a25v6

Revuetheater in Frankreich : Wenn auch Erotik nicht mehr hilft

Ein Bild aus fröhlicheren Zeiten: Im „Crazy Horse“ in Paris probten die Tänzerinnen für die Vorstellung am Abend. Bild: Helmut Fricke

Die französischen Revuetheater wie das „Moulin Rouge“ und das „Crazy Horse“ sind immer noch geschlossen. Das Wasser steht ihnen in der Corona-Krise bis zum Hals.

          5 Min.

          Die junge Unternehmenschefin rauft sich die Haare, drückt die Stirn auf den Schreibtisch, weiß aus Verzweiflung nicht mehr weiter. Plötzlich aber gewinnt sie die Kontrolle zurück, stößt den Stuhl beiseite und räkelt sich genüsslich auf dem Schreibtisch. Die Linien der Kurscharts hinter ihr ähneln auffällig ihren eigenen Kurven, und nun beginnt sie, sich auszuziehen. Mit jedem Kleidungsstück weniger steigen die Aktien. In der Antwort des „Crazy Horse“ auf den Wirtschaftseinbruch knistert es vor Erotik in der Luft.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          „Krise, welche Krise?“ hat das Paris Revuetheater den Striptease genannt, der auf die Rezession von 2008/2009 gemünzt ist und zu den Klassikern im Repertoire gehört. Doch derzeit nützt den Tänzerinnen ihre Anmutung nichts. Sie dürfen nicht gegen die Krise antanzen, weil alle Cabarets wegen des Coronavirus geschlossen sind. So versucht das „Crazy Horse“ seine Fangemeinde auf andere Art bei Laune zu halten. Auf Instagram posten die Tänzerinnen Fotos und Videos, geben Fitness- und Yogakurse sowie Schminktipps. Die Australierin Jessica Bennett erklärt in einem Live-Chat, dass sie sich bei keiner anderen Nummer mehr als Frau fühle als bei dem Krisen-Striptease: „Da fühle ich mich supermächtig, als ob ich alles unter Kontrolle habe.“ Ihre Kollegin mit dem Künstlernamen Tina Tobago aus Guadeloupe berichtet von ihrem zweiten Leben – als Krankenschwester. Weil sie ihren ursprünglichen Beruf nie aufgeben wollte, arbeitet sie neben dem Tanzen regelmäßig in Pariser Krankenhäusern. Auf dem Höhepunkt der Covid-Krise war sie Tag für Tag auf den Intensivstationen im Einsatz, um schwerkranke Covid-Patienten zu retten.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            im F.A.Z. Digitalpaket

          : Aktion

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Feuer in Kalifornien : Es gibt ein Mittel gegen Waldbrand

          Die verheerenden Feuer in Amerika wären mit den richtigen Maßnahmen zu verhindern. Denn die Ursache ist nicht allein der Klimawandel.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Ruth Bader Ginsburgs Tod : Eine Katastrophe für Joe Biden

          Bestätigen die Republikaner noch vor der Wahl einen neuen Richter, verändern sie das Land auf lange Zeit. Warten sie ab, spornen sie konservative Trump-Kritiker zu dessen Wiederwahl an. Und damit enden die Sorgen der Demokraten noch nicht.